Weißmalerei

15. September 2007, 17:00
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Martin Margiela ist der große Unbekannte der Mode - Er wird abgöttisch verehrt, zeigt sich aber nicht in der Öffentlichkeit

Paris, das neunte Arrondissement. Kleine asiatische Garküchen gibt es hier, gleich daneben werden Kebabs und billige Stoffetzen verkauft. Ein Mann preist lautstark die bunten Transistorradios an, die er vor sich am Boden ausgebreitet hat.

Zwei Strassen weiter, in der Rue St. Maur, ist es etwas ruhiger. Nur eine einsame Klingel gibt es am Eckhaus mit der Nummer 163. Kein Schild, kein Hinweis, wer in dem ehemaligen Kloster- und Schulgebäude residiert. Wie ein verwaistes Spukschloss steht das Maison Martin Margiela in einem der buntesten Viertel von Paris. Ein Modehaus der entrückten Art. Mit seinen Kunden oder seinen Besuchern hat der Belgier Martin Margiela (geboren 1959 in Limbourg) schon immer auf seine eigene Art kommuniziert. Aus der Öffentlichkeit ist er bereits einige Jahre, nachdem er sein eigenes Label gründete (1988), verschwunden. Interviews gibt er seit 1995 keine mehr. Manchmal antwortet er auf Pressefragen per Fax. Fotos von ihm gibt es nicht. Den J. D. Salinger der Mode hat man ihn genannt.

Anders als der mysteriöse amerikanische Schriftsteller, der seit vielen Jahrzehnten nichts mehr veröffentlicht hat, ist Martin Margiela ein Workaholic. Auch jetzt brummt es in der Rue St. Maur. Menschen in weißen Kitteln laufen aufgeregt durch die Flure, einem kleinen Grüppchen aus Übersee werden die neuesten handgefertigten Couture-Kreationen vorgeführt. Ganze elf verschiedene Linien produziert man hier alljährlich. Aus dem Avantgardelabel der Neunziger ist ein richtiges Modehaus geworden. Nur seinen Chef kriegt man nicht zu Gesicht.

Treu geblieben

Das Wort von der Avantgarde hört man heute nicht mehr gern. Die Kleider haben noch immer einen speziellen Twist, doch die Welt um Maison Martin Margiela hat sich verändert. Die Nähte legen mittlerweise auch andere Marken nach außen, gebraucht sieht jede zweite neue Hose aus. Womit Martin Margiela die Modewelt vor eineinhalb Jahrzehnten schockte, ist mittlerweile gängige Ästhetik. Der radikale Zerstörer und Erneuerer wurde von seinen eigenen Jüngern eingeholt. Dabei ist er sich über die Jahre hinweg einfach nur treu geblieben.

Im Erdgeschoss des ehemaligen Klosters aus dem 18. Jahrhundert präsentieren einige Models gerade die Männerkollektion für nächsten Frühjahr und Sommer. Ein Hemd und eine Hose sind dabei, die zu einem Overall zusammengenäht sind. Jacketts und Trenchcoats sind aus Tyvex, einem Kunststoff, der wie Papier knittert. Die Schultern eines Anzugs sind so breit wie bei Montana in den Achtzigern.

Margiela zerlegt auch 2007 die Mode in ihre Bestandteile und schaut, wie sie sich neu zusammen setzen lässt. Auf Flohmärkten gefundene Kleider werden eins zu eins reproduziert. Mit den Regeln der Mode spielt er, aus Alt wird Neu, aus Innen Außen und aus Außen Innen.

Im Juli 2002 kaufte Renzo Rosso, der Chef der italienischen Modemarke Diesel, die Maison Martin Margiela. Ein Fanal für viele Jünger des Designhauses, die den jüngsten Tag der Marke gekommen sahen. Wo sollten die vielen Künstler und Intellektuellen fortan ihre Garderobe besorgen? Für Margiela war die Übernahme dagegen ein Glücksfall. Das Haus hatte jetzt endlich die Mittel zu wachsen.

Prüfungs- und Schreibunterlagen

Ohne Diesel gäbe es auch das Gebäude in der Rue St. Maur nicht. Kein Wohnwagen im Eingansbereich, in dem eine freundliche Empfangsdame sitzt. Keine weißgetünchten Möbel und keine Kantine im Hof. Das Maison Martin Margiela ist eine Sehenswürdigkeit.

Als man im Dezember 2004 einzog, hatte man alles so belassen wie man es vorgefunden hatte. Ab 1939 war hier eine Schule für Industriedesign untergebracht, einer der Schüler hatte die berühmte Gitanes-Zigarettenschachtel designt. 1994 wurde die Schule geräumt und fiel in einen zehnjährigen Dornröschenschlaf. Als Margiela das Gebäude übernahm, lagen die Prüfungs- und Schreibunterlagen noch auf den Schulbänken - und darauf eine dicke Staubschicht. Der einzige gröbere Eingriff, den man vornahm, betraf die Farbe des Hauses. Man pinselte alles weiß, der Margiela-Farbe seit Anfang an.

Auch die erste Kollektion, die der Designer nach vier Jahren als Assistent von Jean Paul Gaultier 1988 unter eigenem Namen präsentierte, war in dieser Farbe gehalten. Schmutzig weiß sind heute alle zwölf Margiela-Geschäfte, weiß ist das Corporate Design. Die Laboratoriums-Kittel, die alle Mitarbeiter bei Präsentationen targen, nennt man intern einfach nur "blouse blanche". Jeder Marketingfachmann würde Margiela auf die Schulter klopfen. Die Eigenheiten der Marke sind nämlich ihre größte Stärke. Als "Anwesenheit in Abwesenheit" analysierten Theoretiker die Rolle Margielas. Die Leerstelle ist zum Markenzeichen geworden, genauso wie das leere (oder nur mit Nummern versehene) Etikett in den Kleidern.

20 Prozent mehr Zeit, sagen seine Mitarbeiter, stünden Martin Margiela zur Verfügung, weil er sich Terminen mit Journalisten oder den Mitagessen mit Verlegern verweigere. Die weiß der Mann gut zu nutzen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/14/09/2007)

In Österreich gibt es Kleidung von Margiela unter anderem bei Song (Praterstraße 19) und Park (Mondscheingasse 20) in Wien.
Maison Martin Margiela
  • Kreatione aus der aktuellen Couture-Kollektion: ein Kleid aus Ringen
    foto: hersteller

    Kreatione aus der aktuellen Couture-Kollektion: ein Kleid aus Ringen

  • Wie ein Spukschloss steht das Maison Martin Margiela in einem der buntesten Viertel von Paris. Erst war das Gebäude ein Kloster, später war hier eine Schule für Industriedesign untergebracht.
    foto: hersteller

    Wie ein Spukschloss steht das Maison Martin Margiela in einem der buntesten Viertel von Paris. Erst war das Gebäude ein Kloster, später war hier eine Schule für Industriedesign untergebracht.

  • Als die Modeleute rund um den  belgischen Avantgardedesigner einzogen, beließ man das meiste wie es war. Heute ist das Haus eines der spannendsten Mode-Laboratorien.
    foto: hersteller

    Als die Modeleute rund um den belgischen Avantgardedesigner einzogen, beließ man das meiste wie es war. Heute ist das Haus eines der spannendsten Mode-Laboratorien.

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