Nicht Teil eines politischen Programms

11. September 2007, 20:31
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Der Veranstalter der kommenden Iranistik-Konferenz Bert Fragner im STANDARD-Interview über offene offenen Ansätze und "pragmatische Beschränkungen"

Wien ist ab 18. September Schauplatz einer internationalen Iranistik-Konferenz. Einer breit gefächerten Thematik und einem offenen Ansatz stehen "pragmatische Beschränkungen" gegenüber, sagt Veranstalter Bert Fragner zu Gudrun Harrer.

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STANDARD: Das Institut für Iranistik der Akademie der Wissenschaften hält kommende Woche die "6th European Conference of Iranian Studies" ab, mit 260 angemeldeten Vorträgen eine wissenschaftliche Großveranstaltung. Würden Sie uns die Konferenz und das Fach Iranistik beschreiben?

Fragner: 1983 wurde in Rom die Societas Iranologica Europaea gegründet, die beschloss, alle vier Jahre einen gesamteuropäischen Kongress einzuberufen, das heißt: Die Societas beauftragt jemanden mit der Abhaltung. Der erste war 1987 in Turin, dann kamen Bamberg - auch damals unter meiner Leitung -, Cambridge, Paris, Ravenna und jetzt Wien.

Die Teilnehmerzahlen schnellten von anfangs etwa 70 in Turin bis 400 in Paris nach oben, und zwar auch, weil da bereits eine größere Anzahl von iranischen Wissenschaftern - Philologen, Kulturwissenschafter, Soziologen - herausgefunden hatte, dass es sich um die einzige frei zugängliche internationale Veranstaltung handelte, die sich mit Aspekten iranischer Kultur befasst.

Diesmal gibt es 260 Anmeldungen zu Vorträgen, dazu wurden 45 Seiten Abstracts geliefert. Das Besondere dabei ist der immer noch beibehaltene völlig offene Charakter der Veranstaltung, das heißt, es wird kein zentrales Thema ausgeschrieben, die Vorträge werden Hauptthemen, Sektionen zugeordnet: Religious Studies, Iranian Philology (die Traditionsiranistik), Islamic Art History and Archeology, Iranian History, Contemporary Iranian History, Persian Literature (classical and contemporary), Cultural Studies.

STANDARD: Also nicht, wie in anderen Konferenzen, ausgewählte Sprecher zu den Themen.

Fragner: In vielen Fächern gilt ein so offener Ansatz ohne Zugangsbeschränkungen heute als unfein, da fordert man zuerst Abstracts an und evaluiert sie. In relativ kleinen Fächern ist das anders, da geht es mehr um die Ermutigung zum Austausch. Auch gibt es in kleineren Fächern eine hohe Anzahl von Schul- und Gruppenbildungen, das heißt, wenn man ein Thema oder Abstract von jemandem evaluieren lässt, dann ist dieser wahrscheinlich entweder ein Parteigänger oder ein Gegner dessen, der etwas vorgelegt hat.

Gerade der offene Ansatz bietet auch die Möglichkeit, den von Zeit zu Zeit stattfindenden Versuchen von politischem Zugriff entgegenzutreten. Das kann die Öffentlichkeit sein, die sagt: Was forschen die denn da, wieso werden hier nicht die entscheidenden Antworten auf die entscheidenden Fragen unserer Zeit gegeben? Unsere Replik ist: Was hier widergespiegelt wird, ist der Zustand eines Faches, der innere Austausch eines Faches.

Das zweite, ernstere Versuch von Zugriff ist der von politischen Einrichtungen, die sich für zuständig halten, beispielsweise die Träger der Kulturpolitik der Islamischen Republik Iran. Die vorgeben wollen, was auf solchen Konferenzen behandelt werden darf und was nicht.

STANDARD: Gibt es Themen, die Sie ablehnen?

Fragner: Wir haben uns pragmatische Begrenzen gesetzt, die sowohl nützlich als auch konfliktvermeidend sind. Wir behandeln keine wirtschaftswissenschaftlichen Themen, sie sind mit den kulturwissenschaftlichen Traditionen nicht kompatibel und finden ohnehin woanders statt.

Das andere sind ausgeprägt politikwissenschaftliche Themen, mit ihnen würden wir die Teilnahme von iranischen Wissenschaftern unmöglich machen, und zwar solchen, die sich gar nicht damit beschäftigen. Das Gesamtpaket würde dann aus einem gezielten ideologischen Blick heraus als ein Teil eines politischen Programms verstanden. Dieser Vorwurf wird uns auch so schon gemacht.

