Mit Kurt Cobain im U5

4. Juli 2007, 18:00
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Hinter dem U4 gab es noch einen Club. Aber an den erinnert sich heute kaum mehr wer

Es war gestern. Da lernte ich wieder etwas über die Clubs dieser Stadt dazu. Und zwar über gewesene – über deren Existenz ich bisher gar nichts gewusst hatte. Obwohl ich das eine oder andere Mal sogar dort gewesen sein soll.

Es war bei der Premiere der Spielfilmversion des Okto-Krimiseriendingsbumses "C.S.Ei – Meidling" in der Arena. C., die fotografierende Türsteherlegende, lehnte neben mir an der Wand und nahm Huldigungen und Grüße des Szenevolkes entgegen. Und während das ansonsten meistens in relativ kurzer Zeit abgehandelt ist, dauerte es hier länger. Schließlich war da ein Publikum versammelt, das sogar ich aus meinen U4-Zeiten noch kenne. Oder besser: Das ich damals schon kannte – obwohl diese Leute damals alle so cool waren, dass ich mich in meinem Nichtlederlacknietenbondagezeugs immer ein bisserl schämte.

"Jung" geblieben

Erstaunlich war halt, dass diese Leute heute, 20 Jahre später, in der Arena noch genauso aussahen wie damals. Einzig manche Bäuche und Hüften sind größer geworden und die Furchen und Falten in den Gesichtern brauchen mehr Make Up, um unsichtbar zu bleiben. Manche von denen, die mich nie wahrnahmen, grüßen heute: Heute wird in beide Richtungen gegafft. Außerdem war da auch der einschlägige Nachwuchs der letzten 20 Jahre mit in der Arena: C. musste ziemlich viele Menschen zurückgrüßen.

Währenddessen erzählte er mir von der Vitrine, die er im U4 vor ein paar Monaten mit Fotos befüllt hatte. Mit all den Helden der Nächte der Vergangenheit. Oder halt mit Bildern von Menschen, die damals Helden waren. Und auch wenn die heute oft keiner mehr kennt, sei das immer ein nettes Gefühl, wenn sich jemand bei ihm melde und erzähle, welche Erinnerungen die Schnappschüsse bei ihm wachgerufen hätten, sagte C.

Heroen-Mobbing

Freilich sähe das nicht jeder so: Es gäbe auch Beschwerden. Und Verschwörungs- bis Mobbing-Theorien. Einer, so C., der sogar mit Falco musiziert habe, sei neulich zu ihm gekommen und habe sich bitter beklagt. Was er, C., denn gegen ihn habe? Warum er denn auf keinem Bild in der Vitrine zu sehen sei? Während andere, weniger Wichtige, mitunter zwei oder dreimal vorkämen. Obwohl die doch nie im U5 dabei gewesen wären.

Nachdem wir ein wenig über den Glauben an die eigene Relevanz der Wiener Posiergesellschaft gelästert hatten, kam mir dann der letzte Teil des Beschwerdesatzes wieder in den Sinn: Ob er sich da, fragte ich C., gerade versprochen hätte - oder einen Witz, den ich nicht verstanden hätte, gemacht hätte: Was, bitte, ist oder war das U5. Das eine oder andere Jahr hätte ich schließlich mittlerweile in der Stadt und ihren Clubs verbracht, aber diesen Namen hörte ich zum ersten Mal.

Backstage

C. staunte mich an: Echt? Ich sei doch auch dort gewesen. Nicht so oft wie andere zwar, aber doch das eine oder andere Mal. Und als C. die Fragezeichen in meinem Gesicht sah, klärte er mich endlich auf: Der Gang im Backstagebereich des U4 habe in Lager und Tonstudio geführt. Ebendort war oft weiter oder intimer gefeiert worden. Und dass diese Gemächer U5 genannt worden waren, wisse doch jeder. Oder etwa nicht?

Ich verneinte. Bedauernd. Aber C. wollte mir beweisen, dass das Allgemeinwissen sei – und schnappte R. am Ärmel: R. war/ist Frontmann von Chuzpe. Und hatte, glaubt C., im U5 sogar Tonaufnahmen gemacht. U5? R. sah uns fragend an. Dann sagte er was über die nie gebaute U-Bahn – und lachte schließlich: Er habe zwar keine Ahnung, um welchen Club es da gehe, aber vermutlich sei das mit dieser Stätte so wie mit dem legendären Nirvana-Konzert im U4: Mittlerweile waren dort dreimal so viele Menschen, wie man auch unter den wildesten Press-Bedingungen je ins U4 hineinbekommen habe. Und manche von ihnen waren Anfang der 90er noch Säuglinge.

Sub Pop

Ich gestand, den Gig damals versäumt zu haben. Obwohl das genau jene Zeit gewesen war, in der ich zu jedem Sub-Pop-Act gepilgert war: Mudhoney, Soundgarden, Tad – lauter lustige, wilde, laute Konzerte. C. lachte: Er sei ziemlich sicher, dass ich Nirvana doch im U4 gesehen hatte – und das läge nicht daran, dass er mich damals gesehene oder gar gegrüßt hätte. Denn die Nirvana-Schummler, sagte er, könne man ganz leicht enttarnen. "Frag nach der Vorgruppe." Dass Vorgruppen oft vergessen würden, gelte nicht: "Nirvana selbst waren die Vorgruppe – und zwar die von Tad." Das, erklärte C., habe nicht einmal er mehr gewusst – und geglaubt, eines der drei Muss-Konzerte in "seinem" Lokal versäumt zu haben. Bis ihn die legendäre U4-Chefin K. dann neulich fragte, wieso da kein Foto von Kurt Cobain in der Vitrine hänge – der sei damals schließlich auch im U5 gewesen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 13.9.2007)

  • Tanja Taktlos und U4-Türsteher-Legende Conny de Beauclair
    foto: rottenberg

    Tanja Taktlos und U4-Türsteher-Legende Conny de Beauclair

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