Im Zweifel gegen den olympischen Gedanken: Elisabeth Schweeger im Interview

17. September 2007, 18:02
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Warum acht Jahre vor Ort genug sind: 2009 wird die Wienerin als Frankfurter Schauspiel-Intendantin aus dem Amt scheiden

Mit Elisabeth Schweeger sprach Ronald Pohl.


STANDARD: Jüngst feierte das Frankfurter Schauspiel mit seiner "Orestie" auch im Antiken-Theater von Epidauros einen schönen Erfolg. Das Stadttheater wird in in dieser Inszenierung noch einmal als Instrument der Kulturanalyse vorgeführt. Nur: Lässt sich unsere Kultur mit den Mitteln der darstellenden Künste überhaupt noch analysieren?

Schweeger: Als Betrachter finde ich mich in Karin Neuhäusers Inszenierung wieder, weil sie das Theater nicht moralisch, sondern unter dem Aspekt der Wahrnehmung nutzt. Dadurch kann ich überprüfen und differenzieren. Dieses Angebot hat mit einem noch immer sehr klassischen Theaterverständnis zu tun: Wir können mit Kunst nach wie vor das Geschäft der Aufklärung besorgen! Man muss nicht immer belehren. Aber intelligent unterhalten jederzeit. Die Orestie zeigt doch eindrucksvoll: 3000 Jahre sind gattungspolitisch kein Zeitraum, sondern ein Wimpernschlag. Wir haben politisch nicht gar so viel zum Besseren gewendet.

STANDARD: Sie leiten das Frankfurter Schauspiel seit sechs Jahren. Worin bestünde - zwei Jahre, ehe Sie die Stadt verlassen - die Mängelbeschreibung? Was leisten diese Apparate noch, woran scheitern sie?

Schweeger: Es stand zwar schon im Standard, dass ich eine "scheidende" Intendantin sei - aber ich scheide jetzt zwei Jahre lang! Ich werde immer Theatermacherin sein und mich mit Kunst beschäftigen, aber nicht immer an einem Ort bleiben. Das meint keine Abwertung von Frankfurt am Main, sondern hängt mit der eigenen Fantasie und der eigenen Arbeit zusammen.

Das Theater hat die gleichen Probleme wie alle anderen Disziplinen auch: In diesem Gesellschaftsduktus, in dem wir uns aktuell bewegen, lauert die Gefahr, dass wir uns vor lauter Geschwindigkeit und der Sucht nach Aufmerksamkeit verlieren - allein schon, weil uns die Masse der Phänomene erschlägt. Jeder muss immer lauter schreien, um wahrgenommen zu werden. Das betrifft alle medialen Bereiche - also auch, aber nicht nur die Kunst.

Jeder rennt, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Das wird er nicht mit besonderem Tiefgang erreichen, sondern indem er an der Oberfläche knallig sofort "ins Schwarze" trifft. Damit verlieren auch die Theater die Möglichkeiten, die sie haben. Nur sehr wenige Künstler besitzen die Fähigkeit, schnell zu arbeiten und trotzdem in die Tiefe zu gehen.

STANDARD: Schmilzt nicht auch das "kenntnisreiche" Publikum rapide ab?

Schweeger: Der Wissensstand nimmt objektiv ab. Das Archiv ist zwar da - aber es ist ein Zugriffsprodukt per Knopfdruck. Die "Archivierung" im alten Sinn findet nicht mehr statt. Daher können die Menschen nicht mehr auf solide Grundkenntnisse und Erfahrungen zurückgreifen und es fehlt an Kontinuität, dadurch wird ein Verständnis für neue ästhetische Prozesse erschwert.

Früher besaß man ein Abonnement, ging einmal in der Woche in die Oper, ins Theater. In der übrigen Zeit wurde man durch die Museen geschleift - wofür ich heute noch dankbar bin. Das Mitverfolgen ästhetischer Entwicklungen, das Dechiffrieren von Zitaten geht immer weniger. Dadurch entsteht bei den Künstlern die Notwendigkeit, ihr eigener "Zensor" zu werden: Man produziert Vereinfachungen. Und alles schaut sich zwangsläufig ein bisschen gleich.

STANDARD: Und was bleibt für das Theater zu tun?

Schweeger: Es besitzt eine besondere Kulinarik. Daher gibt es keinen Grund, hoffnungslos zu sein, im Gegenteil: Man kann mit diesem Instrument auf eine sehr sinnliche Art und Weise einen neuen Blick auf die eigenen Lebensumstände werfen. Solche Vorschläge kann man dann annehmen oder nicht. Leider muss das Theater - wie andere Medien auch - einen wahnsinnigen Druck aushalten: Es muss funktionieren, "repräsentativ" und ökonomisch sein; es muss sofort die Olympiade schaffen! Wir sprechen aber von künstlerischen Prozessen, nicht von Hypes.

STANDARD: Also sind acht Jahre an einem Stadttheater das Maximum des Leistbaren?

Schweeger: Für mich schon, denn man besitzt die Fantasie für ein bestimmtes Theater, für einen bestimmten Ort nur für eine begrenzte Zeit, dann braucht man neue Herausforderungen. Durchweg jedoch mit einem Team und mit Künstlern, mit denen man über lange Jahre der Zusammenarbeit eine gemeinsame Verständigung, eine gemeinsame Sprache gefunden hat.

Diese Konstellationen haben mehr als acht Jahre Gültigkeit, aber leider nicht mehr ausschließlich an ein und demselben Ort.

STANDARD: Muss man als Intendant da nicht immer schon an den übernächsten Job denken?

Schweeger: Möglich. Das mache ich nur nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.9.2007)

Zur Person
Die promovierte Wiener Philosophin Elisabeth Schweeger (53) übernahm 2001 das Frankfurter Schauspielhaus aus den Händen von Peter Eschberg. In ihrer Ägide wurden sperrige Themen verhandelt, aber auch Regisseure wie Armin Petras zu Stars ausgebildet. In eigener Sache agierte die viel beschäftigte Kuratorin (49. Biennale Venedig) nicht immer glücklich. Der Skandal um die Insultierung des Kritikers Stadelmaier brachte ihr Kritik ein; ihr Interesse an der Burg und am Hamburger Thalia Theater versickerte jeweils ergebnislos. Schweeger über sich: "Um mich muss sich niemand sorgen. Aber ich will am Theater bleiben." (poh)
  • Elisabeth Schweeger, vor einiger Zeit sogar als Burgtheater-Kandidatin im Gespräch, verteidigt das Projekt Aufklärung: "Man muss nicht bloß belehren - aber intelligent unterhalten!"
    foto: standard / urban

    Elisabeth Schweeger, vor einiger Zeit sogar als Burgtheater-Kandidatin im Gespräch, verteidigt das Projekt Aufklärung: "Man muss nicht bloß belehren - aber intelligent unterhalten!"

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