STANDARD: Iranische Wissenschafter stehen unter großem Druck, sich von Foren fern zu halten, in denen Iran kritisch diskutiert wird.

Fragner: So ist etwa eine amerikanisch-englische Konferenz in London im vergangenen Sommer stark unter iranischen Beschuss geraten, weil dort unter anderem Probleme der politischen Kultur Irans behandelt wurden: hauptsächlich Weblogs, Jugend und Internet also. Ein kulturwissenschaftlich erstrangiges Thema, das jüngere Wissenschafter mit iranischen Herkunftshintergrund brennend interessiert. Wir haben es auch, das lässt sich gar nicht vermeiden. Aber das sind die Fälle, wo sich auf einmal inneriranische Institutionen zu Wort melden und nicht auf das schauen, was sonst vor sich geht auf der Konferenz.

STANDARD: Wie viele Iraner kommen diesmal?

Fragner: Wir haben etwa hundert Anmeldungen. Die meisten Teilnehmer sind Europäer, aber auch fünfzehn Amerikaner, zehn Israelis, acht Japaner. Die größte europäische Gruppe sind die Italiener mit dreißig Teilnehmern.

STANDARD: Warum ist die Iranistik in Italien so beliebt?

Fragner: Italien ist das Land in Europa, in dem die traditionellen Bildungswissenschaften auf die stärkste Resonanz stoßen: Dante ist in Italien einfach wesentlich populärer als Goethe im gesamten deutschen Sprachraum. Die alten bildungsbürgerlichen Maximen haben sich in Italien nicht abgeschliffen. Das passt ja auch zur Selbstwahrnehmung Italiens.

Das spiegelt sich wider in der Akzeptanz so genannter Orchideenfächer. Wenn man bei uns hin und wieder hört: "Wer braucht denn das?", so wird das in Italien anders gesehen. Das führt auch dazu, dass beispielsweise orientalistische Unternehmungen sich höchster Förderung durch wirtschaftliche Institutionen erfreuen, etwa durch Banken. Wenn die Iranisten der Universität Ravenna erklären: "Wir richten jetzt eine Exkursion aus nach Tadschikistan um dort entlegene Dialekte zu studieren", dann rollt das Geld fünf- und sechsstellig.

Wir haben, wofür ich sehr dankbar bin, von der OMV 3000 Euro bekommen, aber ohne Sonderfinanzierung im eigenen Haus, der Akademie der Wissenschaften, hätten wir das nicht machen können. Und die Teilnehmer tragen alle Kosten selbst und zahlen einen Kongressbeitrag.

STANDARD: Dabei sind doch "Iran-Versteher" hoch im Kurs? Könnte das die Iranistik nicht besser nützen?

Fragner: In Österreich liegt das im Feld von Political Studies, da sind ja überall schon Iran-Versteher da, die sich jedoch der diskursiven Disziplin der Iranistik nicht notwendigerweise anschließen. Hier ist der Zusammenhang von orientalistischen Fächern und jenen Leuten, die sich auch mit dem Ablauf von Politik in diesen Ländern befassen, noch immer sehr lose. Was den einen fehlt, haben die anderen, und umgekehrt. In anderen Ländern, auch in Deutschland, gehen die beiden Bereiche viel mehr aufeinander ein. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)

Zur Person
Bert Fragner (66) ist seit 2003 Direktor des neuen Institutes für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften in Wien. In Österreich geboren, hat er fast seine gesamte Wissenschaftskarriere in Deutschland verbracht. Fragner studierte in Wien und in Teheran, wo er auch unterrichtete, und habilitierte sich in Freiburg ("Persische Memoirenliteratur als Quelle zur neueren Geschichte Irans").

1985 wurde er Professor an der Freien Universität Berlin, 1989 in Bamberg. Fragner war Präsident der Societas Iranologica Europaea, und die European Conference of Iranian Studies, die nun zum sechsten Mal in Wien stattfindet, stand schon einmal unter seiner Ägide, 1991 in Bamberg. Fragner tritt auch häufig als Experte zu Fragen der Islamischen Republik Iran in Erscheinung.

  • Bert Fragner, Direktor des Instituts für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften: Die "Iran-Versteher" in den Politikwissenschaften schließen sich der diskursiven Disziplin der Iranistik nicht unbedingt an.
    foto: der standard/cremer

    Bert Fragner, Direktor des Instituts für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften: Die "Iran-Versteher" in den Politikwissenschaften schließen sich der diskursiven Disziplin der Iranistik nicht unbedingt an.

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