Der Geist von Zimmer 9

  • Der Duft von Kaffee und Waffeln durchzieht das Hotel Djúpavik in den ab-gelegenen Westfjorden.
Foto: (C) Claus Sterneck, clausinisland.com
    foto: hotel djúpavík

    Der Duft von Kaffee und Waffeln durchzieht das Hotel Djúpavik in den ab-gelegenen Westfjorden.

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  • Hier, wo  die Natur so gewaltig ist, freut sich der Gast umso mehr über das heimelige Haus.
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    Hier, wo die Natur so gewaltig ist, freut sich der Gast umso mehr über das heimelige Haus.

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  • 2000 Kilometer lang ist die Küste der Westfjorde, wo Gletscherzungen bis zu 50 Kilometer lange Einschnitte in das Lavagestein hobelten.

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    2000 Kilometer lang ist die Küste der Westfjorde, wo Gletscherzungen bis zu 50 Kilometer lange Einschnitte in das Lavagestein hobelten.

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Magie knapp unterhalb des Polarkreises. Eine Reise ins isländische Djúpavík. Hier teilt man manchmal sein Hotelzimmer mit Geistern

In den 1930er-Jahren brachten gewaltige Fischschwärme Arbeit und Wohlstand an diese menschenleere Küste knapp unterhalb des Polarkreises. Mit bloßen Händen schaufelten die Männer die Fische in ihre Boote. Goldgräberstimmung auf isländisch. Der bekannteste isländische Schriftsteller Halldor K. Laxness schilderte diese Zeit in seinen Roman "Die Litanei der Gottesgaben", der in Djúpavík, einem Nest in den Westfjorden, spielt.

Doch einige Jahre später war der Boom vorbei. Als die Heringe ausblieben, gingen auch die Menschen. Der Ort versank in einen Dornröschenschlaf. Singschwäne und Eiderenten waren wieder unter sich. Zurück blieb eine kleine Geisterstadt am Fuße schroffer Vulkanfelsen und rauschender Wasserfälle.

Durch löcherige Wellblechhäuser pfeift nun der Wind, im Gras liegen korrodierte Maschinenteile. Mit abgebrochenem Heck versinkt das vom Rost zerfressene Wrack des Dampfschiffes "Sugurland" im Sand, das zuletzt als Unterkunft für Arbeiter diente. Am dunklen Lavastrand des Reykjafjords stapelt sich von Sonne und Salz gebleichtes Treibholz, das von Norwegen und Sibirien angeschwemmt wurde.

Inzwischen ist menschliches Leben in die Wildnis zurückgekehrt. Vor einigen Jahren hat es Eva und ihren Mann Asbjörn hierher verschlagen. Sie leitete bis dahin einen Kindergarten, ihr Gatte verschweißte Ölplattformen. Djúpavík war Liebe auf den ersten Blick. Beide kratzten ihre Ersparnisse zusammen und erwarben die Fischfabrik mitsamt dem früheren Wohnheim der Arbeiterinnen. Mit viel Idealismus und harter Arbeit bauten sie das zweistöckige Gebäude zu einem Hotel um.

Das einfache Haus mit seinen knarrenden Dielen bietet eine heimelige Atmosphäre fernab von modischen Zwängen. Aus der Küche dringt der Geruch von frischen Waffeln und Kaffee in die behagliche Gaststube mit ihrem gusseisernen Herd. Schafe drücken ihre Nasen an den Scheiben platt. Stress und Termindruck sind in Djúpavík Fremdworte. Ihre Armbanduhr hat Eva längst abgelegt.

Djúpavík ist bis heute eine Geisterstadt geblieben. Und das ist wörtlich zu nehmen. So soll sich in Zimmer 9 der Geist einer früheren Arbeiterin einquartiert haben. Gäste berichten von unruhigen Nächten. Und so wird der Raum erst vermietet, wenn alle anderen Betten belegt sind. Mit einer Ausnahme: Ein Tourist hat sich offenbar mit dem weiblichen Gespenst angefreundet. Wann immer der Urlauber Djúpavík besucht, besteht er darauf, in der Neun zu nächtigen.

Dann lauscht er dem Weinen und dem Geflüster der Frau, die in dem engen Raum einst mit sieben Kolleginnen hauste. Für Eva keine beunruhigende Vorstellung. "Alle Isländer glauben an Geistwesen, auch wenn sie es nicht zugeben."

Fast ungestört sind die Gespenster in der Fabrikshalle, in der früher tausende Tonnen Fisch verarbeitet wurden. Mitte der 1930er-Jahre, zur Zeit des zweiten "Heringsabenteuers" erbaut, war sie mit 6000 Quadratmetern das damals größte Gebäude Islands. Von der ganzen Insel strömten Arbeitskräfte herbei, um den Meeresschatz zu heben und an dem Wohlstand teilzuhaben.

Drei Monate dauerte im Sommer die Saison. Wenn Eva über diese Zeit berichtet, gerät die Isländerin ins Schwärmen, so als wäre sie dabei gewesen. "Die Arbeiter schufteten wie wild, wussten aber auch zu feiern", weiß sie zu berichten. Für zehn Kronen Eintritt konnten die Arbeiter ihren stinkenden Job beim gemeinsamen Tanz vergessen. Männer und Frauen wohnten in getrennten Häusern - dazwischen residierte der Fabriksdirektor. Die Weite der Natur bot jedoch genug Raum für ein Rendezvous.

Wenn nachts ein neuer Fang anlandete, sprangen die Arbeiter aus den Federn. Die besten Heringe wurden eingesalzen und nach ganz Europa exportiert, der Rest zu Fischmehl oder Öl verarbeitet. Dieses war im Zweiten Weltkrieg als Schmiermittel für die Kriegsmaschinerie begehrt.

Auch im Hochsommer steigt das Thermometer an den Westfjorden selten über 15 Grad. Zum Baden ist es im Reykjafjord allemal zu kalt. Nur die Seehunde fühlen sich in dem eisigen Wasser wohl. Mollig warm dagegen ist das Freiluftschwimmbad von Krossnes, einem winzigen Dorf rund 40 Kilometer nördlich von Djúpavík. Gespeist wird das Becken mit Meerblick von dem Wasser geothermischer Quellen. Vom Beckenrand aus zu beobachten sind die Eiderenten, die zu hunderten spielerisch über die Wellenkämme des Atlantik tanzen.

Hier am Ende der Welt sind Öffnungszeiten unbekannt, ebenso missmutige Bademeister. Man vertraut auf die Ehrlichkeit der Besucher, die das Eintrittsgeld in eine Dose legen. Sommers wie winters treffen sich hier Isländer im Schein der nächtlichen Sonne zum Planschen und Plauschen. Und Gäste sind jederzeit willkommen. (Ulrich Willenberg/Der Standard/RONDO/14.9.2007)

Unterkunft: Hotel Djúpavík
IS-522 Kjörvogur
Tel: 00354 451 40 37
E-Mail: djupavik@snerpa.is

Anreise: Flug von Wien mit Lauda Air nach Reykjavík. Weiterfahrt nach Djúpavík: Flug mit Islandflug nach Gjögur Auf Wunsch werden Gäste des Hotels Djúpavík vom Flugfeld abgeholt. Mit Mietwagen, Bus ab Reykjavík-City.

Allgemeine Info: Island Tourismus


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