"Schwerste psychiatrische Erkrankung"

18. September 2007, 10:34
45 Postings

Nicht nur Opiate und Alkohol, auch Essen oder Spielen können zur Sucht werden - Psychiaterin Fischer im Interview

STANDARD: Hat Sucht als Thema nicht schon seit Langem genug Aufmerksamkeit?

Fischer: Die Leute sagen gern, ein Süchtiger soll doch einfach aufhören. Dabei kennen es die meisten selbst vom Essen: Man weiß nicht, wann es genug ist. An diesem Beispiel lässt sich verdeutlichen, warum es einfach nicht mit Sätzen wie 'Jetzt rauch halt nicht mehr!' getan ist.

STANDARD: Dann sind wir alle ein bisschen süchtig?

Fischer: Bis zur Erkrankungsdiagnose spielen mehrere Faktoren zusammen. Wenn Sie etwa eine genetische Vorbelastung haben, wenn Sie das Pech haben, in einer suchtpermissiven Gesellschaft aufzuwachsen, in der Schule keine entsprechende Sozialisation erwerben, kann der Weg vorgeplant sein. Die Esssucht nimmt massiv zu. Dreißig Prozent der Kinder sind betroffen. Das sind Dimensionen, die sind gewaltig. Man redet nur viel lieber über Heroinsucht, weil das eine Randgruppe und weit weg von den meisten ist.

STANDARD: Die Gesellschaft nimmt Sucht eben vor allem als soziales Problem wahr ...

Fischer: Es beginnt damit, dass Medien immer noch von Junkies sprechen und nicht von Suchtkranken. Dabei handelt es sich um die schwerste psychiatrische Erkrankung. Zehn Prozent der Gesundheitsausgaben gehen in die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen.

STANDARD: Dieser Tage haben Sie international führende Suchtforscher in Wien zu Gast. Was versprechen Sie sich von der Konferenz?

Fischer: Dass sich eine sachliche Diskussion über internationale Standards etabliert, die von international führenden Forschern vorgetragen werden. Und ich wünsche mir, dass sich die Emotionalisierung legt. Sobald es um Sucht geht, geht es auch um politische Abgrenzungsflächen. Wir müssen uns genau wie in anderen Bereichen der Medizin an Standards orientieren. Das ist das Ziel. Medizinische Behandlungen kann man nicht in juristische Verordnungen gießen. Je restriktiver der Zugang, desto höher sind die Mortalität und auch die Kosten. Am teuersten ist letztlich ein Gefängnisaufenthalt.

STANDARD: Ist Österreich auf dem falschen Weg?

Fischer: Es sind insgesamt die Akzeptanz der Krankheitswertigkeit und die Gleichbehandlung im Vergleich zu anderen chronischen Erkrankungen, die wesentlich sind. Zum Beispiel sollten Alkoholkranke selbst akzeptieren können, dass sie krank sind. Ganz zentral dabei ist, dass Sucht immer noch mit einem großen Stigma behaftet ist. Was mir in Österreich wenig gefällt, ist die Isolierung der Betroffenen. Bei einigen Einrichtungen ist völlig klar, wenn jemand dort behandelt wird, dass es sich um eine Suchterkrankung handelt. Suchtkranke sollten in jeder psychiatrischen Spitalsabteilung stationär oder viel besser noch ambulant behandelt werden. Das schützt die Betroffenen selbst.

STANDARD: Reklamieren Sie die Führungsrolle für die Psychiatrie?

Fischer: Nein, Multidisziplinarität ist ganz wesentlich. In unserem Team am AKH arbeiten Psychiater, Psychologen, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, Allgemeinmediziner und Apotheker, und wir können auch noch Gynäkologen und Kinderärzte hinzuziehen. Das ist das Privileg, in einem großen Krankenhaus zu arbeiten.

STANDARD: Sollen Suchtkranke nicht mehr von Hausärzten behandelt werden?

Fischer: Doch. Suchtbehandlung gehört in den Mainstream. Aber Suchtpatienten sind sehr aufwändige Patienten. Sie leiden häufig an speziellen Persönlichkeitsstörungen und oft an weiteren psychiatrischen Erkrankungen. Als Arzt muss man auch auf der Verhaltensebene arbeiten, und das braucht vor allem Zeit. In Wien gibt es für Hausärzte, die Opiatabhängige behandeln, ein gutes finanzielles Anreizsystem. Ich würde mir das auch für andere Suchterkrankungen wünschen.

