Bier unter "ferner liefen"?

11. September 2007, 15:14
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Auch die schönsten Bierlokale leiden gelegentlich unter Mangel an Selbstbewusstsein. Bier wird oft sogar dort zum Randthema, wo es gebraut wird.

Wann immer ich in Innsbruck zu tun habe, versuche ich, einen Abstecher ins Theresienbräu einzuplanen. Erstens gibt es dort ein tadelloses Bier - zuletzt kostete ich das im Haus gebraute Weizenbier - und zweitens hat diese populäre Gasthausbrauerei auf der Maria Theresien Straße ein wirklich angenehm bieriges Ambiente.

Oder soll ich sagen: "hatte" ein angenehm bieriges Ambiente? Denn bei meinem letzten Besuch empfingen mich freundliche Kellner, auf deren Shirts deutlich die Werbung für den Energy Drink Shark aufgestickt war. Dazu gab es schwarze Schürzen, aber auch die standen nicht für Schwarzbier (das dort gar nicht gebraut wird), sondern für Coca Cola Zero. Nicht unbedingt bierig.

Auch die Dekoration des Lokals war dominiert von Cola-Werbung, zudem waren Kleinplakate aufgehängt, die für besonders günstigen Prosecco warben, für ein Glas Sturm um 2,20 Euro und für Caipirinha um 4,90 Euro. "Wahnsinn" steht gleich dabei. Und wahnsinnig ist es auch, was sich dort abspielt, wo Bierlokale eigentlich ein Hort des kultivierten Genusses sein sollten. Na klar: Wer danach fragt, bekommt selbstverständlich auch Bier angeboten. Aber das rangiert in dem breiten Angebot offenbar nur noch unter "ferner liefen". Dabei ist das Theresienbräu nicht das einzige Bierlokal, das sich darin versucht, ein diversifiziertes Angebot zu machen. Auch in anderen Bierbars und Brewpubs gibt es ein wachsendes Angebot an Cocktails, Weinen und Softdrinks.

"Der Chef will das halt so", hat man mir versichert - und es wird wohl einige Gäste geben, die es ihm kurzfristig danken, dass er Limonaden und Schaumweine promotet. Langfristig ist dies aber eine gefährliche Strategie: Wenn ausgerechnet jene Lokale, die sich zu Recht einer hohen Bierkultur rühmen könnten, ihre Beziehung zum Bier leugnen und andere Produkte in den Mittelpunkt ihrer Marketingaktivitäten stellen, dann untergräbt das deren eigene Geschäftsgrundlage und ihren eigenen guten Ruf.

Was sollen sich Gäste denken, die in ein Brewpub kommen, dort aber statt auf hausgebrautes Bier auf den "echten Geschmack" von Coca Cola Zero hingewiesen werden? Glauben die dann daran, dass die im Lokal installierte Brauanlage etwas Besseres zu bieten hat als der internationale Getränkekonzern? Lernen sie den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol, wenn ihnen selbst in einer Brauerei statt Bier die viel stärkeren alkoholischen Getränke Prosecco und Sturm angeboten werden?

Und was denken diese Gäste dann von der lokalen Brauerei, die ihr gutes Bier hinter Allerweltsware versteckt? (Conrad Seidl)

  • Cola-Werbung im Theresienbräu
    foto: seidl

    Cola-Werbung im Theresienbräu

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