Konvertiten: Von Müller zu Muhammad

23. September 2007, 14:11
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Sie wechseln zu einer Religion, die im Westen zunehmend als intolerant und aggressiv gilt - Besuch bei zwei Konvertiten

Sie wechseln zu einer Religion, die im Westen zunehmend als intolerant und aggressiv gilt: Jährlich konvertieren in Österreich an die 80 Menschen zum Islam, seit den vereitelten Anschlägen von Deutschland stehen sie im Zwielicht. Amina Baghajati und Muhammad Abu Bakr Müller leben ihren Glauben unterschiedlich aus: Die eine spricht vom aufgeklärten Islam, der andere lebt in Polygamie. Ein Besuch bei zwei Konvertiten.

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Es war kein Traum und auch keine Vision, die Muhammad Abu Bakr Müller auf den rechten Weg brachte, sondern ein Mückenschwarm. Hätten die Moskitos an jenem Abend in dem anatolischen Kaff nicht so hartnäckig gestochen, der junge Steirer wäre im Bett geblieben und sanft entschlummert. Er hätte seine erste Gebetsstunde verpasst und wäre nie im Haus von Scheich Ahmed Efendi gelandet, dessen "geistige Erleuchtung" förmlich greifbar war. Ob er Muslim werden wolle, fragte ihn der Scheich nach ein paar Tagen. Müller zögerte keine Sekunde.

Heute, gut 25 Jahre später, hockt Müller, Konvertit und Künstler, im Schneidersitz im Kellergewölbe seines Domizils in Deutschfeistritz. Er trägt Turban, einen Kaftan und einen grauen Rauschebart, seine Stimme ist hell und klar. "Dieses Europa hat keine Zukunft", sinniert Müller: "Der Islam wird kommen. Aber nicht durch Bomben." Obwohl er für moslemische Attentäter durchaus ein gewisses Verständnis aufbringe.

Der Glaube verbiete Selbstmordkommandos oder Attacken auf Frauen und Kinder, sagt Müller, Terror wolle er nicht rechtfertigen. Doch verwunderlich seien solche Reaktionen nicht. "In den vergangenen 300 Jahren wurden die Muslime nur überfallen", meint er, "die wahren Vorbilder der Terroristen sind Amerika und Europa, die ihnen ständig Bomben auf den Kopf schmeißen".

Sätze wie diese klingen in westlichen Ohren verdächtig. Seit die deutsche Polizei einen zum Islam übergetreten Mann festnahm, der hunderte Kilo Sprengstoff gehortet haben soll, stehen Konvertiten im Fokus der Öffentlichkeit (siehe unten). Auch in Österreich leben Umsteiger. Muhammad Abu Bakr Müller ist eines der schillerndsten Exemplare.

Den einen Vornamen hat er sich vom Propheten geliehen, den anderen vom ersten Kalifen. Und auch sein Leben passt Müller Koran und Überlieferung an. Keine sturen Regeln aus dem Mittelalter, meint er, jede einzelne habe ihren Sinn. Das wallende Kleid trägt er, weil Jeans beim Beten zwicken und spannen. Wer mit den Fingern esse, verbrenne sich nie den Mund und sei außerdem gezwungen, sich die Hände zu waschen. Ein Turban wiederum gebe ein Gefühl, als habe man sich "in den Islam eingewickelt".

Gerne übernahm Muhammad Abu Bakr auch die Sitte, sich mehrere Frauen auf einmal zu gönnen. Zwei Lebensgefährtinnen hat er, die eine schenkte ihm drei, die andere vier Kinder. Ein "Ausdruck der natürlichen Verhältnisse", meint Müller. Ob Frauen auch das Privileg der Polygamie zustehe? "Das wäre vollkommen pervers", sagt der Familienvater, "und biologisch sinnlos."

Per Telefon bestellt Müller Tee mit Milch. Die Getränke holt er dann aber selbst, er ist dagegen, dass seine Frauen sich Gästen zeigen. "Die beiden selbst wollen das noch viel weniger", versichert Müller. Im Gegensatz zur europäischen Gesellschaft, wo schon Kindern eingetrichtert werde, sie müssten sich nackt gegenseitig anschauen, sehe der Islam Schamhaftigkeit nicht als Krankheit. "Ein verlangender Blick der Männer ist wie Ehebruch", sagt er, "das lässt sich am besten verhindern, wenn die Frauen nicht dabei sind."

Müllers Partnerinnen tragen deshalb Kopftuch. Er selbst hält es auch für eine "sehr gute Sache", wenn sich Frauen das Gesicht verschleiern, doch das würde die Leute im Dorf "im Moment überfordern". Ob all diese Gebote nicht stets zulasten der Frauen gingen, die hinter Mauern und Stofffetzen versteckt werden? "Wieso?", fragt Müller. "Das geht nur auf Kosten der Männer, die die Frauen nicht mehr anschauen können."

Nichtmuslime leben wie Rauschgiftsüchtige", sagt Müller, sie bräuchten ständig Unterhaltung, um die innere Leere zu überbrücken. "Sie sehen das Leben als Paradies, aus dem sie möglichst viel herausholen müssen. Muslime wenden sich mehr dem Jenseits zu, sie begreifen das Leben als Gefängnis. Aber gerade das gibt ihnen die Freiheit, sich von Zwängen zu lösen." Wählen geht Müller nicht, weil keine Partei die islamischen Werte vertrete. In einem Staat, wie ihn sich der Konvertit vorstellt, wäre das Oberhaupt der religiösen Gemeinde auch politischer Führer, dem Willen Allahs verpflichtet. Richter müssten nach islamischem Recht urteilen, in letzter Konsequenz auch auf Körperstrafen wie Handabhacken zurückgreifen.

