Preisträger 2007

9. September 2007, 19:43
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Wenn Glamour die Erneuerung bremst - Der Goldene Löwe ging wie schon vor zwei Jahren an Starregisseur Ang Lee - Insgesamt bewies das Festival am Lido in diesem Jahr wenig Mut zum Risiko

Eine Entscheidung, die ein wenig überraschend kam - und auch wieder nicht. Unter dem Vorsitz des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou prämierte die Jury der Filmfestspiele von Venedig Ang Lee für Lust, Caution (Se, Jie) mit einem Goldenen Löwen. Schon vor zwei Jahren wurde er für Brokeback Mountain mit demselben Preis geehrt.

Lee gehörte zwar nicht zum engeren Kreis der Favoriten, was auf die reservierten Reaktionen mancher Kritiker zurückzuführen war. Andererseits durfte der Jury eingedenk ihres gut geschulten Auges für inszenatorische Raffinesse die Präzisionsarbeit dieses Films eigentlich nicht entgehen: Aus Anlass des 75. Festivaljubiläums war sie in diesem Jahr nur mit Regisseurinnen und Regisseuren besetzt.

In einem insgesamt sehr wechselhaften Wettbewerb ragte Lust, Caution vor allem hinsichtlich seiner Geschlossenheit heraus. Wie kein anderer Regisseur versteht es Ang Lee, sich nicht nur in die Äußerlichkeiten, sondern sich auch gleichsam in das innerste Material vergangener Epochen einzuarbeiten.

Die Adaption eines Romans der chinesischen Autorin Ailing Zhang ist aber auch politisch brisant. Schließlich erzählt der Film von einer jungen idealistischen Frau (Tang Wei), die sich für ein politisches Anliegen prostituiert. Dass die körperliche Nähe zum Feind, einem skrupellosen Kollaborateur mit den japanischen Besatzern (Tony Leung), eine Form verbotener Leidenschaft aufflammen lässt, macht Lust, Caution zu einem sehr nuancierten Beitrag über die Verquickung von Verlangen und Vernunft. Die Sexszenen inszeniert Lee souverän als Fläche, an denen dieser Konflikt ablesbar wird.

Auch mit den beiden Spezialpreisen hat die Jury ein richtiges Zeichen gesetzt: Todd Haynes' vielschichtiges Meta-Bio-Pic über den Musiker Bob Dylan, I'm Not There, war einer der wenigen Filme im Wettbewerb mit Risikobereitschaft. Endlich hatte man hier den Eindruck, einem Kino zu begegnen, das sich neue Bilder aneignet und transformiert - auf ungleich produktivere Weise als in Brian de Palmas Irak-Agitprop-Missverständnis Redacted, das mit einem Silbernen Regie-Löwen ausgezeichnet wurde.

Im Strom der Bilder

Bei Haynes steigert sich die Formenvielfalt zu einem eindringlichen Bilderfluss, in dem die Ästhetik von Musikvideos, diverse Stile vergangener Jahrzehnte (etwa der Direct-Cinema-Look der Dylan-Doku Don't Look Back), aber auch vertrautere Techniken des Spielfilms zusammenströmen. Dabei vermag der Film dem Gegenstand seine Vieldeutigkeit zu lassen und seinen Darstellern viel Ausdrucksfreiheit. Cate Blanchett erhielt für ihre nicht zuletzt optisch erstaunliche Verkörperung eines delirierenden Dylan die Coppa Volpi.

Für Abdellatif Kechiches La Graine et le Moulet gilt dieser Mut zu neuen Formen in einem weit geringeren Ausmaß: Man kann dem Drama über die Anstrengungen einer Restaurantgründung, bei der die Zerrissenheit einer Einwandererfamilie anschaulich wird, allerdings zugute halten, dass es mit seinem unüblichen Zeitmaß immer wieder Szenen von hoher Intensität schafft. Minutenlang wird hier eine turbulente Mittagessenszene ausgebreitet, geraten Frauen in Rage oder bannt ein Bauchtanz - weniger eindringlich - Gäste auf ihre Sitzen.

