Interview mit Raphael Vago: "Sie imitieren ein sehr krankes europäisches Muster"

11. Februar 2008, 15:18
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Der israelische Historiker Raphael Vago erklärt im derStandard.at- Interview warum es naiv war zu glauben, dass Israel immun sei gegen Antisemitismus

Die "Kids" sind nur ein paar Straßen weiter von seinem Häuserblock zur Schule gegangen. Raphael Vago, Professor für moderne Geschichte an der Universität Tel Aviv, lebt in Petach-Tikva. Dort wo die Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert wurde und wo Jugendliche - Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion - Gastarbeiter, Obdachlose und orthodoxe Juden verprügelt haben. Und plötzlich ist die Rede von russischen Immigranten, die keinen Bezug zum Judentum haben. Seit 1990 sind mehr als eine Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel gekommen. Damit stellen sie die größte Immigrantengruppe dar. Vago, der auch am "Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism" arbeitet, hat viele russische Studenten. Alles ganz "normale Leute", die sich mehr israelisch als russisch fühlen. Im Interview mit derStandard.at stellt Vago fest, dass die antisemitischen Aktionen jene in Russland widerspiegeln.

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derStandard.at: Ist es nicht paradox, dass ausgerechnet im Judenstaat Antisemiten aktiv werden? War es naiv zu glauben, dass Israel immun gegen Antisemitismus sei?

Vago: Wenn wir uns diese Jugendlichen ansehen, stammen sie nicht wirklich von jüdischen Familien. Da soll nicht heißen, dass einer sofort zum Antisemiten wird, nur weil ein Elternteil Nichtjude ist. Das Problem ist nicht ideologisch, aber sozial und psychologisch. Für diese Leute sind die schwarzen Schuhe, die Hakenkreuze und die Flaggen nur eine Legitimation für ihre Gewalt. Das sind keine tief ideologisierten Leute, die tatsächlich glauben der weiße Mann ist überlegen und der Jude ein Untermensch. Sie imitieren ein sehr krankes europäisches Muster, das seine Wurzeln in Russland hat. In Russland ist das Level von Ausländerfeindlichkeit sehr hoch.

derStandard.at: Vielfach wird argumentiert, dass das Aufkommen antisemitischer Aktionen auf das zu großzügige "Rückkehrgesetz" zurückzuführen ist, wobei jeder, der einen jüdischen Vorfahren nachweisen kann, ein Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft hat. Sollte man die Einreisebestimmungen verschärfen?

Vago: Israel öffnet automatisch für jeden Juden die Grenzen. Wenn man beschränken will, braucht man eine sehr genaue Definition, was denn ein Jude ist. Und ich glaube von allen Menschen weltweit sind die Juden die empfindlichsten, wenn es um solche Definitionen geht. Religiöse Juden haben ihre eigene Definition und argumentieren, dass bei strengeren Immigrationsbestimmungen diese Vorfälle nicht passiert wären. Die wollen dann, dass die Leute nicht nur ihre jüdische Herkunft sondern auch ihren jüdischen "Way of life" beweisen können.

derStandard.at: Inwieweit werden die Immigranten heute auf ihr 'Jüdisch sein' geprüft?

Vago: So viel ich weiß, reicht es, wenn die Leute sagen, dass sie jüdische Vorfahren haben. Sie werden vielleicht noch fragen, wie man lebt, ob man in die Synagoge geht und ob die Eltern auf dem jüdischen Friedhof begraben sind. Aber es gibt keine Prüfung.

derStandard.at: Weiters wird kritisiert, dass die israelische Einwanderungsorganisation 'Jewish Agency' zu aggressiv um neue Israelis im Ausland wirbt und mit Jobs und Wohnungen Leute ins Land lockt, die sich in keiner Weise mit Israel identifizieren. Wie aggressiv ist die Jewish agency tatsächlich?

Vago: Sie versuchen weltweit Juden zu überzeugen dass es sich auszahlt nach Israel zu kommen, dass man ihnen eine Arbeit, eine Wohnung, Schule für die Kinder, etc. findet. Man kann es aggressiv nennen oder Diplomatie. Man darf nicht vergessen, dass Israel erst durch die jüdische Immigration entstanden ist und unsere Zukunft davon abhängt wie viele Leute aus der Diaspora zu uns kommen.

derStandard.at: Besteht nach der Aufdeckung des Neonazi-Rings die Gefahr, dass russische Immigranten zur Zielscheibe von Diskriminierungen werden?

Vago: Da ist man bisher sehr vorsichtig. Man will nicht stigmatisieren. Aber natürlich hört man in der öffentlichen Meinungen, schon einmal ein: 'Hast du schon von diesen russischen Juden gehört?' (Solmaz Khorsand, derStandard.at/12.9.2007)

  • "White Powers" propagierte die Neonazi-Gruppe, die sich Adolf Hitlers Rassenfantasien verschrieben hatte. 
Nach eineinhalbjährigen Ermittlungen nahm die Polizei acht Burschen im Alter von 16 bis 21 Jahren fest.
    foto: epa/israeli police

    "White Powers" propagierte die Neonazi-Gruppe, die sich Adolf Hitlers Rassenfantasien verschrieben hatte. Nach eineinhalbjährigen Ermittlungen nahm die Polizei acht Burschen im Alter von 16 bis 21 Jahren fest.

  • Raphael Vago kam mit 12 Jahren aus der rumänischen Stadt Cluj nach Israel. Mit Israel hat sich der heute 61-Jährige erst so richtig nach seinem Militärdienst identifiziert. "Das Militär bringt verschieden Leute zusammen. Manchmal wird hier der erste Kontakt mit der israelischen Gesellschaft hergestellt."
    foto: privat

    Raphael Vago kam mit 12 Jahren aus der rumänischen Stadt Cluj nach Israel. Mit Israel hat sich der heute 61-Jährige erst so richtig nach seinem Militärdienst identifiziert. "Das Militär bringt verschieden Leute zusammen. Manchmal wird hier der erste Kontakt mit der israelischen Gesellschaft hergestellt."

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