Drecksmagneten und Wellenpower

15. September 2007, 17:00
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Die Ausstellung "Nature Design" im Museum für Gestaltung in Zürich zeigt, was sich Architektur und Design von Mutter Natur abkupfern, aber auch Projekte, die dem geschundenen Planeten wieder auf die Beine helfen

Gibt es in der Evolution Design? Diese Frage stellte "Die Zeit" vor einigen Jahren dem Konstanzer Evolutionsbiologen Axel Meyer. "In der Natur ist niemals das Rad entwickelt worden. Wir haben alle fünf Finger. Das hat aber nichts mit optimalem Design zu tun. Aus Zufall - und nicht, weil das optimales Design ist - haben sich jene Organismen durchgesetzt und wurden zu unseren Vorfahren, die fünf Finger hatten", antwortete der Professor unter anderem.

Umgekehrt schaut's ganz anders aus. Mit genau diesen fünf mal zwei Fingern schafft der Mensch Design ohne Unterlass. Und auch wenn das Rad nicht unbedingt seinen formalen Paten in der Evolution fand, gibt es doch genügend Beispiele, die sich die Natur zum Vorbild nahmen. Man denke an die organischen Design-Auswüchse der 1960er-Jahre oder den Tränen-, Tropfen-, Nieren- und Regenbogenkosmos eines Marc Newson oder Ross Lovegrove. Ganz zu schweigen von den immer zahlreicher werdenden Alltagserleichterungen, die uns die Bionik beschert. In erster Linie der Befruchtung von Design, Kunst und Architektur durch die Natur widmet sich derzeit in Zürich eine Ausstellung.

"Spongevase"

Angeli Sachs, Kuratorin der Ausstellung "Nature Design" im Museum für Gestaltung in Zürich, machte sich auf Spurensuche und trug über 500 Exponate aus den Bereichen Architektur, Design, Landschaftsarchitektur, Kunst, Fotografie und naturwissenschaftlicher Forschung zusammen. Allesamt versammeln sie sich unter dem Themenmantel "Rückkehr zur Natur". An reiner Hardware ist in der Schau zum Beispiel die "Spongevase" des Designers Marcel Wanders zu finden, der sich vom gemeinen Badeschwamm inspirieren ließ. Hydrosphärisch verwandt ist das Objekt mit dem Sessel "Corallo" von den Campana-Brüdern, der wie eine Koralle aus Drahtgeflecht gute Figur macht. Tiere als formale Paten dürfen in Zürich natürlich auch nicht fehlen: Zu finden sind Möbel-Klassiker wie Arne Jacobsens weltbekannter Sessel "Ameise" und Sori Yanagis "Elephant"-Hocker. Dass Design nicht nur im Möbelbereich auf den Hund kommen kann, zeigt der Techno-Gadget-Roboterhund "Aibo" von Sony, der in der Schau ebenfalls ausgeführt wird. Überdacht werden die tierischen Objekte von einer blätterdachartigen Struktur, zu der sich eigens für Zürich der Berliner Top-Designer Werner Aisslinger von Wald und Wiese inspirieren ließ. Das Projekt "mesh" ist eine leichte Wabenstruktur aus einem hitzeverformten Hightech-Strickgewebe. Die Struktur erinnert an Insektenbehausungen oder baumähnliche Strukturen.

Staub verhüllt Museum

Dass die Natur nicht nur formal oder konstruktionstechnisch Pate für Innovation sein kann, zeigt ein Projekt, das sich der Elektrostatik als Designinstrument bedient und das Besucher mit Reinlichkeitsfimmel eher als Horrorerlebnis verbuchen werden. Das französische Architekturbüro R&Sie(n) konstruierte die Außenhaut des Museums für zeitgenössische Kunst "B-mu" in Bangkok als elektrostatisch aufgeladene Aluminiumhülle, die Staubpartikel aus der stark verschmutzten Luft anzieht. So verhüllt sich das Museum zunehmend mit dem Staub der thailändischen Metropole.

Ebenfalls ein in der Natur vorkommendes Phänomen nutzte Yusuke Obuchi für seine Arbeit. Er entwarf mit "Wave Garden" ein Wellenkraftwerk für die Küste Kaliforniens, das theoretisch ein Atomkraftwerk bei San Luis Obispo ersetzen könnte. Die schwimmende künstliche Landschaft produziert Strom, indem sie den Druck der pazifischen Wellen mithilfe von piezoelektronischen Sensoren in Energie umwandeln. Piezoelektrizität beschreibt das Zusammenspiel von mechanischem Druck und elektrischer Spannung in Festkörpern. Am Wochenende, wenn weniger Strom verbraucht wird, steigt ein Teil der Elemente über die Wasseroberfläche auf und bildet eine Erholungslandschaft. Architekten und Designer, das vermittelt die Schau auf undogmatische Weise, können sich also von der Natur nicht nur ein gutes Stück abschauen, sondern ihr auch etwas zurückgeben. (Andrea Eschbach/Der Standard/rondo/14/09/2007)

"Nature Design: Von Inspiration zu Innovation". Bis 2. Dezember im Museum für Gestaltung in Zürich zu sehen. Der Katalog kostet € 29.90.
  • Werner Aisslingers Module aus Kunstfasern in  3-D-Strick-Web-Technik mit Klebeverformung.
    foto: hersteller

    Werner Aisslingers Module aus Kunstfasern in 3-D-Strick-Web-Technik mit Klebeverformung.

  • In  die reale Natur implantierte, künstliche Elemente bewegen sich im  Musikvideo "Sixes Last" zur Musik von 1st Ave Machine, New York.
    foto: hersteller

    In die reale Natur implantierte, künstliche Elemente bewegen sich im Musikvideo "Sixes Last" zur Musik von 1st Ave Machine, New York.

  • Die Skulptur "Joe & Joey"von Lars Spuybroek und Hanna Stiller (NOX), die durch Telefonanrufe beeinflusst werden kann.
    foto: hersteller

    Die Skulptur "Joe & Joey"von Lars Spuybroek und Hanna Stiller (NOX), die durch Telefonanrufe beeinflusst werden kann.

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