"Die Regierung hat Schwäche gezeigt"

3. Jänner 2008, 12:10
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Die Reform des Pensionssystems wird das größte Thema für die neue Regierung in Athen, sagte der Experte Konstantin Dimadis im STANDARD-Interview

STANDARD: Ministerpräsident Kostas Karamanlis ist 2004 mit großen Reformversprechen angetreten. Sind die umgesetzt worden?

Dimadis: Die heutige Regierung hat in bestimmten Bereichen Erfolg gehabt, zum Beispiel in der Wirtschaft. Aber bei den großen Themen wie der Verwaltungsreform oder der Bildungsreform gibt es keine konkreten Ergebnisse. Mit der Reform der Sozialversicherung hat die Regierung noch gar nicht begonnen. Und die Situation im Sommer (die Brände, Anm.) hat gezeigt, dass es die Regierung nicht geschafft hat, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Die Regierung von Karamanlis hat eine große Schwäche gezeigt, indem sie sich den Problemen zu wenig gestellt hat.

STANDARD: Was werden die Hauptthemen für die neue Regierung sein?

Dimadis: Das Thema der Pensionsreform hat absolute Priorität. Karamanlis hat versprochen, das im Falle eines Wahlsiegs ins Zentrum zu stellen. Ich weiß allerdings nicht, warum die Regierung noch nicht richtig damit begonnen hat. Auch eine Reform des gesamten Bildungssystems ist notwendig.

STANDARD: Karamanlis wurde damals auch gewählt, weil die Bevölkerung die sozialistische Regierung satt hatte. Jetzt herrscht Frust über die regierenden Konservativen. Könnten kleine Parteien davon profitieren?

Dimadis: Sicherlich. Vor allem viele junge Leute sind enttäuscht von den großen Parteien. Das dürfte vor allem den linken Kleinparteien zugute kommen, nicht den rechten. Allerdings wird es wohl keine Koalition geben – eine solche Tradition gibt es in Griechenland nicht.

STANDARD: Wie wird sich die Politik gegenüber der Türkei und Zypern verändern – je nachdem, wer die Wahl gewinnt?

Dimadis: Das ist schwierig. Ich glaube, dass sowohl Karamanlis als auch Pasok (die Sozialisten, Anm.) den türkischen EU-Beitritt weiter unterstützen werden – allerdings unter der Bedingung, dass die Türkei nicht gegen die Rechte der Nachbarländer verstößt, was auch für die Beziehung zu Zypern gilt. Ich glaube aber nicht, dass es in dieser Frage große Unterschiede zwischen den Parteien geben wird. (Die Fragen stellte Julia Raabe, DER STANDARD, Print, 14.9.2007)

  • Zur Person:
Konstantin Dimadis (66) ist Professor für griechische Zeitgeschichte an der Freien Universität in Berlin.
    foto: standard/privat

    Zur Person:

    Konstantin Dimadis (66) ist Professor für griechische Zeitgeschichte an der Freien Universität in Berlin.

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