Wofür die Sieben bürgen

18. September 2007, 09:29
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Ein Dorf, wo jeder Zweite auf den Namen Fröhlich hört und Touristen verbissen auf der Suche nach Dracula sind

Die achthundertfünfzigjährige Identität der Siebenbürger Sachsen ist eng mit der geistigen und kulturellen Strahlkraft Hermannstadts verbunden. Der ungarische König Geza II. hatte bereits zur Mitte des zwölften Jahrhunderts begonnen, ihre Vorfahren aus dem Rheinland, der Pfalz, aus Luxemburg, Flandern und aus dem Elsass ins heutige Rumänien zu holen, um das unerschlossene, versumpfte Gebiet im Karpatenbogen urbar zu machen und gegen den Einfall der Tataren abzusichern. Man gründete zunächst sieben Siedlungen, der Mittelpunkt war Hermannstadt – heuer ist dieses Sibiu europäische Kulturhauptstadt.

Eine "Zeitreise" durch Siebenbürgen sollte aber in das Umland führen. Heltau (Cisnadie) – den gleichnamigen Burgschauspieler kennt hier übrigens niemand – war einst eine reiche Sachsengemeinde. Im Jahre 1734 siedelten sich hier auch Landler aus dem oberösterreichischen Salzkammergut an, Protestanten, die wegen ihrer Konfession die Heimat verlassen hatten müssen. Opfer dieser damals euphemistisch als "Transmigration" bezeichneten Deportation wurden im 18.Jahrhundert unter Kaiser Karl VI. und später unter seiner Tochter Maria Theresia auch mehrere tausend Oberösterreicher und aus Kärnten stammende Protestanten.

Im Zentrum von Heltau steht eine imposante Kirchenburg, ein freistehendes, von Schutzmauern umgebenes und mit Wehrtürmen versehenes Bauwerk, das als Bollwerk gegen heidnische Angriffe und Zufluchtsort in Notsituationen diente – und eine Ahnung davon gibt, wie hart damals der Kampf um den "rechten Glauben" war. Heute sind in Siebenbürgen noch gut hundertfünfzig solcher befestigten Anlagen erhalten.

Heltau sächselt

Die evangelische Kirchengemeinde in Heltau besteht noch immer aus dreihundert Mitgliedern, und der Pfarrer richtet auch ein paar Worte in sächsischer Sprache an die Kirchgänger. Das Sächsische ist für jemanden aus der alten Heimat, für "zugereiste Ohren" kaum verständlich, ist es doch verwandt mit dem Luxemburgischen und dem Flämischen, es enthält aber auch Lehnwörter aus dem Rumänischen oder dem Ungarischen.

Der evangelische Friedhof liegt am Ortsrand, und seine deutschsprachige Kennzeichnung als "Ort der Ruhe" erregt die Aufmerksamkeit des Besuchers. Man findet lokale Namen wie Frühn, Gromen, Mesch oder Buertmes, freilich auch einen Binder oder Schneider. Der Friedhof ist als Bewahrer der Erinnerung ein Ort, an dem sich Fragen an die Vergangenheit wie von selbst stellen. Die Antwort einer Grabpflegerin, die sie stellvertretend für viele gibt, ist von vorsichtigem Optimismus geprägt. "Vielleicht war es gut, dass wir Siebenbürger Sachsen uns so lange abschotteten. Und vielleicht ist es genauso gut, dass wir unsere Abschottung jetzt aufgeben müssen, dass sich alles vermischt."

Besonders malerisch liegt der Ort Michelsberg (Cisnadioara), über dem schützend eine Kirchenburg wacht. Im Dorf begegnet man einem drahtigen älteren Herrn, dem ehemaligen "Trommler", dem einst die Aufgabe oblag, Neuigkeiten unter das Volk zu bringen. Er lamentiert, dass ein schönes Haus gerade den Besitzer gewechselt habe. Eine in Amerika reich gewordene rumänische Frau habe es "samt Garten aber ohne Einrichtung" um 35.000 Euro erworben – nette Immobilien zu Schleuderpreisen.

Schwermut per SMS

Es hat sich viel verändert in den siebenbürgischen Dörfern. Eine pensionierte Volksschullehrerin etwa hadert: "Früher war Michelsberg beinahe rein deutsch, es gab vielleicht eine rumänische Familie hier. Heute reden deutsche Kinder sogar schon untereinander Rumänisch. Die Eltern sind daran schuld." Schwermut lastet zentnerschwer auf den Schultern der älteren Generation. Doch wie zum Trotz scheint das halbe Dorf auf den Namen Fröhlich zu hören. Ein Mann der jüngeren Generation witzelt: "Ich heiße Fröhlich, auch, wenn ich traurig bin." Seine beiden Brüder hätten Siebenbürgen in Richtung Deutschland verlassen, aber man besuche einander und sei über SMS ständig in Kontakt.

Der steile Aufstieg zur Kirchenburg, die auf einem markanten Bergfelsen thront, raubt einem für kurze Zeit den Atem. Die Basilika romanischen Ursprungs ist innen schmucklos, der Ausblick aber lohnt die Anstrengung. In der Wiese liegen große Kugeln aus Stein, die einst als Munition genutzt wurden. Und Sisyphos lässt grüßen: Die Männer des Dorfes mussten früher als Beweis ihrer Kraft vor der Hochzeit einen dieser Steine hinaufrollen.

Das nächste Ziel ist Kronstadt (Brasov), die alte Universitätsstadt wirkt mondäner und moderner als Hermannstadt. Amerikanische Touristen, dekoriert mit Dracula-Tours-Aufsteckern, bevölkern die Stadt, deren Wahrzeichen eine gotische Kathedrale ist. Ein verheerender Brand hat ihr Aussehen und Namen verliehen: die Schwarze Kirche. Lange bevor die Ost-Erweiterung der EU amtlich werden konnte, ist der Osten hier Westen geworden – der Ort prosperierte jahrhundertelang als Handelszentrum und Austauschbörse zwischen Orient und Okzident. Das Hirscherhaus, das prächtige alte Kaufhaus der Stadt, zeugt als Konsumtempel der frühen Neuzeit von der Bedeutung des Mammons in Kronstadt.

Dracula geschmeidig

Der letzte Höhepunkt dieser Reise ist Schäßburg (Sighisoara), die Geburtsstadt von Vlad III. alias Dracula, sie besticht durch städtebauliche Homogenität – und durch die besondere Attraktivität seiner Lage: Die Stadt drapiert sich geschmeidig in die Hügellandschaft und wird von einem imposanten Kirchenberg gekrönt. Über hundertfünfundsiebzig Stufen führt die alte Schülertreppe aus dem Jahre 1642 hinauf zum Berg. Die Treppe sollte einst den Schülern den Anstieg zur Bergschule erleichtern, heute lässt sie die Besucher keuchen.

Touristen, wie man selbst einer ist, begegnen einem hier wenige, der Fremdenverkehr schläft friedlich seinen Dornröschenschlaf. Trans silvam, jenseits des Waldes, ist noch touristischer Hinterwald. Man muss kein Prophet sein, um die Betonung auf "noch" zu legen. Die Blutsauger werden kommen, das ist gewiss. Sie haben hier sogar Tradition. (Georg Heilingsetzer/Der Standard/Printausgabe/8./9.009.2007)

  • >>> Zur Ansichtssache – "Rund um die Karpaten"
    foto: tourismusamt rumänien

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