Tatort Schule: "Wer Angst hat, verliert"

18. September 2007, 18:53
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"komA": Konfrontationen mit fiktiven Vorfällen eines Schulamoklaufes und seiner Vor­ge­schichte in Form eines Stations­theater­stücks

Columbine, Erfurt, Montreal, Emsdetten, Blacksburg ... Synonyme für den ungreifbaren Schrecken, für den Tod Unschuldiger, für die Hilflosigkeit der Gesellschaft, wenn sie mit Amok laufenden Jugendlichen konfrontiert ist. Der Titel des Theaterstücks "komA" deutet das Todesmotiv an. Das Publikum, in Gruppen unterteilt, liest die Ereignisse von vorn oder von hinten, ein zeitliches Anagramm, das Ergebnis bleibt gleich "Man muss das Spiel beenden, wenn man es durchschaut hat", meint einer der Protagonisten zu Beginn.

Koma - Amok

"komA" ist ein komplexes Theaterstück auf hohem Niveau mit authentischen Texten. Rund ein Jahr wurden Schauspiel- und Schreib-Workshops mit interessierten SchülerInnen gemacht, das Stück findet vor Ort statt, einer öffentlichen Schule im 6. Wiener Gemeindebezirk, der AHS Rahlgasse. Nach dem plötzlichen Tod des Regisseurs Georg Staudacher Ende Juni übernahm Volker Schmidt, der gemeinsam mit SchülerInnen des Gymnasiums den Stücktext entwickelt hat, die Regie und brachte in Abstimmung mit dem Team das Stück im Sinne und Andenken des Initiiators zur Aufführung.

"komA" empfängt düster, das Publikum ist getrennt von den Protagonisten durch eine mit dunkler Folie beklebten Türe, Schaukasten und Spiegel für die Zuseher. Auf einer Leinwand ein nie endender Weg durchs Schulgebäude begleitet von Ohren betäubender Musik.

"Wird was Geiles passieren *gggg*"

Es folgen etwa zwanzig kurze Szenen, die im ganzen Schulgebäude verteilt sind. Man betritt eine Toilette und hört Gespräche zwischen SchülerInnen (Rasa Weber, Emilia Lichtenwagner, Heidi Rieder), im Chemiesaal wird die Formel von Waschmittel erklärt, während zeitversetzt die Chemie in der Vater-Sohn-Beziehung von Stefan (Bernhard Kölbl, Andreas Patton) in einem Homevideo zu keiner Formel findet, außer der Bitte der Mutter, das Video nicht auf Youtube.com zu stellen. In der Bibliothek neben stillen Buchbuchstaben ein an die Wand projizierter Chat im "Death Chamber", der verspricht, es "wird was Geiles passieren *gggg*", das Gegenüber im Chat sitzt im Computerraum ein Stockwerk tiefer.

Zusehen …

In den Duschräumen neben den Turnsälen der Schule wird das Publikum Zeuge von Gewalt, hält bereitwillig die Kleidung des Jugendlichen, der sich unter Zwang und eiskaltem Wasser das Blut abwäscht. Als Zuschauer ist man genau dieser im wortwörtlichen Sinn, die Darsteller bedrängend nahe am Publikum. Ein Lehrer (Gottfried Neuner) läuft weinend aus dem Unterricht und trifft im nächsten Moment in einer Sprechstunde auf die erschöpfte Mutter (Birgit Linauer) von Dominik (Tobias Eiselt): "Woher soll ich die Zeit nehmen, ihn fürs Leben zu begeistern?", in der Lateinstunde Zitate von Seneca, der schon jede Generation in der Schule aufrief, fürs Leben zu lernen.

Schule als Bühne

Die Spielorte sind unveränderte reale Alltagsräume der Schule Rahlgasse. Im Computerraum scheint das Schild "Bitte Sessel ordentlich zurückstellen und Mist wegräumen!" den Chat im "Death Chamber" zu beantworten. Im Chemiesaal hängt ein Plakat, das die Wirkung von Giftstoffen beschreibt. Neben dem Tischtennistisch im Spiele- und Kuschelraum (der realen Schule) sinnieren Jan (Florian Wischenbart) und Jana (Florentina Kubizek) über die Symbiose von Gepeinigten und Schläger, eine Garderobenleiste mit Sternchen- und Blumensymbolen, die an die Kindergartenzeit erinnert, verweist, wie absichtlich platziert, auf eine verlorene Ordnung.

Bilder, Welt, Ordnung

Nicht alle Szenen weisen direkt auf den Amoklauf hin, sie sind fiktiv und komprimiert, Destillate eines Alltags in Innen- und Außenräumen. Es geht in den Gesprächen, Interviews und Videos um Werte und Spaß, Beziehung und Sexualität, um Posieren und Selbstsicherheit, um Angst und Aggression, Sorgen und Sehnsüchte, um Ausgeschlossensein und Klassengemeinschaft, Gruppen- und Labeldruck. Mehr Zeit, als der Sorge und dem Unbehagen Ausdruck zu verleihen, hat niemand, offensichtliche Konflikte werden beglichen, indem der Lautere, Schönere oder Stärkere gewinnt, oder sie werden beschwiegen und ausgesessen. - "Wie weit muss man fahren, um sein Weltbild zu ergänzen?"

Für alle, Publikum wie Darsteller, ist es ein Treppauf-Treppab - am Spielort, wie in den Seelenlandschaften. In diesem Wirrwarr der ständigen Bewegung verliert sich die vermeintliche Ordnung, zumindest eine Welt läuft aus den Fugen. "Räume haben Struktur, Menschen sind Chaos". Stefan hat es sich zur Angewohnheit gemacht, bei jeder Provokation dem Gegenüber genau zwischen die Augen zu schauen und langsam von zehn abwärts zu zählen. "Wer Angst hat, verliert", meint er in einer Videobotschaft und dass der Weg zum Arschloch "scheißhart" war. Sein T-Shirt mit geflügeltem Totenkopf ist einem Tarnanzug mit Maske gewichen.
(derStandard.at, 14.9.2007)

"komA"
Mulimediales Stationentheater für junges Publikum ab 16 Jahren, Koproduktion von new space company und Dschungel Wien
Die weiteren Termine: Bis Sa., 22. September, jeweils 18:00
newspacecompany.at
dschungelwien.at
ahs-rahlgasse.at
  • Jana (Florentina Kubizek), Prof. Stach (Gottfried Neuner)
    foto: pressefoto/theresa rauter

    Jana (Florentina Kubizek), Prof. Stach (Gottfried Neuner)

  • Caro (Sophie Marowitz)
    foto: pressefoto/theresa rauter

    Caro (Sophie Marowitz)

  • Natascha (Heidi Rieder), Karin (Dorothea Zeyringer)
    foto: pressefoto/theresa rauter

    Natascha (Heidi Rieder), Karin (Dorothea Zeyringer)

  • Stefan (Bernhard Kölbl)
    foto: pressefoto/theresa rauter

    Stefan (Bernhard Kölbl)

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