Festivaldirektor Marco Müller, der sein weiteres Wirken von dringend benötigten Investitionen in die Infrastruktur des Festivals abhängig macht, hat in diesem Jahr stärker denn je auf Glamour gesetzt. Er wollte damit gewiss auch die Konkurrenz von Rom einschüchtern, die von vornherein stärker auf Stars als auf cinephile Kost setzt. Das ging offenbar nur um den Preis einer geringeren ästhetischen Vielfalt, zumindest was den Wettbewerb anbelangt. Große Namen - und dabei vor allem diejenigen älterer Männer - sind nicht unbedingt Garanten für die Erneuerung des Kinos.

Zumindest der 87-jährige Nouvelle-Vague-Regisseur Eric Rohmer bewies mit Les Amours d'Astrée et de Céladon, dass er sich eine neckische Leichtigkeit bewahrt hat. Inspiriert von Honoré d'Urfés Schäferroman aus dem 16. Jahrhundert, erzählt er eine Komödie der Missverständnisse, in der große Gesten sehr dezent gesetzt werden.

Die Liebesmär zwischen Astrée und Céladon, der sich seiner Geliebten als Frau verkleidet annähert, inszeniert Rohmer zu weiten Teilen auf Wiesen und Wäldern, mit Darstellern in wallenden Gewändern und historischen Kostümen. So weit weg von den Anforderungen des Marktes und doch so gelassen war kein anderer Film des Wettbewerbs.

Mode und Staub

Auf der Nebenschiene "Orrizonti", die einem experimentelleren Kino vorbehalten ist, verdienen heuer vor allem die Dokumentarfilme Beachtung. Der chinesische Regissseur Jia Zhangke, vergangenes Jahr mit einem Goldenen Löwen prämiert, nähert sich in Wuyong der Gegenwart seines Landes über drei Formen von Kleidungsproduktion. Die Kamera fährt an Fabriksarbeiterinnen in Kanton vorbei, begleitet eine Designerin nach Paris und besucht einen Schneiderladen in der Minengegend Fenyang. Drei Ökonomien, die auch von der Ungleichzeitigkeit Chinas erzählen.

Hartmut Bitomsky beweist dagegen, dass man über alles einen Film drehen kann: Staub widmet sich auf höchst informative Weise einem der kleinsten Partikel der Welt. Er geht dabei von sehr spezifischen Untersuchungen über obsessive Staubforscherinnen und -beseitiger zu ganz universellen Fragestellungen über. Staub macht den Himmel blau. Nie wieder wird man nach diesem Film darüber einfach hinwegsehen. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.9.2007)

Die Prämierten
Goldener Löwe für den Besten Film: "Se, Jie (Lust, Caution)" von Ang Lee
Silberner Löwe für den Besten Regisseur: Brian de Palma für "Redacted"
Spezialpreise der Jury: "La Graine et le Mulet" von Abdellatif Kechiche und "I'm Not There" von Todd Haynes
Coppa Volpi für den Besten Schauspieler: Brad Pitt in "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" von Andrew Dominik
Coppa Volpi für die Beste Schauspielerin: Cate Blanchett in "I'm Not There"
Marcello Mastroianni-Preis für Beste/n junge/n Schauspielerin oder Schauspieler: Hafsia Herzi in "La Graine et Le Mulet"
Osella für Beste Kamera: Rodrigo Prieto für "Se, Jie (Lust, Caution)"
Osella für Bestes Drehbuch: Paul Laverty für "It's a Free World" von Ken Loach
Spezialpreis für Lebenswerk: Nikita Mikhalkow
Orrizonti-Preise: "Sügisball (Autumn Ball)" von Veiko Õunpuu (Spielfilm) und "Wuyong (Useless)" von Jia Zhangke (Dokumentarfilm)
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    Ang Lee mit seinem Goldenen Löwen.

  • Verstellung unter dem Sonnenschirm:  Ang Lees Spionagedrama "Lust, Caution" erzählt  von einer verbotenen Liebe im Schanghai der   40er-Jahre.
    foto: image.net

    Verstellung unter dem Sonnenschirm: Ang Lees Spionagedrama "Lust, Caution" erzählt von einer verbotenen Liebe im Schanghai der 40er-Jahre.

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