Joe Henry: "Civilians"

    25. September 2007, 17:12
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    Auf seinem jüngsten Album spürt der Singer/Songwriter dem alten Amerika nach und verschwindet dabei hinter den Songs

    Zwar ist der Singer/Songwriter und Produzent Joe Henry der Schwager von Madonna, sein jüngstes Album steht jedoch in denkbar großem Abstand zum Anspruch aufs Heute, den die Vortänzerin des Pop lange verkörperte. Nach dem wunderbar exzentrischen Album "Tiny Voices" verlegt sich Henry auf "Civilians", seinem zweiten Werk für das Renegaten-Label Anti und zehnten Solo-Album insgesamt, auf hoch konzentriertes Songwriting. Und siedelt sich damit mehr denn je in der Nachbarschaft dessen an, was Greil Marcus in seinem Buch über Bob Dylans "Basement Tapes" einmal die "Invisible Republic", das andere, unheimliche, alte Amerika genannt hat.

    Viel Gespür für Musik in Americana-Gefilden hat Henry bereits als Produzent erkennen lassen, ob beim Comeback-Album von Soul-Heavyweight Solomon Burke, "Don't Give Up On Me", oder dem gemeinsamen New-Orleans-Projekt von Elvis Costello und Allen Toussaint, "The River In Reverse". Zuletzt stand Henry für das aktuelle Album des von ihm bewunderten Singer/Songwriters Loudon Wainwright III, "Strange Weirdos", entstanden als Soundtrack für den Film "Knocked Up", hinter den Reglern. Henry konnte danach nicht nur Wainwright als Background-Sänger für sein eigenes Solo-Album gewinnen, auch Musiker wie der große Keyboard-Exzentriker Van Dyke Parks, Steel-Gitarren-Großmeister Greg Leisz und Bassist David Piltch fanden sich für eine weitere Zusammenarbeit in Henrys Heimstudio ein.

    There Is No Eye

    "The carriage horses stamp and fume/Until all color’s gone/They leave the streets in black and white/And bring the evening coming on." "Civilians" bildet als Titelsong nicht nur einen starken filmischen Einstieg in Henrys Song-Universum, es liefert auch eine Bildbeschreibung des Coverfotos. "There Is No Eye" heißt der Bildband, dem dieses und auch alle weiteren Fotos der CD entstammen. Aufgenommen wurde es von John Cohen, dem Fotografen, Filmemacher, Archivar und Musiker, der mit seinen New Lost City Ramblers Anfang der 1960-er Jahre integraler Bestandteil des damaligen Folk-Revivals war und das New York der Beat-Poeten ebenso dokumentierte wie die ungehobelte Old Time Music der Appalachen.

    Auf "Civilians" geht Henry der Verfassung der heutigen USA auf die Spur und macht sich dabei gleichzeitig – wie schon Cohen – auf die Suche nach den verblassenden Träumen und Hoffnungen eines anderen Amerika. Im Herzstück des neuen Albums, "Our Song", lauscht Henry dem einstigen Baseball-Star Willy Mays, wie er in einem Heimwerkermarkt gegenüber seiner Frau räsoniert: "This was my country/This was my song/Somewhere in the middle there/Though it started badly and it's ending wrong. (...) But it's my right if the worst of it might/Still somehow make me a better man". Wie Henry dem fiktiven Befund der Sportler-Ikone mit seiner Sandpapierstimme Ausdruck verleiht, ist zutiefst berührend und nur ein Beispiel dafür, wie meisterhaft er es als Songwriter versteht, Persönliches mit Politischem zu verbinden.

    Where's my sock?

    Von Jazz-Legende Charlie Parker hat sich Henry den Titel "Parker's Mood" geborgt, um darin – der Song beginnt mit der wichtigen Frage "Where's my sock?" – zu erzählen, wie ein Geist aus dem Körper austritt und zum Schluss kommt: "The things we put together/The world will tear a part/But I've beat them to the start/Along the way.../Oh, my love is here to stay." Es ist also nicht alles "doom and gloom" in der Welt von "Civilians". Auch Songs wie das schöne "You Can't Fail Me Now" sorgen für Hoffnungsmomente.

    Dass Henrys unbestritten elegischer Grundton nie erdrückend wird, liegt nicht zuletzt am entspannten Musikantentum seiner Begleiter, die das gesamte Album in nur fünf Tagen vornehmlich live eingespielt haben. Greg Leisz hat nebst seiner Lap-Steel auch die Mandoline bei den Sessions ausgepackt, sein kongeniales Gegenüber bildet Jazz-Gitarrist Bill Frisell, der selten so "swampy" geklungen hat. Ein warmer, organischer Sound, der zart gekitzelte Saiteninstrumente und Klaviertöne in den Vordergrund stellt und der Musik genügend Raum zum Atmen lässt, prägt denn "Civilians".

    I'm Not There

    Der Mann, dessen Name auch einem Western-Helden gut anstehen würde, hat in seinem neuesten Songzyklus ein Maß der Verdichtung gefunden, dass die Autorenschaft zur Neben-, der Song zur Hauptsache wird. In den Liner Notes tut Joe Henry alles, um seine Person zum Durchschnittsbürger runterzuspielen. Und entschuldigt sich dafür, dass es ihm gut geht - im Wissen, dass Singer/Songwritern vor allem dann Großes zugetraut wird, wenn sie leiden. Ein Missverständnis, von dem etwa der größte Enigmatiker unter den Songwritern, Bob Dylan, mehr als ein Lied zu singen weiß. Henry hat jüngst auch am eklektizistischen Soundtrack zu Todd Haynes' verrätselter Filmbiografie über Dylan mitgewirkt. Der von einem Dylan-Song übernommene Filmtitel bringt die Position schön auf den Punkt, an der Henry mit der zeitlosen Musik von "Civilians" angekommen scheint: "I'm Not There". (Karl Gedlicka)

    • Joe Henry: "Civilians" (Anti/Edel 2007)
      cover: anti

      Joe Henry: "Civilians" (Anti/Edel 2007)

    • "As I appear before you, I have just turned 46 years old. I remain 5'9'' tall and hold steady at 146 pounds. May hair is wavy, but only at my express direction." - Joe Henry, 2007
      foto: michael wilson

      "As I appear before you, I have just turned 46 years old. I remain 5'9'' tall and hold steady at 146 pounds. May hair is wavy, but only at my express direction." - Joe Henry, 2007

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