Abschied von der Goldenen Stadt

25. September 2007, 18:47
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Peter Demetz hat seiner Heimatstadt Prag und der Zeit zwischen 1939 und 1945 ein Erinnerungsbuch gewidmet: Ein Vorabdruck

Es sind finstere Jahre in Prag, über die Peter Demetz schreibt. Eine düstere, rätselhafte Stadt ist es auch, die Gerhard Trumler in seiner Bilderreise "Prag" (€ 29,90, Brand-stätter) mit Kamera und Text einfängt. Trumlers Reisebegleiter sind der Golem, Franz Kafka und der brave Soldat Schwejk. Ein Buch nicht nur für Prag-Liebhaber.

Eines Nachmittags Ende September 1941 sagte meine Mutter, sie sei in Josefov im Büro der jüdischen Gemeinde gewesen (ich frage mich, ob sie je zuvor dort war) und habe sich um ihre gelben Sterne – aus Stoff, schwarzumrandet, mit dem Wort "Jude" in der Mitte – angestellt. Zu Hause nähte sie fingerfertig, wie sie war, die Sterne an zwei Blusen und ein Kleid, wie es der Erlass vorschrieb.

Von dem Moment an konnte sie sich nicht mehr frei in der Stadt bewegen, alle Parks, Gärten und viele Straßen waren den Juden verboten; sie fand aber einen Weg, den Erlass wenigstens gelegentlich zu umgehen und mit meiner Hilfe so zu tun, als wären wir normale Bürger wie die anderen: Sie besaß eine elegante Handtasche, viereckig, schwarz und glänzend, ein bisschen Hollywoodchic à la Claudette Colbert, die sie in einem bestimmten Winkel an die Brust drückte, so dass der gelbe Stern verdeckt war, und wenn wir, Mutter und Sohn, nebeneinander gingen, schöpfte niemand Verdacht. Wenigstens spazierten wir, als ein paar sonnige Tage kamen, gemächlich durch die Parks, genossen die frische Luft und das warme Licht (vorzugsweise abseits, in den Parks von Vinohrady, wo wir sicher sein konnten, dass uns keine Nachbarn begegneten), wagten aber nicht, uns zu den alten Leuten auf eine Bank zu setzen. Es hätte gefährlich sein können.

Einmal, erinnere ich mich, hatten wir einen besonderen Anlass, dem Erlass zu trotzen. Es war Silvester (des schlimmen Jahres 1942), und mein Vater fand, wir sollten gemeinsam die Spätvorstellung in seinem Kino am Príkopy besuchen. Er beschaffte die Eintrittskarten und sorgte dafür, dass wir auf dem Balkon, nahe der Tür saßen, falls es nötig sein sollte, schnell zu verschwinden. Wir sahen eine Komödie. Meine Mutter amüsierte sich und ließ ihre schwarze Handtasche sinken, doch als die Lichter wieder angingen, drückte sie die Tasche pflichtbewusst wieder ans Kleid – gerade noch rechtzeitig, denn ein Paar, das sich zum Gehen wandte, starrte schon argwöhnisch zu uns herüber. Das sei K., sagte mein Vater, ein ehemaliger Theaterkollege, der aus früherer Zeit über unsere familiäre Situation bestens Bescheid wisse.

Das neue Jahr fing nicht gut an. Mindestens drei Tage und Nächte hatten wir Angst, dass K. uns denunziere, doch er war ein anständiger Mensch und schwieg. Für meine Mutter aber war das der letzte Kinobesuch, denn wir wagten nicht, unsere Ausflüge wiederaufzunehmen. Sogar unsere Spaziergänge im Park wurden selten.

Nachdem die Transporte begonnen hatten, verschwanden Bekannte und Freunde nach kurzem Abschied oder völlig wortlos, und wer (noch) da war, verstummte und beantwortete Fragen nach einem Verschwundenen nur mit einem ratlosen, verwirrten Achselzucken. Gelegenheit, Abschied zu nehmen, bekam man selten; einmal allerdings lud mich Herr Glass ein, mein Kollege aus der Buchhandlung und Halbjude wie ich, Eva L. Lebewohl zu sagen, die ihren Transportbefehl für Theresienstadt erhalten hatte. Wir alle kannten ihre traurige und komplizierte Geschichte: Eva war die Tochter eines bekannten Prager Journalisten und Schriftstellers, der sich rechtzeitig nach England abgesetzt hatte, sie aber weigerte sich zu gehen, weil sie mit einem jungen Österreicher liiert war, der versprochen hatte, sich um sie zu kümmern. Sie versuchten gemeinsam zu fliehen, doch es war zu spät.

Eva saß kurz im Gefängnis, er wurde nach Dachau geschickt, und nachdem sie wieder frei war, bemühte sie sich erneut zu fliehen, doch alle Versuche misslangen. Jetzt lud sie uns alle zu einem letzten Abend in ihre kleine Wohnung ein, ehe sie sich auf den Weg machen musste. Mein Kollege fungierte als Gastgeber, wie sich zeigte, und die Gäste waren, mich eingeschlossen, drei junge Männer; wir saßen da und nippten an einem Glas Weißwein, bis der Gastgeber verkündete, Eva habe uns eingeladen, um vor dem Abschied mit jedem von uns zu schlafen.

