Eine runde Sache

17. September 2007, 17:00
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Seit Maria Theresia werden Erdäpfel in den heimischen Küchen verkocht, jetzt erfahren sie eine Renaissance

Im Jahr 2006 wurden im heimischen Lebensmittelhandel über 82 Tonnen Erdäpfel verkauft, durchschnittlich isst jeder Österreicher 53 kg Erdäpfel pro Jahr. Kein Wunder, kaum eine andere Gemüsesorte ist so vielfältig in ihren Verwendungsmöglichkeiten. Von Vorspeisen, Hauptspeisen, Beilagen und Salaten bis zu süßen Nachspeisen werden Kartoffeln in der österreichischen Küche verkocht.

Nach Startschwierigkeiten zum Arme-Leute-Essen

Die Spanier brachten die Kartoffel Mitte des 16. Jahrhunderts von ihren Eroberungszügen in Südamerika mit nach Europa und beschrieben sie als „mehlige Wurzel mit gutem Geschmack“. Etwa zur selben Zeit brachte auch der englische Gelehrte Thomas Harriot die Pflanze von einer Forschungsreise in Nordamerika nach England mit.

Doch essen wollte sie damals niemand. Sie wurde als Zierpflanze angebaut und dann den Schweinen verfüttert. Die Kirche verdammte die Knolle als dämonisches, lüsternes Gewächs und als Frucht des Bösen, die Lepra oder gar die Pest verursache.

Erst als die Regierenden in Europa den Wert der Kartoffel im Kampf gegen Hungersnöte erkannten, griffen sie zu ungewöhnlichen Mitteln um die Kartoffel schmackhaft zu machen. So wurden von vielen Herrschern der Anbau und der Verzehr unter Androhung von harten Strafen angeordnet.

Besonders listig war ein französischer Apotheker. Er ließ ein mit Kartoffeln bepflanztes Feld scheinbar streng bewachen und hoffte, dass das Volk die Knollen stehlen würde, denn nur Kostbares lässt man bewachen. Von da an war der Schritt zum Grundnahrungsmittel für „arme Leute“ nur noch ein kleiner. Der Verbrauch lag zeitweise sogar bei 200 kg pro Person und Jahr.

Renaissance in der Küche

Von diesem Bedarf an Erdäpfeln sind wir heute weit entfernt, nichtsdestotrotz erlebt das Grundnahrungsmittel eine Renaissance in der Küche. Das Image als „Dickmacher“ hat die Kartoffel abgelegt. Mit nur 70 Kilokalorien pro 10 dag enthält sie weniger Kalorien als die gleiche Menge Brot, Reis oder Nudeln. Zwei bis drei Erdäpfel decken bereits ein Viertel des Tagesbedarfs an Magnesium und die Hälfte des Bedarfs an Vitamin C.

Irland ist europaweiter Spitzenreiter beim Kartoffelverbrauch, die Italiener dagegen bilden als klassische Nudelesser das Schlusslicht. Österreich und Deutschland mit knapp 60 kg sind im guten Mittelfeld. Heute werden weltweit 300 Millionen Tonnen Kartoffeln jährlich geerntet, über zwei Drittel davon in Europa und da vor allem in Osteuropa.

Mit den Erdäpfel-Wochen bis Ende Oktober will die heimische Gastronomie die vielfältigen kulinarischen Möglichkeiten dieser Knollen ihren Gästen servieren.

Wer lieber selbst in der Küche steht, findet im Erdäpfelkochbuch vom Agrarmarkt Austria Wissenswertes zu Geschichte und Sortenvielfalt sowie Köstliches zum Nachkochen. (Gudrun Ostermann, derStandard.at)

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