Soundtrack zur Globalisierung

    9. September 2007, 16:18
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    Wie politisch kann populäre Musik sein? Eine Analyse anhand der Britrock-Band Radiohead sucht nach Antworten

    "Populärkultur kann gar nicht wirklich politisch sein, weil Politik nun mal nicht populär ist", sagen die einen. Die Masse wolle schließlich Zerstreuung, nicht Agitation. "Was sollte politischer sein als etwas, dass so viele Menschen täglich hören und sehen oder zumindest kennen?", sagen die anderen. So könnte man stark vereinfacht die Diskussion darstellen, mit der sich der Politikwissenschafter Christian Lerch in seiner Diplomarbeit befasst hat.

    Der akademische Zugang zu diesem Thema (abseits vom traditionellen Kulturpessimismus) gewann erst mit der Beat-Welle an Bedeutung, überwiegend in der Kulturphilosophie und später in den Cultural Studies.

    Musiker als Promoter

    Den theoretischen Unterbau entnimmt Lerch auch praktisch zur Gänze aus diesen Bereichen und wendet sie auf die politische Bewegung der GlobalisierungskritikerInnen an. Im Gegensatz zu vorangegangen Protestbewegungen ist hier keine Reduktion auf eine konkrete Forderung oder einen Slogan möglich. Zu heterogen sind die Motivationen und angewandten Mittel der Beteiligten. Der kleinste gemeinsame Nenner sind oft globalisierungskritische Bücher, die Kultstatus genießen wie ein Pop-Album und deren Autorinnen und Autoren als "Stars" gefeiert werden. Hier findet sich auch eine exemplarische Überschneidung zwischen Politik und Musik: Als Radiohead-Frontmann Thom Yorke in Interviews den globalisierungskritischen Bestseller "No Logo" der Schriftstellerin Naomi Klein erwähnte, bekam die Autorin auf einmal Post von besorgten Teenagern. Sie wollten von ihr wissen, was sie denn gegen die Ausbeutung in Entwicklungsländern tun könnten oder was sie nun kaufen sollen und was nicht. Beim Major-Label EMI, bei dem die Radiohead-Platten erscheinen, ist die politische PR zwar nicht beliebt, aber der Erfolg verschaffte der Band die Freiheit, sich in diesem Punkt nichts dreinreden zu lassen.

    Agit-Pop statt Agitprop

    Verweise auf politische Inhalte finden sich sowohl auf der Website von Radiohead als auch auf der von Thom Yorke selbst. Dort hält er die Fans über seine Aktivitäten für NGOs auf dem Laufenden. So nützen er und die anderen Bandmitglieder ihre Popularität um diesen Organisationen Öffentlichkeit zu verschaffen. Mit der Musik, die sie machen, hat das auf den ersten Blick nicht viel zu tun, aber auch hier gibt es politisches Potenzial. Dieses ist nicht so offensichtlich wie im klassischen Protestsong. Nur in einem der in der Diplomarbeit untersuchten Songtexte werden Wirtschaft und Politik direkt angesprochen ("Electioneering"). Die anderen politisch relevanten Texte versuchen eher den Lifestyle einzufangen und zu karikieren, der von Wirtschaft und Politik propagiert wird ("Fitter, Happier") und sich im Alltag der Menschen wiederfindet. Die Analyse konzentriert sich dabei auf die Alben "OK Computer"(1997), "Kid A"(2000) und "Amnesiac"(2001).

    My way

    Es wäre aber zu kurz gegriffen, die politische Wirkung von Songs auf deren Texte zu reduzieren. Anders als beim Genre des Protestsongs wird bei Radiohead die musikalische Ebene nicht zu Gunsten der inhaltlichen hintangestellt. In Anlehnung an das französische Philosophen-Duo Deleuze/Guattari analysiert Lerch die Musik von Radiohead als Bruch mit gewohnten Mustern und Harmonien. Der Hörer wird aus der passiven Rezeption herausgerissen und aufgefordert an den Experimenten der Musiker teilzunehmen. Dabei werden unterschiedliche musikalische Stile kombiniert, die technischen Möglichkeiten der Synthesizer ausgereizt, die Stimmen verzerrt. So werden Normen gebrochen und so genannte "Fluchtlinien" erzeugt, die vom bisherigen Weg abweichen und einen neuen Weg bilden. Die Musik scheint zu rufen: "Probiere etwas Neues, gehe deinen eigenen Weg."

    Musik gehört gehört

    Für besorgte Teenager ist die mit Fachvokabular gespickte Arbeit wohl nicht die geeignete Lektüre. Für jene, die sich abseits von Einkaufsempfehlungen zu den Themen Populärkultur und/oder Globalisierung mit wissenschaftlicher Hintergrundinformation versorgen wollen, ist sie eine geeignete Basis. Der Autor hat versucht möglichst viele Aspekte und Theorien zu den beschriebenen Phänomenen in die Arbeit zu packen, was die Länge von etwa 150 Seiten Fließtext erklärt. Einige anschauliche Beispiele mehr wären aber der Verständlichkeit zuträglich gewesen.

    Als "Bonustrack" gibt es im Anhang auch noch die zitierten Interviews in voller Länge und die deutschen Übersetzungen der analysierten Songtexte. Dem Defizit, dass musikalische Inhalte nur notdürftig in einem Text vermittelbar sind, entkommt auch diese Arbeit nicht. Aber die Problemlösung ist hier relativ einfach: Das Anhören der besprochenen Radiohead-Alben.

    Die Arbeit "Riot shields, voodoo economics, its just business. Globalisierungskritik in der Popularmusik" (Christian Lerch, 2004) ist im Volltext nachzulesen.

    Der Autor
    Christian Lerch (Jg. 1978, Mag.phil), studierte von 1997 bis 2004 Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist derzeit Freier Mitarbeiter und Gestalter für das ORF-Radio Österreich 1, Abteilung Hörbilder (Feature und Feuilleton) sowie für die Redaktionen Moment - Leben heute, Diagonal und Radiokolleg.

    Der Rezensent
    Thomas Müller ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.

    Logo: textfeld

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      Thom Yorke, Mastermind von Radiohead

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