Rotkäppchen im Luftschutzbunker

21. September 2007, 14:08
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Der mit "Fight Club" bekannt gewordene US-Autor und Horror-Großmeister Chuck Palahniuk im Gespräch mit dem STANDARD

Der 45-Jährige stellte in Wien seinen neuen Roman "Das Kainsmal" vor - und sprach über die Wiener Flaktürme und sinnlose Zahnarztbesuche.


Wien - Wir schreiben den 11. September 2007. Die zwei Stunden Flug von Hamburg nach Wien zur Vorstellung seines neuen Romans "Das Kainsmal" im ausverkauften Rabenhof-Theater hat der Mann verschlafen. Ja, und?

Zwar lässt der spätestens 1999 mit der Verfilmung seines Sittenbildes "Fight Club" bekannt gewordene 45-jährige US-Autor Chuck Palahniuk in seinem Schaffen aber auch gar nichts aus, um seine Leser mit Bildern des reinen Terrors zu überziehen. Dazu zählen eben auch sich selbst erfüllende Prophezeiungen von terroristischen Aktionen wie in die Luft gejagten Wolkenkratzern, in den Vatikan und die Kaaba von Mekka gejagte Flugzeuge, im Internet beheimatete Selbstmord-Sekten - und überhaupt alles, was Leser, die Bücher aufblättern, um das Fürchten zu lernen, ein wenig besorgter einschlafen lässt. Wenn ein Roman aber fertig geschrieben ist, lässt es sich wieder ruhig ruhen. Der Kampf gegen Dämonen, ein Ringen um Seelenruhe.

Deshalb relativiert Palahniuk im Interview auch den literarischen Terror mit dem Hinweis darauf, dass hier ja nur ureigenste Menschheitsängste drastisch zugespitzt werden:

"Ich habe zwar in einem meiner Bücher einmal geschrieben: 'Jede Generation hofft darauf, die letzte zu sein.' Und die Chancen, die Welt zu vernichten, sind in letzter Zeit nicht unbedingt geringer geworden. Wenn man älter und damit weniger zornig auf die Welt wird, muss man diese Aussage allerdings relativieren. Um die Terroristen muss man sich keine Sorgen machen. Dies alles hat ja nur mit dem uralten Konflikt zwischen Vater und Sohn zu tun. Nach dem (symbolischen) Vatermord trachtet jeder Sohn danach, selbst zu überleben. Der Kampf um die Macht bedingt das Ringen um deren Erhaltung. Es darf nichts sein, wie es vorher war. Weg damit! Das, was danach kommen könnte, muss aber ebenso bekämpft werden. Jede Literatur handelt von diesem Konflikt."

Chuck Palahniuk will auch eines. Mit seinen sprachlich knapp gehaltenen, dem harten Verb mehr als dem verschleiernden Adjektiv vertrauenden, unbarmherzigen und in der Literaturwelt aufgrund ihrer Bösartigkeit und ihrem beißenden Spott ohne Beispiel erscheinenden Romanen wagt sich Palahniuk in Bereiche vor, die das Lesen mitunter tatsächlich zur schmerzhaften Angelegenheit machen. Der derzeit schwärzeste Chronist unserer Zeitläufte ringt um längst im medialen Overkill verloren geglaubte Intensität.

Wenn es darum geht, verzweifelt nach banalem "Glück" und zumindest einem Quäntchen "Sinn" suchende Menschen darzustellen, begibt sich der in den Wäldern Oregons mit seiner Frau und zwei Hunden auf einer von einer christlichen Endzeit-Sekte aufgebenen Farm lebende, ehemalige Filmvorführer und Lastwagenmechaniker gern in literarische Albträume. Die behagen ihm selbst nicht sehr.

Mord und Totschlag

Palahniuk: "Schauen Sie in Wien doch nur einmal auf diese aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Flak-Türme. Stellen Sie sich einen nicht nur einige Stunden, sondern tagelang dauernden Fliegeralarm vor. Was wird mit den sich dort hinein flüchtenden Menschen passieren? Mord und Totschlag, Raub, Vergewaltigungen, das nackte Chaos. Am Ende Kannibalismus. Das war schon immer so. Und es wird so bleiben. Wie viel kann man ertragen?! Machen wir uns nichts vor, die Decke der Zivilisation ist dünn. Davon handeln meine Bücher."

Zuletzt brachte Palahniuk mit der Rahmennovelle "Die Kolonie" diese klaustrophobische Endzeitstimmung auf den Punkt. 17 hoffnungsvolle, allerdings vom Leben arg gebeutelte Nachwuchsautoren melden sich auf die Annonce eines Creative-Writing-Lehrers. Sie lassen sich für zwölf Wochen in einem aufgelassenen Lichtspieltheater einsperren. Und sie werden zusätzlich, ohne ihr Wissen, eingemauert. Wirklich ungemütlich wird es, als Strom und Wasser abgedreht werden, die Nahrungsmittel verfaulen - und Leiden nicht nur Kunst, sondern auch Monster gebiert.

Palahniuk, der sich beim Schreiben mitunter auch glänzend unterhält, findet das nicht nur lustig: "Es stimmt schon: Früher war ich vom Leben angewidert, jetzt versuche ich mich zu amüsieren! Ich gebe ja auch mittlerweile selbst Kurse in 'Creative Writing'. Obwohl ich nicht daran glaube, dass irgendjemand tatsächlich schreiben lernen kann. Ich halte es lieber mit meinem eigenen alten Lehrer. Der meinte, dass man Autoren höchstens Disziplin beibringen könne. Schreiben, schreiben, schreiben - nur für sich und nicht mit dem Blick auf das Scheckbuch."