STANDARD: Außer der Bezahlung sehen Sie kein Problem?

Fischer: Ganz zentral ist die fachliche Qualifikation. Studierende, die ab kommendem Jahr abschließen, haben eine fundierte suchtmedizinische Ausbildung an der Universität. Aber in früheren Studienordnungen war das nicht vorgesehen. Da gab es die Wahl zwischen Neurologie und Psychiatrie, und selbst die Psychiatrie hat sich lange nicht für Suchtkranke zuständig gefühlt. Bis 1988 gab es keine medikamentöse Behandlung für Opiatabhängige. Wir haben noch heute wenige Medikamente. Aber ich bin keine biologische Psychiaterin, die nur auf Medikamente setzt. Es ist eine Frage des Zugangs: Je breiter behandelt werden kann, umso früher können Ärzte auch etwas für Suchtkranke tun.

STANDARD: Wie würden Sie Kinder vor Sucht schützen?

Fischer: Beginnen kann man schon im Kindergarten. Suchtprävention gehört als integraler Teil in die Schule. Damit meine ich keine Drogenaufklärung, wie wir sie häufig haben. Es bringt nichts, wenn von außen ein einziges Mal jemand in die Schulstunde kommt und etwas über Drogen erzählt. Da bedarf es eines integrativen Zugangs. Aber genau in diesem Punkt gibt es bei Schulen häufig Berührungsängste, fast eine Art Vogel-Strauß-Haltung nach dem Motto 'Bei uns gibt’s das nicht!' In manchen Gymnasien meinen die Verantwortlichen, mit zehn Jahren seien Schüler und Schülerinnen noch nicht alt genug. Da kann ich nur fragen: Aber bitte, ab welchem Alter dann?

STANDARD: Stellen Sie sich vor, dass Lehrer mit den Schülern darüber reden, ob ihre Eltern Alkoholprobleme haben?

Fischer: Auf keinen Fall. Suchtprävention macht man in standardisierten Modulen, je nach Alter. Es geht um Interaktion, Rollenspiele und Analyse von Suchtverhalten. Man kann etwa beim Essen oder Spielen ansetzen und Schüler fragen, was Berauschung für sie bedeutet, oder was heißt Naschen? Wie geht es ihnen beim Computerspielen? Fällt es ihnen schwer aufzuhören?

STANDARD: Es geht also um Kontrolle?

Fischer: Nein, um Sensibilisierung. Es darf nicht alles pathologisiert werden, sondern es muss Abstufungen geben. Fast jeder Jugendliche wird mal zu viel Alkohol trinken. Das gehört zur Adoleszenz. 70 Prozent der Oberstufenschüler im Gymnasium rauchen Cannabis, ab 19 Jahren fällt diese Zahl steil ab. Das ist Risikoverhalten aber nicht Erkrankung. Es muss aber ganz klar vermittelt werden, wo es ein Halt geben muss, zum Beispiel bei Opiaten. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)

Zur Person
Gabriele Fischer ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und beschäftigt sich seit 1994 mit Suchtforschung. Sie ist Leiterin der Drogenambulanz am AKH an der Medizinischen Universität Wien.

Links
Suchtinfo
Suchtkongress in Wien
VWS - Verein Wiener Sozialprojekte
Drogenhilfe

  • Süchte wie Glücksspiel oder Computerspiele haben, was die Aktivierung der Neurotransmitter im Gehirn betrifft, viel mit substanzgebundenen Abhängigkeiten gemeinsam.
    grafik: standard/fatih

    Süchte wie Glücksspiel oder Computerspiele haben, was die Aktivierung der Neurotransmitter im Gehirn betrifft, viel mit substanzgebundenen Abhängigkeiten gemeinsam.

  • Gabriele Fischer, Psychiaterin am AKH, wünscht sich Standards in der Therapie von Suchtkranken aber weniger Aufgeregtheit.
    foto: standard/urban

    Gabriele Fischer, Psychiaterin am AKH, wünscht sich Standards in der Therapie von Suchtkranken aber weniger Aufgeregtheit.

Share if you care.