Klang als Gesundheitsrisiko

10. September 2007, 22:14
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EU will Orchester vor "Lärm" schützen - Keine Sonderausnahme mehr für den Unterhaltungssektor bei Lärmschutzvorschriften

Wien - Lärmschutz am Arbeitsplatz - das ist an sich eine schöne Idee. 2003 hat die Europäische Union denn auch eine Bestimmung erlassen, wonach vom Arbeitgeber ab 80 Dezibel Gehörschutz angeboten werden muss und dieser ab 85 Dezibel verpflichtend sei. Weil es dauern kann, bis EU-Recht zum nationalen Recht gerät, war die lockere Handhabung der Bestimmung in den einzelnen Ländern bis dato kein Problem. Nun allerdings verschärft sich die Situation - es muss diese Bestimmung spätestens am 15. 2. 2008 national umgesetzt werden. Und es tut sich da ein Problem auf, schließlich soll die Bestimmung auch im Orchesterbereich wirksam werden.

"Schuss mit Lärm" könnte da theoretisch auch gleich "Schluss mit Musik" bedeuten - und dies insbesondere bei Opernorchestern. Bei Werken von Richard Wagner erreicht man ja im Orchestergraben, der den Klang zusätzlich reflektiert, gut und gerne 110 Dezibel. Wobei: Zu schützen wären nicht nur etwa die Streicher vor den Bläsern. Man müsste auch die Streicher vor sich selbst schützen. Je nach Position der Geige erreicht ihr Klang das Instrumentalisten-ohr schon einmal mit 110 Dezibel. Schon jetzt gibt es Schutzmöglichkeiten: Ohr-stöpsel sind bei Streichern beliebt, weniger jedoch bei Klarinettisten und Oboisten - deren Instrument klingt für ihr ohrstöpselgeschütztes Ohr nicht mehr ganz sauber. Ein Problem. Schallschutzwände? Sind möglich und hilfreich. Allerdings würden sie ziemlich viel Platz beanspruchen, was im Orchestergraben zu erheblichen Platzproblemen führen würde. Wie wäre es mit der Anhebung des Orchestergrabens?

Tja, was den Orchestermusikern helfen würde, stößt auf den Widerstand von Dirigenten, Regisseuren und Sängern - besonders Letztere wären ja gezwungen, lautstärkemäßig zu übertreiben.

Die Wiener Symphoniker etwa sind sich der Problematik seit Langem bewusst. Sie haben für ihre Musiker auch Schutzmittel im Angebot - ob sie diese in Anspruch nehmen, bleibt aber den Musikern überlassen. Vorerst wartet man ab und meint als Konzertorchester nicht im selben Ausmaß betroffen zu sein wie Orchester, die Oper spielen. Ein solches, die Wiener Philharmoniker, fühlt sich durch die Bestimmung belästigt. Sprecher Michael Bladerer meint, man sei ein Privatverein und behalte sich vor, so laut zu spielen, wie man es musikalisch für nötig hält ... (Ljubisa Tosic /DER STANDARD, Printausgabe, 11.09.2007)

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