Der Hundeangst-Pädagoge

4. Juli 2007, 18:00
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Die Kinder heulten vor Angst. Wir pfiffen die Hunde zurück. Der Vater brüllte: Seine Buben wären doch echte Hosenscheißer

Es war vor ein paar Tagen. Mitten im Prater. Da habe ich dann jenen Satz, den nie zu sagen ich mir geschworen hatte, doch gesagt. Und kam mir in dem Moment, als die Silben aus meinem Mund blubberten, unendlich blöd vor.

Weil ich bisher nämlich überzeugt war, dass nur Hundehalter, die glauben, dass alle Welt Hunde im allgemeinen und ihren im besonderen lieben muss, ihr Hund über allen Menschen – insbesondere über Kindern und ganz besonders solchen, die sich vor Hunden fürchten – steht, sie also ihrem Hund die Bekanntschaft mit dem Foltergerät „Beißkorb“ auch in dichten Menschenmengen ersparen müssen und ihr ihrem Hund auch dann nicht falsch reagiert, wenn ihm jemand auf den Schwanz steigt und das Knie gegen die Schnauze drückt und ... – wie auch immer: Ich war also bisher davon überzeugt, dass nur Vollkoffer „der tut nix, der will nur spielen“ rufen. Jetzt bin ich Mitglied in diesem Club.

Hundechaos

Aber vermutlich hat außer mir eh niemand mitbekommen, was ich da gerufen hatte. Weil die beiden Kinder zu laut brüllten, als mein Hund gemeinsam mit drei anderen Tölen um sie und ihre Eltern fetzte: Die Kinder kreischten vor Angst. Auch die Eltern brüllten. Zumindest der Vater. Und so wie ich riefen die Besitzer der anderen Hunde nach ihren Tieren. Weil kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, es lustig findet, wenn ein Kind vor Angst in die Hose macht. Und vier 30-Kilo-oder-mehr-Tölen, die in vollem Lauf, bellend und übereinanderpurzelnd auf einen zurennen, sind nicht jedermanns Sache. Auch nicht in einer Hundezone.

Als wir dann zehn Sekunden später mit angeleinten Kötern dastanden, rutschte mir der Vollkoffer-Satz heraus. Weil ich den immer noch wimmernden Kindern irgendetwas Beruhigendes sagen wollte. Aber die beiden hörten mich ohnehin nicht. Weil ihr Vater weiter brüllte. Nicht mit uns – sondern mit den Kindern: Die Kinder – eines etwa drei, das andere ungefähr fünf Jahre alt – sollten endlich aufhören feig zu sein, brüllte der Vater. Der Besuch der Hundezone im Prater habe doch einen Sinn. Die feigen Zwerge sollten ein für alle Mal ihre Angst vor Hunden ablegen. Weil – brüllte er die sich wimmernd an den Beinen der Mutter festkrallenden Buben so an, dass ich auch mich zu fürchten begann – er es den „kleinen, dummen Hosenscheissern“ schon tausendmal gesagt habe: „Die tun nix, die wollen nur spielen.“

Wie bitte?

Die Frau neben mir (deutsche Dogge, nicht voll ausgewachsen – also etwa 50 Kilo) fragte mich, ob ich gehört hätte, was sie jetzt einfach nicht glauben wolle. Auch das Pärchen mit dem Mastiff (wenn meiner je so folgsam wird, lasse ich eine Messe lesen) wirkte perplex: Hatten wir uns verhört – oder schleppte da ein Irrer tatsächlich zwei Kinder, die Angst vor Hunden haben, in eine der wenigen Ecken der Stadt, wo Hunde wirklich Hunde sein dürfen und sollen? Wo sie rennen, bellen, balgen, raufen und wasweißchnoch dürfen. Und zwar in jener Intensität, die für die Viecher völlig normal ist, bei der ich aber vor einem Jahr noch geglaubt hätte, dass es gleich Tote oder Schwerverletzte geben würde.

Als erste fand das Mädchen mit dem afrikanischen Löwenhund (45 Kilo reine, wunderschöne Kraft) die Sprache wieder: Ob der Mann sicher sei, das richtige Erziehungsmittel am richtigen Ort einzusetzen, fragte sie. Weil sie, formulierte sie ganz höflich und vorsichtig, Zweifel habe, ob eine Hundezone für den ja an sich löblichen Plan des Vaters wirklich der ideale Ort sei. Und ob er, wenn er seine Kinder schon statt in einem Welpenasyl oder einem Streichelzoo unbedingt in der Hundezone Hunde mögen lernen lassen wolle, sich da nicht eine kleinere, überschaubarere Hundeecke aussuchen wolle?

Bubenschulung

Der Mann war fassungslos. Was wir uns denn einbildeten, zürnte er. Seine Kinder seien wären schließlich Buben – was sollten die in einem Streichelzoo? Eine gewisse Härte in der Erziehung, habe noch keinem Mann geschadet. Das Löwenhundmädchen gab nicht auf: Ob dem Mann klar sei, dass es schon – auch und gerade zum Schutz von Kindern - Sinn habe, Hunde mit Leine und Beißkorb bestücken zu müssen? Und dass das, was er hier tue, auch gefährlich sei? Ob er sich vorstellen könne, was passiert, wenn seine Kinder in Panik wegliefen – und mit einem rennenden Hund kollidieren? Ganz ohne Zähne, Krallen oder Absicht: Ein „Streifschuss“ mit 40 Kilo Hund in voller Fahrt könnte auch einen ausgewachsenen Mann umschmeißen. Und bei aller Liebe zu Kindern und allem Verständnis für deren Vorrang vor Hunden: Das hier sei Hundezone – also Hundespielplatz.

Der Mann wurde sauer: Wie er seine Kinder erziehe, gehe nur ihn etwas an. Er wisse was er tue. Das Löwenhundmädchen solle erst mal selbst Kinder in die Welt setzen, bevor sie ihm Ratschläge geben könne. Mittlerweile hatten sich die beiden Buben fast wieder beruhigt. Auch, weil die Mutter mit ihnen 20 Meter weiter gewandert war. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der ältere Bub sich auf den Waldboden setzte und der kleinere vorsichtig in Richtung seines Bruders stakste: Vor dem Fünfjährigen balgten drei Labradorwelpen. Den vierten hatte der Bub bereits am Arm. Ich musste lachen: „Harte Methoden machen harte Jungs, gell?“

Der Vater lief rot an: Ich solle das Maul halten. Er könne auch anders. Seine Frau rettete die Situation: Sie sah die Welpen-Besitzerin kurz an, die nickte - und dann nahm die Frau einen Welpen und drückte ihn ihrem Mann in die Hand. Und eine Sekunde später hatte er uns alle vergessen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 10. September 2007)

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