Den Zins abschaffen ist keine Lösung

1. Oktober 2007, 15:27
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Einfache Diagnosen und Lösungen reichen selten für komplexe Entwick­lungen und daraus folgende Probleme - Von Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister

Knapp zusammengefasst meinen die Befürworter eines Frei- oder Schwundgeldes: Der Zins stellt eine Bremse des realen Wirtschaftskreislaufs dar, denn er fördert das Horten von Geld. Dies dämpft die realwirtschaftliche Dynamik. Gleichzeitig wird das akkumulierte Geldkapital auf den Finanzmärkten spekulativ eingesetzt, was die Wirtschaftskrise vertieft und die Ungleichheit zwischen Arm und Reich immer mehr steigert. Die Lösung bestünde darin, das Halten von Geldvermögen zu bestrafen, indem es dafür keinen Zinsertrag mehr gibt bzw. indem das Geldkapital sogar einem "Alterungsprozess" ausgesetzt wird, sei es durch eine spürbare und permanente Inflation, sei es durch spezielle Entwertungsregeln wie beim "Schwundgeld".

Einfache Diagnosen und Lösungen reichen selten für komplexe Entwicklungen und die daraus folgenden Probleme. Meine Einschätzung dazu: Nicht der Zinssatz an sich stellt eine fundamentale Krisenursache dar, sondern das Zusammenwirken folgender Faktoren:

  • Ein permanent über der Wachstumsrate liegender Zinssatz.
  • Die fortgesetzte Verlagerung des Gewinnstrebens von realwirtschaftlichen Aktivitäten zu Finanzveranlagung und –spekulation. Dazu hat neben dem seit etwa 25 Jahren positiven Zins-Wachstums-Differential die Schaffung neuer Spekulationsinstrumente (insbesondere die Derivate) wesentlich beigetragen. Aber etwa auch die Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, die steuerliche Begünstigung von Gewinnen aus Finanzspekulationen sowie die Globalisierung der Finanzmärkte und die damit verbundene Destabilisierung von Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen. Diese Optionen steigern die Gewinnchancen für Spekulationen und die wiederum die Kursvolatilität.
  • Die Dominanz des Neoliberalismus in Wirtschaftswissenschaft und –politik und die damit verbundenen Aufgaben einer aktiven Beschäftigungs-, Sozial- und Verteilungspolitik.

Alle diese Faktoren stehen in Wechselwirkung zueinander. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sie ein Regime geschaffen, das ich - im Gegensatz zum "Realkapitalismus" der ersten Hälfte der Nachkriegszeit - als "Finanzkapitalismus" bezeichnen möchte.

Zum ersten Punkt: Aus zwei Gründen kann eine Marktwirtschaft (in der immer Unsicherheit über die Zukunft herrscht) nur dann stetig und bei Vollbeschäftigung wachsen, wenn der Zinssatz mittelfristig unter der Wachstumsrate liegt. Unter dieser Bedingung liegt die Profitrate für Realinvestitionen deutlich über dem Zinssatz, und dieser Anreiz ist nötig, um die höhere Unsicherheit von Realveranlagung im Vergleich zu einer Staatsanleihe oder einem Sparbuch auszugleichen. Außerdem kann ein Schuldnersektor wie jener der Unternehmen nur dann permanent mehr Investitionskredite aufnehmen als er an Zinsen für die bestehende Schuld zahlen muss, wenn der Zins unter der Wachstumsrate liegt. Seit Anfang der 1980er Jahre ist aber das Gegenteil der Fall, weswegen die Investitionen nachhaltig zurückgingen.

Das Wörgl-Experiment war daher makroökonomisch richtig. Damals war die Wachstumsrate negativ. Da der Nominalzins aber nicht negativ werden kann, wurde die Geldhaltung durch die "Schwundregel" faktisch mit einem Negativzins belegt. Auch das Zinsverbot im Mittelalter machte Sinn, die Ökonomien wuchsen damals nicht.

Aber: Die Überlegungen von Gesell sind nicht allgemeingültig, sondern nur für Depressionsphasen (verschärft durch fallende Preise) relevant. Blicken wir als Kontrast dazu in die 1960er Jahre. Damals herrschte jahrelang Vollbeschäftigung, der Zinssatz war positiv, lag aber deutlich unter der Wachstumsrate. Wenn sich die Unternehmer damals zu einem Zinssatz von Null finanzieren hätten können, wäre die Inflation angesichts der voll ausgelasteten Kapazitäten deutlich gestiegen. Außerdem hätte der Zins seine (nicht nur theoretische) Funktion nicht erfüllen können, knappe Mittel zu ihrem profitabelsten Einsatz zu lenken.

In den letzten 15 Jahren hingegen wäre angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums ein Leitzins von Null (und damit Kreditzinsen von etwa 3 Prozent) eine gute Sache gewesen. Allerdings zeigt das Beispiel des Null-Zinses in Japan, dass selbst ein temporäres „Freigeld“ allein nicht reicht, die Wirtschaft zu stimulieren. Vielmehr gilt es, die finanzkapitalistischen Rahmenbedingungen als ein "Krisensyndrom" im Ganzen zu analysieren und als Gesamtsystem zu überwinden. Dazu gehört die Kontrolle der Aktivitäten auf den Finanzmärkten mit ihren manisch-depressiven Kursschwankungen und deren Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Ihr Transaktionsvolumen ist in den Industrieländern mittlerweile mehr als hundert Mal größer als deren jeweiliges nominelles Brutto-Inlandsprodukt. Manche Ökonomen werden dabei freilich eine starke "kognitive Dissonanz" ertragen müssen. Weil doch der Grundglaube an die generell segensreiche Wirkung der "unsichtbaren Hand" freier Märkte damit in Gefahr wäre, - und die Finanzmärkte sind ja bekanntlich die freiesten Märkte von allen.

Zur Person
Stephan Schulmeister, geb. am 26.8.1947, arbeitet als Wirtschaftsforscher am Wifo. Seine Forschungsbereiche sind dort unter anderem Industrieökonomie, Finanzmärkte und Unternehmensstrategien. An der Universität Wien studierte er Ökonomie und Rechtswissenschaften, und beendete das Studium dort mit einer Promotion zum Doktor der Rechtswissenschaften.
  • Die Künstlergruppe WochenKlausur lädt zur Erinnerung an das Freigeld-Experiment von Wörgl ExpertInnen zum "Kettendiskurs". Ökonom Stephan Schulmeister antwortet dm-Chef Götz Werner.
    foto: standard/hendrich

    Die Künstlergruppe WochenKlausur lädt zur Erinnerung an das Freigeld-Experiment von Wörgl ExpertInnen zum "Kettendiskurs". Ökonom Stephan Schulmeister antwortet dm-Chef Götz Werner.

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