Es war kein Gangbang (was immer darunter zu verstehen ist; das Wort lernte ich erst fünfzig Jahre später kennen), sondern eine seltsam schickliche Sache, und so kam es, dass ich aufgefordert wurde, in das enge Schlafzimmer einzutreten, wo ich Eva, nachdem mein Vorgänger gegangen war, mit warmem Körper, in einem Spitzenhemd aus besseren Zeiten im Bett liegend fand. Sie war ein bisschen älter als ich, ihr aschblondes Haar war kurzgeschnitten, sie umschlang mich sofort, und obwohl ich reagierte, wie ich sollte (nahm ich jedenfalls an), spürte oder meinte ich doch zu spüren, dass ich sie enttäuschte, denn ich wollte so zärtlich sein, wie ich konnte, während sie einen stummen, heftigen Ausbruch von Leidenschaft erwartete. Dann verließ ich das Schlafzimmer, wir tranken noch ein Glas Wein, mein Nachfolger war an der Reihe, und schließlich kam auch Eva aus ihrem Zimmer, umarmte uns der Reihe nach, und wir gingen. Wir sahen sie nie wieder, und man nimmt an, dass sie im letzten Kriegsjahr im KZ Bergen-Belsen umkam.

Ein paar Monate später forderte mein Vater mich auf, mich von Paul Kisch zu verabschieden, dem Bruder des berühmteren Egon Erwin aus der alteingesessenen Prager Familie Kisch, die in einem alten Haus in der Melantrichova-Straße wohnte, und ich machte mich eher widerwillig auf den Weg, weil die Literaturgeschichte oder vielmehr ein Prager Gerücht behauptete, Paul sei, sehr im Unterschied zu seinem Bruder, immer ein deutscher Nationalist gewesen (wenn auch mit liberaler Einfärbung), habe seine Dissertation über den deutschen Dramatiker Friedrich Hebbel und die slawischen Völker geschrieben und sich darin auf Hebbels Seite gestellt, der von den Slawenvölkern als »Sklavenvölkern« sprach. Jeder kannte die unter Prager, Wiener und Berliner Intellektuellen kursierende uralte Anekdote über Paul, der im Herbst 1918 erfuhr, dass ausgerechnet sein radikaler Bruder Kommandant der Roten Garden war, die zahlreiche Wiener Regierungsgebäude besetzt hielten. Er stürmte in Egoneks Büro, und als er ihn in seiner zwar improvisierten, aber prachtvollen Bolschewikenuniform dort sitzen sah, rief er ungeniert aus: "Wart nur, ich sag's der Mama!" Jetzt aber war Herbst 1943, und als ich ins Zimmer trat, saß Paul, ein alter Mann, auf dem Sofa, reglos, doch im Kostüm seiner deutschen schlagenden Studentenverbindung von 1910, mit Handschuhen, Federbusch und Säbel, ein steinerner Gast aus einer anderen Zeit, vielleicht von einem anderen Planeten.

Wir sagten nicht viel, ich wünschte ihm stotternd alles Gute, denn er wollte am nächsten Morgen aufbrechen, und als ich die Tür wieder hinter mir schloss, kam mir der Verdacht, dass er mir, einem jungen Studenten, stolz etwas hatte vorführen wollen, etwas aus dem vergessenen Prag der Vergangenheit, vielleicht die glorreichen schwarz-rot-goldenen Zeiten der deutschen Nationalliberalen, die in den ersten paar Wochen der Revolution von 1848 Seite an Seite mit ihren tschechischen Verbündeten gekämpft hatten.

An diesen merkwürdigen Abend musste ich denken, als mein Vater im Frühjahr 1948 erzählte, er habe Egonek, der inzwischen ein international berühmter kommunistischer Autor war, in der Stadt getroffen und ihn im Scherz gefragt, was seine Genossen denn täten, wenn sie die bevorstehenden Wahlen verlieren würden. In dem Fall, antwortete Egonek, würden überall auf dem Wenzelsplatz rote Maschinengewehre aufgestellt. Egonek und seine Verbündeten gewannen die Wahlen, doch er starb kurz darauf, am 31.März 1948 – gerade rechtzeitig, um nicht zusammen mit anderen Juden, die hochrangige Posten in der kommunistischen Hierarchie besetzten, und Helden des spanischen Bürgerkriegs von den eigenen Genossen in die Prager Schauprozesse gezerrt und der zionistischen und imperialistischen Verschwörung gegen die sozialistische Gesellschaft angeklagt zu werden. Sein Bruder Paul war, wie ich fast sechzig Jahre später im "Terezín Memorial Book" las, am 12.Oktober 1944 in den Gaskammern von Auschwitz umgekommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16. 9. 2007)

Peter Demetz wurde 1922 in Prag geboren und flüchtete 1948 in den Westen. Er promovierte sowohl in Prag als auch in Yale, wo er bis zu seiner Emeritierung deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft lehrte.

Es handelt sich bei diesem Text um eine Passage aus Demetz' von Barbara Schaden aus dem Englischen übersetzten Buch "Mein Prag" (€ 25,60/400 Seiten, Zsolnay), das ab Samstag erhältlich ist.
  • Peter Demetz
    foto: heribert corn

    Peter Demetz

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