Und weiter: "Man muss angehende Autoren mit der angelegten Pistole dazu zwingen, endlich ihr Gequassel über kaputte Kindheiten, auseinanderbrechende Familien und den bösen Chef im Büro aufzugeben. Buhuhu! Wie traurig. Und wen interessiert das?! Mein Großvater ist Amok gelaufen, mein Vater wurde vom Ex seiner neuen Freundin umgebracht. Ich selbst stand auch auf der Liste des Mörders, wie ich erst beim Gerichtsprozess erfahren habe. Und?! Wie es schon in 'Fight Club' heißt: Erträum' dir endlich, was du dir im Leben wirklich wünschst, sonst erschieße ich dich!"

Physische Erfahrung

Palahniuk berichtet in seinem neuen Roman "Das Kainsmal" einmal mehr über die dunklen Ränder der Zivilisation. Dieses Mal stehen desillusionierte "Party-Crasher" im Mittelpunkt. Die gehen nachts mit ihren Fahrzeugen auf Kollisionskurs. Und deren Anführer verheert nebenbei als Virenträger die USA mit einer Seuche. Neben der physischen Erfahrung von Literatur im Zeichen des Tabubruchs ("Es muss wehtun. Wie weit kann ich gehen?!") geht es auch um Notgemeinschaften von Außenseitern. Die wollen und können mit der Gesellschaft nicht zurechtkommen. Sie werden deshalb zu apokalyptischen Crashpiloten.

Palahniuk: "Ich schreibe Grimms Märchen für Erwachsene. Rotkäppchen und Aschenputtel habe ich als Kind geliebt! Zehen werden abgeschnitten. Es wird in die Hölle gefahren. Die Nackenhaare sträuben sich. Wenn Sie meinen, dass meine Bücher am Ende ein ähnlich erlösendes Schmerz-lass-nach-Gefühl bereithalten wie der Besuch eines Zahnarzt, muss ich Sie enttäuschen. Ein Zahnarzt bringt Dinge wieder in Ordnung. Ich nicht. Der Schmerz bleibt."


"Der Horror, der Horror"

Der heute 45-jährige, abgeschieden auf einer Farm mit seiner Frau und zwei Hunden ohne Fernsehen und Internet-Zugang in Oregon lebende Chuck Palahniuk kam zwar nach einer traumatischen Kindheit und Jugend und Jahren als Filmvorführer, Fahrradbote oder Lastwagenmechaniker erst relativ spät zum Schreiben. Spätestens 1999, mit dem Welterfolg des nach seinem Roman "Fight Club" entstandenen Films, stieg der Autor allerdings schnell zum derzeit führenden Vertreter des Thriller- und Horror-Genres auf.

Palahniuk verdichtet in Werken wie besagtem "Fight Club" oder "Das letzte Protokoll", "Lullaby", "Flug 2039", "Die Kolonie" und dem gegenwärtig ebenfalls kurz vor der Verfilmung stehenden "Der Simulant" uralte Menschheitsängste zu unter die Haut gehenden, mitunter schockierenden, nachtschwarzen wie auch beißend spöttischen Paraphrasen auf die westliche Zivilisation. Stichwörter: Konsumwahn, dekadente Langeweile, Auseinanderbruch alter sozialer Gefüge, fundamentalistischer Terror, schiere Destruktionsgier ... Sie denken es, Palahniuk schreibt es nieder. Und er ist dabei mit unterschiedlichen literarischen Zugangsweisen (klassischer Horrorroman, Rahmennovelle, Killer-on-the-road-Reißer ...) wie aktuell in seinem Roman "Das Kainsmal" in Form einer von über hundert Protagonisten erzählten "Oral History" so erfolgreich, dass er mit seiner drastischen Literatur mittlerweile Eingang in die Feuilletons gefunden hat. Von der "New York Times" wurde er zu den zehn wesentlichsten Gegenwartsautoren gekürt.

Internet-Verweigerer Palahniuk (er recherchiert in Bibliotheken) zählt wohl auch zu den bestdokumentierten Autoren aller Zeiten, siehe: www.chuckpalahniuk.net.

Derzeit schließt er gerade die Arbeit an seinem nächsten Roman ab. In "Snuff" erzählt er laut Interview mit dem STANDARD "eine zu Herzen gehende Geschichte, die im Pornomilieu spielt. Es geht um den Weltrekordversuch im Gang Bang, um Todessehnsucht und Familienzusammenführung. Blut wird keines fließen. Dafür aber etwas viel Schlimmeres. Trotz allem wird der Roman sehr lustig werden!" (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.9.2007)

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US-Autor Chuck Palahniuk im Interview: "Man muss Autoren mit der angelegten Pistole dazu zwingen, endlich ihr Gequassel über kaputte Kindheiten und Familien aufzugeben. Buhuhu. Wie traurig. Und wen interessiert das?!
    foto: standard / fischer

    US-Autor Chuck Palahniuk im Interview: "Man muss Autoren mit der angelegten Pistole dazu zwingen, endlich ihr Gequassel über kaputte Kindheiten und Familien aufzugeben. Buhuhu. Wie traurig. Und wen interessiert das?!

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