"Davon erzählen, wie ein Land wirklich aussieht"

Redaktion
10. September 2007, 14:13
  • Junges deutsches Kino fernab der Beziehungsklamotte: "23"
    foto: gartenbaukino

    Junges deutsches Kino fernab der Beziehungsklamotte: "23"

Ein Paranoiathriller als präzise, komplexe Alltagsgeschichte: "23" gehört zum Besten, das das deutsche Kino zuletzt hervorgebracht hat

Isabella Reicher sprach mit dem Regisseur Hans-Christian Schmid.


Wien - Die Bundesrepublik Deutschland, 1986: In Brokdorf wird demonstriert. Engagierte junge Menschen tragen Palästinensertücher, Wollpullis und Buttons am Kragen. Ganz vorne mit dabei: Karl Koch (August Diehl), Schülerzeitungsredakteur. Er ist ein Fan von Robert Anton Wilsons Verschwörungsthriller Illuminatus!, der ein global operierendes, mächtiges Netzwerk beschreibt, dessen Allgegenwart sich in jener Zahl manifestiert, die auch dem Film seinen Titel gibt: 23.

Die Handlung basiert auf tatsächlichen Ereignissen: Bereits 1992/93 stießen Regisseur Hans-Christian Schmid und sein Co-Autor Michael Gutmann über einen Spiegel-Artikel auf die Geschichte von Karl Koch und erarbeiteten erste Drehbuchfassungen, aber das Projekt sei "damals für einen Newcomer nicht zu finanzieren" gewesen, sagt Schmid im Gespräch mit dem STANDARD. Vor etwas mehr als zwei Jahren, mit mehreren TV-Spielen (unter anderem Nach fünf im Urwald) im Rücken, begannen sie dann "noch einmal ganz neu" sich mit der Geschichte zu beschäftigen, genauer zu recherchieren.

Der intensive Vorlauf hat sich für 23 letztlich als sehr produktiv erwiesen. Über seine Beschäftigung mit den "Illuminaten" beginnt Karl, sich für Computer- und Datennetze zu interessieren. Über einen befreundeten Hacker, David (Fabian Busch), gerät er an Pepe (Dieter Landuris) und Lupo (Jan-Gregor Kremp), einen Dealer und einen fahnenflüchtigen Programmierer, die einen Kontakt zum KGB herstellen. Karl und David werden zu zu Spionen und zu Auftrags-Hackern. Und so vermischen sich für den jungen Mann immer mehr die Ebenen zwischen Realität und Einbildung.

Vorbild Scorsese

23 erzählt eine sehr komplexe Geschichte: Es geht um die Entwicklung einer Person und einer Freundschaft, um Drogen, Spionage, Computer, Subkulturen, Paranoia und Verschwörungstheorien. Der Film treibt all diese Elemente in Verzweigungen und Verdichtungen sehr schnell und elegant voran. "Jedesmal wenn ich selbst im Film sitze, ist mir angst und bange, daß die Leute die erste halbe Stunde packen", meint Schmid, der sich zum Teil an großen Vorbildern orientierte:

"Wir haben es nicht geschafft, auch nur annähernd alles, was der Zuschauer wissen soll, in schöne Dialoge zu verpacken. Wir haben uns Filme angesehen, die das gleiche Problem hatten, GoodFellas von Scorsese etwa, und hatten den Eindruck, daß man es wagen könnte, mit viel Off-Erzählstimme anzufangen und dann immer weniger zu nehmen. Was uns am Ende auch die Möglichkeit gibt, nochmal was zusammenzufassen. Wir haben versucht, die gröbsten Fehler bei der Verwendung von Voice-Over zu vermeiden, nämlich über das zu sprechen, was auch im Bild zu sehen ist."

Darüber hinaus konnte sich der Regisseur auf seine Casting-Agentin und auf seine Darsteller verlassen, die auch aus offensichtlichen Hommagen an Scorsese (musikbegleitete Männerfreundschafts-Rituale in Zeitlupe) etwas ganz eigenes herausholen. Allen voran August Diehl, Schauspielschüler an der Berliner Ernst-Busche-Schule, in seiner ersten Filmrolle, mit dem Schmid demnächst bei einem weiteren Film wieder zusammenarbeiten wird.

Der Regisseur und Autor, dem daran gelegen ist, "intelligente Unterhaltungsfilme zu machen", erzählt mit 23 auch von einem Land zu einer ganz bestimmten Zeit. In der aktuellen deutschen Filmlandschaft ist dies eine Seltenheit, weil Schmid sich abseits eines Epochen-Revivals darum bemüht, Geschichte zu bearbeiten, während immer noch zeitlose (Beziehungs-)Komödien den deutschen Mainstream dominieren.

"Ich finde es erstaunlich, wie wenig sich Deutsche mit deutscher Gegenwart und jüngerer Vergangenheit auseinandersetzen. Ich bewundere deswegen auch das junge französische Kino, die Reihe Tous les gar¸cons et les filles, Filme wie Und jeder sucht sein Kätzchen oder Liebe das Leben, die es schaffen, mir mit kleinen Geschichten aus dem Alltag zu erzählen, wie dieses Land aussieht, eine Stimmung in einem Stadtviertel einfach so mitspielen zu lassen, ohne daß man es vordergründig thematisiert. Das ist das, was es für Filmemacher im Moment zu machen gibt, keine Kostümfilme." (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.1999)

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