Über Abtrünnige vom Islam sei "ein Todesurteil" zu verhängen, ist auf Müllers Homepage zu lesen, da seien sich die Rechtsschulen einig. Den offiziellen Vertretern der österreichischen Muslime ist der Internetauftritt seit Langem ein Dorn im Auge, auch weil dieser unter dem prominenten Namen www.islam.at firmiert. "Müller zimmert sich in seinem Haus eine eigene Welt zusammen", sagt Amina Baghajati, Sprecherin der Glaubensgemeinschaft.

Eigentlich würde sich Baghajati an jenem Nachmittag lieber auf ihre Familienfeier zum Beginn des Fastenmonats Ramadan einstimmen. Doch ständig läutet das Telefon, wie immer, wenn islamistische Attentäter durch die Medien geistern. Routiniert distanziert sich die eloquente Frau im Namen der Muslime vom Terror, sie ist das Sprachrohr der islamischen Glaubensgemeinschaft und beinahe auch schon ihr Gesicht. Ein sorgfältig drapiertes Kopftuch verdeckt das Haar bis auf die letzte Strähne. Nur die blonden Augenbrauen verraten, dass Baghajatis Wurzeln weder in der Türkei noch in der arabischen Welt liegen.

Aufgewachsen ist Baghajati im deutschen Mainz. Schon damals habe sie sich unbewusst zum Islam hingezogen gefühlt, erzählt sie, was ihr aber erst später dämmerte. Die katholische Mutter legte die Stirn in Runzeln, als ihre Tochter zu einer Schallplatte über die Märchen von Tausendundeiner Nacht inbrünstig "Allah ist groß" mitsang. In der Schule fragte sich Baghajati insgeheim: Was, wenn Mohammed doch Recht hat?

Zum Übertritt brachte sie dann paradoxerweise Salman Rushdie. Auch Baghajati war empört, als die iranischen Mullahs auf den britischen Schriftsteller Kopfgeld aussetzten. Sie ging in eine Buchhandlung, um sich Rushdies "Satanische Verse" zu kaufen. Heraus kam sie mit dem Koran. "Gegen das Todesurteil bin ich aber nach wie vor", betont Baghajati.

Seit sie ein paar Jahre später auch das Kopftuch anlegte, übt sich Baghajati im Spagat, dennoch ein aufgeklärtes Bild zu vermitteln. Ihr beiden Töchter müssten selbst entscheiden, ob sie es der Mutter gleichtun sollen, und selbstverständlich dürften sie auch auf Skikurs und zum Schwimmunterricht.

Dass die "Chancengleichheit", die Baghajati fordert, in muslimischen Familien oft inexistent ist, hält sie für ein kulturelles, nicht islamimmanentes Problem. Aber erlaubt der Koran nicht den Männern wörtlich, ihre Frauen zu schlagen, wenn diese "sich auflehnen"? Die Übersetzung dieser Passage aus dem Arabischen sei nicht eindeutig, kontert Baghajati. Vom Vorbild Mohammed sei jedenfalls überliefert, dass er nie Frauen geprügelt habe.

"Wollt ihr nicht nachdenken?", mahnt der Koran. Baghajati nimmt das als Auftrag, das Wort Allahs zeitgemäß auszulegen. Dass den Interpretationsspielraum freilich auch konservative Kräfte nützen, gibt sie zu: "Manche Männer nehmen den Schutz der Frauen zum Vorwand, um diese zurückzudrängen." Warum dann auch in offiziellen Wiener Moscheen weibliche Besucher oft in finstere Ecken gepfercht werden? "Mit Abwertung hat das nichts zu tun", beteuert Baghajati: "Oft wollen die Frauen Plätze abseits, um nicht dicht gedrängt mit den Männern beten zu müssen. Deshalb wär ich für neue, geräumige Moscheen. Leider fehlt es am Geld."

Wegen der Konvertiten platzen die Gotteshäuser freilich nicht aus allen Nähten, obwohl Baghajati stärkeren Zustrom als vor zehn Jahren registriert. Hang zum Eiferertum vermutet sie nur bei Einzelnen, die aus politischen und nicht religiösen Gründen zum Islam wechseln.

Muhammad Abu Bakr Müller hingegen setzt große Stücke auf die Erneuerungskraft seinesgleichen, weil Zuwanderer ja in der Regel "dem Westen nachlaufen". Dass Neo-Muslime Attentate planen, glaubt er aber ebenso wenig wie "die Mär von der Existenz Al-Kaidas". 9/11 hält Müller am ehesten für eine "selbst gestrickte" Aktion des CIA, die Geschichte vom in Deutschland vereitelten Bombenanschlag für einen Schmäh. Und der sichergestellte Sprengstoff? Müller lächelt milde. "Also mir hat ein Chemiker gesagt, das gefundene Zeug eigne sich bestenfalls zum Haarefärben." (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.9.2007)

  • Konvertitin Baghajati: "Der Koran sagt: Denkt nach!"
    foto: corn

    Konvertitin Baghajati: "Der Koran sagt: Denkt nach!"

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