"Microsoft hat die Internet-Entwicklung völlig verschlafen"

14. Jänner 2008, 10:15
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Web-2.0-Experte Clemens Cap über Stärken und Schwächen von Google und Co. und was Microsoft falsch macht

Der Web-2.0-Hype der vergangenen Monate hat seine Spuren hinterlassen. Die wahllose Begriffszuschreibung für alles und jedes, was mit einer interaktiven Nutzung des Internets in Verbindung gebracht werden kann, hat das Modewort zunehmend verblassen lassen. Im Interview mit pressetext erklärt der Informatikprofessor Clemens Cap von der Universität Rostock, inwiefern der Begriff Web 2.0 dem gerecht werden kann, was er verspricht. Weiters wirft er einen Blick hinter die aktuellen Webstrategien von Google, Microsoft und Co. und analysiert deren Schwächen und Stärken im Umgang mit der sich rasant verändernden Internetlandschaft.

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Wie sieht Ihre Definition vom Web 2.0 aus und macht dieser Begriff angesichts des aktuellen Hypes überhaupt noch Sinn?

Clemens Cap: Natürlich läuft der Begriff Gefahr, von Unternehmen und Medien missbraucht zu werden. Anders ist es nicht zu erklären, dass jeder zweite Hersteller plötzlich Web 2.0 und Ajax anzubieten hat. Andererseits glaube ich schon, dass der Begriff Sinn macht. Die wesentlichen Aspekte beim Web 2.0 sind meiner Meinung nach die User-generierten Inhalte, die von den Nutzern zur Verfügung gestellt werden sowie die starke Gruppendynamik, die hierbei zum Tragen kommt.

Technologisch heißt es immer wieder, dass Web 2.0 im Prinzip ein alter Hut ist.

Clemens Cap: Eine Web-2.0-Kerntechnologie gibt es eigentlich nicht. Ich denke aber dass die Denkweise dahinter bis ins Jahr 2000/2001 zurückgeht. Damals haben die Leute plötzlich gesehen, dass man mit einem Webbrowser wie dem Internet Explorer oder Netscape verblüffende Sachen machen kann. Da wurde deutlich, dass eine Technologie, die im Grunde vielleicht für eine dynamische Menüführung oder ein drei bis vier Zeilen-Programm vorgesehen war, Webseiten in ein einfaches Word- oder Office-Programm umfunktionieren kann.

Warum hat der Prozess der Umsetzung dann aber doch so viele Jahre gedauert?

Clemens Cap: Die neue Denkweise hat sich zuerst einmal in den Köpfen festsetzen müssen. Selbst die Web-2.0-Vorreiter waren von dem schnellen Erfolg völlig überrascht. Der Wikipedia-Gründer etwa ist mit der Ansage angetreten, dass man in zehn Jahren 100.000 Artikel online haben wolle. Im Endeffekt war Wikipedia aber nach 18 Monaten bereits größer als die Encyclopaedia Britannica. Rechtlich und wirtschaftlich haben wir diesen Prozess bisher noch gar nicht in sämtlichen Details verstanden.

In der anhaltenden Diskussion um Copyright-Verletzungen etwa bei YouTube wird man das Gefühl nicht los, dass die Industrie nicht weiß, wie ihr gerade geschieht.

Clemens Cap: Ein weiteres prominentes Beispiel war das Auftauchen des Universalcodes für die Blu-ray- und HD-DVD-Verschlüsselung im Web. Die Anwälte der Firmen haben nach amerikanischem Copyright-Recht reagiert und die Seiten aufgefordert, den Code zu entfernen. In wenigen Tagen ist dieser Code von einigen Hundert Treffern bei Google auf zwei Mio. hochgeschnellt, da die Community sich das nicht gefallen lassen wollte. Wenn das betroffene Consortium das vorausgesehen hätte, wäre es sicher anders vorgegangen.

Ist diese kaum zu kontrollierende Eigendynamik nicht auch von Grund auf problematisch?

