"Ich habe abgetrieben"

14. Jänner 2008, 12:28
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Online-Plattform bietet Frauen aus Ländern, wo Abtreibung verboten ist, Hilfe jenseits verurteilender Diskurskultur

374 Frauen haben 1971 mit der Bekenntnis-Aktion "Ich habe abgetrieben" eine Lawine losgetreten. Initiiert hat das ganze EMMA-Wortführerin Alice Schwarzer. Damals war Schwangerschaftsabbruch in Deutschland mit fünf Jahren Gefängnis geahndet. Auch in Österreich, was sich vier Jahre später aber ändern sollte.

In vielen Ländern der Welt gibt es nach wie vor keine mit der damals eingeführten Fristenregelung vergleichbare Gesetzeslage, auf die sich Frauen in Notsituationen stützen können. In Afghanistan, Bolivien, Chad, Dominikanischen Republik, El Salvador, Gambia, Haiti, Irland, Jamaika, Kuwait, Laos, Lesotho, Malawi, Nepal, Oman, Qatar, Ruanda, San Marino, Thailand, Uganda, Venezuela, Zimbabwe zum Beispiel.

Oder Polen, wo Abtreibung bis 1993 noch erlaubt war. Laut Statistik wurden dort 1997 noch 3047 legale Abtreibungen durchgeführt. 1999 betrug die Zahl der legalen Schwangerschaftsabbrüche 151. Die Vereinigung für Frauen und Familienplanung, eine Dachorganisation feministischer Gruppen, schätzt die Zahl der illegalen Abtreibungen auf 80.000 bis 200.000 im Jahr. Wer es sich leisten kann, fährt ins Ausland, um den Eingriff vornehmen zu lassen. Doch vor allem Frauen in sozialen Notlagen bleibt häufig nur eine illegale Abtreibung in der Nachbarschaft voller gesundheitlicher Risiken.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von zwanzig Millionen Abbrüchen weltweit pro Jahr aus, die unter - milde gesagt - unsicheren Bedingungen stattfinden. Vierzig Prozent dieser Eingriffe ziehen schwere medizinische Komplikationen nach sich, geschätzte 70.000 Frauen sterben jährlich in Folge.

Um Frauen ohne legalem Background Zugang zu sicherem Schwangerschaftsabbruch gewähren zu können, hat sich "Women on Web" formiert, eine Online-Community von Frauen, die abgetrieben haben. Unterstützt wird "Women on Web" von Pro-Choice-Organisationen; eine der Mitbegründerinnen ist Rebecca Gomperts, die auch "Women on Waves" ins Leben gerufen hat. Mit einem Schiff können nicht alle Häfen und schon gar nicht Binnenländer angelaufen werden, aber das Internet stellt mit seiner Niederschwelligkeit ein ideales Hilfmittel dar.

Schwangerschaftsabbruch zu Hause

"Women on Web" ist Anlaufstelle für Ausstausch und Informationen über sichere Abtreibung jenseits einer feindlichen und verurteilenden Diskurskultur und Rechtsprechung. Erfahrungsberichte von Frauen und Männern zu Abtreibung finden sich dort ebenso wie ein 25-Fragen-Check, der Frauen in Situationen, in denen eine Abtreibung für sie in Frage kommt, aber nicht legal ist, an sichere Anlaufstellen - ÄrztInnen in ihrer Nähe - vermittelt. Nach virtueller medizinischer Beratung und Aufklärung erhalten die Frauen Post, die zwei Medikationen enthält: Mifepriston und Misoprostol für einen medikamentös induzierten Schwangerschaftsabbruch zu Hause.

Frauen, die Möglichkeiten eines sicheren Abbruchs haben, in Ländern mit entsprechenden Gesetzesregelungen leben, ist die Inanspruchnahme des Services verwehrt. Der Check nimmt die WHO-Definition von Gesundheit ernst: Ist das vollständige physische, geistige und soziale Wohlbefinden einer Frau durch eine Schwangerschaft gefährdet bzw. nicht mehr gegeben, hat sie ein Recht auf einen Abbruch, der ihr Leben nicht gefährdet. (red)

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    Rebecca Gomperts, Gründerin und Vorsitzende der "Women on Waves", nicht nur mehr auf hoher See: Ein von ihr mitinitiiertes Online-Service soll Frauen, die keine Möglichkeit eines legalen, sicheren Zugangs zu Schwangerschaftsabbruch haben, weiter helfen.
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