"US-Militärstrategie im Irak erfolgreich"

15. September 2007, 18:14
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General Petraeus schlägt Kongress Truppenreduktion auf 130.000 bis Sommer 2008 vor

Der große Auftritt begann mit einer Mikrofonpanne. Fast eine Viertelstunde musste sich David Petraeus im Kuppelbau des Kapitols in Geduld üben, bis Tontechniker den Fehler behoben hatten. Dann aber zog der Kommandeur der amerikanischen Truppen im Irak eine Zwischenbilanz, die Skeptiker überraschte, weil sie deutlich positiver klang als das, was vorab an Informationshäppchen durchgesickert war.

Die Aufstockung des US-Kontingents, das seit Jänner um 30.000 Mann verstärkt wurde, habe „im Großen und Ganzen“ ihre Ziele erreicht, sagte Petraeus vor den gemeinsam tagenden Ausschüssen für Außenpolitik und Streitkräfte im Repräsentantenhaus. Die Sicherheitslage habe sich verbessert, wenn auch nicht gleichmäßig im gesamten Irak. Die Zahl bewaffneter Zwischenfälle sei spürbar zurückgegangen und Anfang September auf das niedrigste Niveau seit Juni 2006 gefallen. „Infolgedessen werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, ihre Präsenz in den kommenden Monaten zu reduzieren.“

Konkret kündigte der General den Rückzug einer ersten Brigade (rund 4000 Mann) bis Mitte Dezember an. Im ersten Halbjahr 2008 würden weitere Einheiten abgezogen, sodass im Juli noch 130.000 US-Soldaten im Zweistromland stehen, so viele wie vor dem „surge“, der „Welle“ der Truppenaufstockung. Weiter als bis Mitte 2008 zu planen, so Petraeus, sei nicht nur schwierig, sondern könne auch in die Irre führen. Niemand könne voraussagen, wie sich die Lage bis dahin entwickle.

Einem schnellen und vollständigen Abzug, wie ihn rund zwei Drittel der Amerikaner fordern, erteilte der Kommandeur eine Absage. „Es gibt keine einfachen Antworten, keine schnellen Lösungen.“ Ein rascher Rückzug würde sowohl die Extremisten Al-Kaidas erneut erstarken lassen als auch „zentrifugale Kräfte“ begünstigen, die den Irak spalten wollten.

Während Kriegsgegner im Saal mehrfach lautstark protestierten, legte Petraeus Wert auf die Feststellung, dass ihm niemand hineingeredet habe, als er seinen Bericht schrieb – weder das Pentagon noch US-Präsident George W. Bush.

Zuvor hatte Tom Lantos, ein demokratischer Abgeordneter, der den Holocaust überlebte, die Lage wesentlich skeptischer eingeschätzt. Die Regierung Bush gebe sich alle Mühe, so zu tun, als könne man den Krieg noch gewinnen. „Bei allem Respekt für Sie, General: Das kaufe ich nicht.“ Die Politiker Iraks, allen voran das Kabinett Nuri al-Malikis, seien nicht in der Lage, ihre Zwistigkeiten zu regeln. „Al-Maliki braucht eine klare Botschaft. Es ist Zeit zu gehen. Und zwar jetzt.“

„General Petraeus or General Betray us?“ In Balkenlettern war die Frage am Montag wortspielerisch in der New York Times gestanden. Noch bevor Petraeus seinen Bericht vorlegte, säte eine Plattform der Kriegsgegner Zweifel an seiner Aufrichtigkeit.

Wahrscheinlich werde der hochdekorierte Offizier den Kongress und das amerikanische Volk schlicht betrügen, argwöhnte MoveOn.org in einer ganzseitigen Zeitungsannonce. Habe er nicht schon vor drei Jahren von spürbaren Fortschritten gefaselt?

In einem Brief an seine Soldaten, veröffentlicht 48 Stunden vor seinem Berichtsmarathon, hatte Petraeus den Ton bereits vorgegeben. Die neue Strategie habe seiner Truppe die „taktische Initiative“ zurückgegeben, schrieb er. Die Hoffnung, die irakischen Politiker würden die Atempause nutzen, um politische Kompromisse zu schmieden, habe sich zwar nicht wie erhofft erfüllt. Aber es gebe durchaus Positives, etwa den Pakt, den die Amerikaner in der Provinz Al-Anbar mit sunnitischen Stammesführern schließen konnten. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2007/APA/Reuters/AFP)

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    US-Albtraum Irak: Befehlshaber David Petraeus (li. o.) warnt vor Kurswechsel ...

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    ... der Präsident will weiter Zuversicht verbreiten.

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