Clemens Cap: Sicherlich. Wenn die Community will, dass der besagte Code flächendeckend publiziert wird, dann schafft die das auch, ungeachtet der juristischen Maßnahmen, die das Consortium ergriffen hat. Das wirft natürlich die Frage auf, wie man mit dem Phänomen umgeht, wenn es aus dem Ruder läuft. Nehmen wir nur YouTube als Beispiel. Wenn ein peinliches Video von mir in Umlauf gebracht wird und schon eine entsprechende Verbreitung gefunden hat, dann bin ich als Privatperson total ausgeliefert. Denn, wie will ich YouTube verklagen? Wo ist überhaupt der Firmensitz? Dann bin ich mit einer internationalen Rechtssituation konfrontiert, abgesehen davon, dass das Video irgendwo im Netz wahrscheinlich ohnehin weiterkursiert.

Sehen Sie einen Ausweg, wie man diesem Problem beikommen könnte? Wie müssten Autoritäten aussehen, die als Hüter des Internets akzeptiert werden?

Clemens Cap: Ich denke, dass sich die Autoritäten innerhalb des Prozesses entwickeln werden. Institutionelle Mechanismen, wie eine Ausbildung oder ein Titel, werden aber wohl kaum eine Rolle spielen. Im Moment stecken wir in einem Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Denken Sie nur, wie lange es gedauert hat, bis das Verlags- und Zeitschriftenwesen zu dem geworden ist, was es heute ist. Bei den Webseiten war es ähnlich, was die Rechtsverantwortlichkeit für Inhalte oder die Kennzeichnung durch ein Impressum betrifft. Da ist man schon ein Stück weiter.

Google, aber auch andere Marktgiganten wie Microsoft und Yahoo haben die Weiterentwicklung des Web 2.0 in den vergangenen Monaten kräftig voran getrieben. Werden die Großen weiterhin Innovationsmotor bleiben können?

Clemens Cap: Für die etablierten Unternehmen geht es in erster Linie darum, dass sie den Trend richtig mitkriegen und antizipieren. Google ist darin insofern sehr stark, da es sich nach außen öffnet und immer auch versucht, die unabhängige Entwickler-Community auf sich aufmerksam zu machen. Indem sie offene Schnittstellen anbieten, können sie neue Ideen schnell in ihren kreativen Pool einspeisen. Für alle Unternehmen gilt aber, dass sich die Landschaft in kürzester Zeit komplett umdrehen kann, wenn ein Konkurrent etwas richtig oder falsch macht.

Microsoft versucht - auch angetrieben vom Erfolg von Google und Yahoo im Werbemarkt - stark gegenzusteuern. Haben die Redmonder mit Neuentwicklungen wie Virtual Earth, Live Search oder etwa dem überarbeiteten Hotmail gegen Google eine Chance?

Clemens Cap: Microsoft hat in der Tat eine Reihe von Dingen nicht oder viel zu spät verstanden. Das Internet etwa haben sie in seinen Anfängen komplett verschlafen. Und momentan verschläft das Unternehmen etwa die Problematik der Browser und verliert hier seit zweieinhalb Jahren kontinuierlich Marktanteil an Public-Domain-Browser wie den Firefox.

Der Fehlstart in den Urzeiten des Internets hat Microsoft aber auch nicht davon abgehalten, mit dem Internet Explorer später zum uneingeschränkten Marktführer aufzusteigen.

Clemens Cap: Die enorme Stärke von Microsoft liegt einfach darin, dass es in jedem PC den Fuß drin hat, der im Geschäft gekauft wird. Ein Beispiel für innovative Entwicklungen war das Unternehmen ja nie wirklich. Die Strategie von Microsoft sieht vor, dass, wenn sich ein Konzept im Markt bewährt hat, man dann reingeht und die Konkurrenz langsam aus dem Markt drückt. Das ist ihnen beim Internet Explorer eindrucksvoll gelungen. Dass sich Microsoft im Gegensatz zu Google aber nicht nach außen öffnet, halte ich für einen Fehler. (pte)

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