Zu schnell abgestempelt

11. September 2007, 21:08
posten

Technikermangel: Wifo-Expertin kritisiert Schulsystem

Die Frage, welche Berufe Zukunft haben, hört Gudrun Biffl oft. Als Arbeitsmarktforscherin müsste sie ja Tipps geben können. "Wer sich ein technisches Studium vorstellen kann, soll es auch versuchen", rät sie: "Ingenieure werden gesucht und haben auch gute Chancen, sich weiterzubilden." Als ihr Sohn sich für Elektrotechnik entschied, war sie dennoch erstaunt. Er hatte ein Gymnasium besucht. Die Technischen Unis seien besser auf Absolventen der Höheren Technischen Lehranstalten eingestellt.

Seit Jahren wird für naturwissenschaftliche und technische Studien geworben. Auch dass die Schüler oft falsche Vorstellungen vom Studium und seinen Perspektiven haben, ist bekannt. Der grassierende Technikermangel resultiert laut Biffl aber aus der Selektivität des heimischen Schulsystems. Das bringe zu wenige Schüler zur Hochschulreife. Was hier einer Matura entspricht, erreichen in Schweden oder Finnland neun von zehn Schülern, in den USA zwei von drei, in Österreich dagegen nur zwei von fünf. Auf die Uni geht von einem Jahrgang nur jeder Vierte, ein abgeschlossenes Studium kann am Ende nur etwa einer von fünf vorweisen.

Dass die österreichische Industrie noch relativ gut dasteht, ist laut Biffl ein Erbe der Vergangenheit. Doch in den Bildungssystemen anderer Länder habe sich in den letzten Jahrzehnten mehr getan als hier. Über die Schulen kann Biffl ausgiebig schimpfen. Dort zählen Lesen, Schreiben und theoretisches Denken: "Praktisch Begabte werden schnell als dumm abgestempelt und zu wenig gefördert."

Das betrifft mehr Buben als Mädchen. Die Initiativen, Mädchen zu einem naturwissenschaftlichen oder technischen Studium zu ermutigen, empfindet Biffl zwar als überfällig. Um des Ingenieurmangels Herr zu werden, müssten aber letztlich mehr Burschen fit für die Hochschule gemacht werden. Buben seien im Nachteil, weil sie in der Entwicklung einige Monate hinter den Mädchen dran sind und aufgrund der Dominanz der Frauen im Schulwesen. Dass Buben ausgleichende Förderung benötigen, sei in Österreich kaum erkannt.

Die Burschen finden sich oft an den Höheren Technischen Lehranstalten. Doch an diesen herrsche Dauerdruck "Wer nicht nur hackeln, sondern auch etwas von seiner Jugend haben will, hält nicht durch." Nur etwa die Hälfte komme bis zum Abschluss.

Betriebe als Nutznießer

Nutznießer sind laut Biffl die Betriebe. Die nehmen als Lehrlinge lieber HTL-Abbrecher auf als Bewerber, die nur einen Hauptschulabschluss haben. Manche holen dann nach abgeschlossener Lehre die Berufsmatura nach. Allerdings ist das nicht nur mühsam und kostet eineinhalb bis zwei Jahre Zeit, sondern auch je nach Fachrichtung zwischen 1500 Euro und 2700 Schulgebühr. Die Gebühr für diesen Schulabschluss gehöre viele eher abgeschafft als die 363 Euro Semestergebühr an den Unis, so Biffl.

"Das Problem ist nicht, dass die jungen Leute das Falsche studieren wollen, sondern dass zu viele schon vorher rausfallen", folgert die Wifo-Forscherin. "Nur ganz wenige haben ein so ausgeprägtes Talent, dass sie dies und nichts anderes lernen oder studieren müssen. Die meisten haben mehrere Interessen und damit die Wahl." Ihre Tochter schien zunächst in die erste Kategorie zu fallen. Von klein auf war von allen ihr künstlerisches Talent gelobt worden. Wenn es ein Kunststudium sein sollte, dann bitte mit technischem Schwerpunkt, riet Biffl ihrer Tochter, die mit Stipendium in England Mediendesign zu studieren begann. Ein Praktikum in einer Werbeagentur enttäuschte sie aber so, dass sie sich neu orientierte. Inzwischen ist sie im fünften Studienjahr Medizin.

Akademikerkinder haben es aber leichter. Wobei es hierzulande besonders verbreitet ist, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Schließlich werden viele Posten nicht nach Eignung, sondern nach Beziehungen, vor allem denen von Papa und Mama vergeben, so Biffl. Was auch wieder einige davon abhält, ihre Berufs- und Studienwahl nach Talent, Neigung und Arbeitsmarktperspektive zu treffen. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Buben würden eine ausgleichende Förderung brauchen. In Österreich sei das kaum erkannt.

  • Es gebe zu viele HTl-Abbrecher, sagt Wifo-Expertin Gudrun Biffl.
    foto: der standard/cremer

    Es gebe zu viele HTl-Abbrecher, sagt Wifo-Expertin Gudrun Biffl.

Share if you care.