Schmollmund an Beckenakrobatik

11. September 2007, 17:06
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Chris Haring und Elio Gervasi über die Wirkungen des persönlichen Ausdrucks

"Poesie" kommt (griechisch) von "machen". Demnach ist der Zauber einer Situation von der darin entfalteten körperlichen Aktion bestimmt. Klingt kompliziert und hat sich doch längst professionalisiert: Wer verzaubern will, posiert gefälligst. Zwischen Marktstrategie und Selbstbehauptung, genau dort hat der österreichische Choreograf Chris Haring für sein fortschreitendes Posing Project recherchiert.

Bisher hat er gemeinsam mit seiner Company liquid loft Teil A und B, also the art of wow sowie das dieses Jahr bei der Venedig-Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete the art of seduction, zusammengetragen.

Sei es mit dem Ziel der Erregung von Aufmerksamkeit ("wow") oder der Verführung ("seduction"): Haring verbindet die Bewegungsabläufe von fünf Tänzerinnen und Tänzern mit den Soundcollagen von Andreas "Glim" Berger. In diesen ziehen sie ihre Schleifen und bestechen durch den feinen Remix aus lebensweltlichen Zitaten zwischen Schmollmund, Augenaufschlag und Beckenakrobatik. Viel versprechende Regungen, die sich auf Sound- und Beleuchtungsebene ins Unendliche spiegeln: mit humorvollen Tableaux vivants der Anbiederung an die "Selbst"-Bestätigung. Beide Portionen aus dem Katalog sozialer "Poesie" werden im November gezeigt.

Solo, Duo, Trio

Aus der Choreografengeneration vor Haring stammt Elio Gervasi, und dieser ist damit weniger sozial- als grundästhetisch an der Beziehung zwischen Bewegung und (Klang-)Raum interessiert. Seine Company bereitet für Dezember unter dem vorläufigen Titel Solo Duo Trio eine Uraufführung für sieben Tanzakteure und ein Streichquartett vor.

Es lässt sich dabei ein fein choreografierter, fragiler Boden für Bezugnahmen zwischen Musik und Bewegungsartikulation vermuten. Die Konfrontation verspricht gegenseitigen Abrieb, Dynamik und darin - typisch Gervasi - Ausdruck von Persönlichkeit. (Georg Petermichl, DER STANDARD/Printausgabe, 11.09.2007)

TIPP 2008: Ab 28. Februar geben Frans Poelstra & Robert Steijn ihre beim Steirischen Herbst uraufgeführte Arbeit "feminine delight" zum Besten.
  • Alexander Gottfarb posiert in Chris Harings Stück "the art of seduction" mit einem Bild von Agnolo Bronzino.
    foto: haring

    Alexander Gottfarb posiert in Chris Harings Stück "the art of seduction" mit einem Bild von Agnolo Bronzino.

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