Russland als Magnet für Gastarbeiter

5. Oktober 2007, 17:00
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Der Wirtschaftsboom benötigt Arbeitskräfte und findet sie im postsowjetischen und ostasiatischen Raum. Gleichzeitig will Russland den Zuzug strikter reguliert wissen - Reportage

Wenn Umar lächelt, blitzt Gold aus seinem Mund. Wie im zentralasiatischen Tadschikistan üblich, hat sich auch der 44-jährige Vater von vier Kindern Goldzähne einsetzen lassen. Umar lächelt oft. Sein Russisch ist gebrochen, aber das "normalno", das er bei jeder Gelegenheit äußert, verwendet er semantisch exakt: Weniger "normal" bedeutet es nämlich, als vielmehr "es ist schon okay; gewiss könnte es besser sein, aber es ist eben, wie es ist". Vor sechs Jahren war es so, dass Umar sich entschlossen hat, die Arbeitsbedingungen zu Hause hinter sich zu lassen: "Ich war Lehrer in der Militärakademie", erzählt er: "Selbst in Tadschikistan braucht man 200 Dollar, um eine Familie zu ernähren. Ich verdiente 50." Umar machte sich nach Russland auf. Seither arbeitet er in Moskau auf dem Bau.

Seit Wladimir Putins Machtantritt im Jahr 2000 steigt die russische Wirtschaft bergauf. Die hohen Rohstoffpreise haben das Wachstum jährlich über der Sechs-Prozent-Marke gehalten und Geldmassen ins Land gespült. Nicht nur die Bauwirtschaft boomt, alle Sektoren prosperieren, der Handel blüht, der Verkehr stockt, und überall fehlen Arbeitskräfte. Wo die eigenen Arbeiter immer teurer werden, übernehmen Gastarbeiter die niedrigeren Dienste. Vor allem aus den postsowjetischen Nachbarstaaten kommen sie, aber auch aus China, Ostasien, der Türkei, Ex-Jugoslawien.

10-16 Millionen

Laut Schätzungen russischer und internationaler Organisationen leben inzwischen zehn bis 16 Millionen Arbeitsimmigranten in Russland. Die 44-jährige Irina etwa hat es vor sieben Jahren aus der Südukraine nach Moskau verschlagen. Als Kindermädchen bei wohlhabenden Russen verdient sie 30.000 Rubel (860 Euro). "Es ist meine dritte Familie", erzählt sie. "Das Angebot ist groß. Erst letzte Woche habe ich wieder eines ausgeschlagen."

Irinas Mann macht den Hauswart und bringt als bewaffneter Leibwächter in Personalunion die Kinder der Neureichen zur Schule. Von den eigenen Kindern ist eines nach Moskau nachgekommen, das zweite lebt bei der Oma in der Ukraine. "Wir versuchen, monatlich 500 Dollar in die Ukraine zu überweisen, wenigstens jeden zweiten Monat gelingt uns das", sagt Irina.

Der Lohn wird nach Hause überwiesen

Für die postsowjetischen Staaten ist Russland wirtschaftliche Lokomotive, mancher Staat lebt zu einem beträchtlichen Teil von dem Geld, das Gastarbeiter aus Russland überweisen. Allein 2006 sind so nach Angaben von Russlands Föderalem Migrationsamt (FMS) 13 Mrd. Dollar aus dem Land geflossen, 90 Prozent davon in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Die Einkünfte der tadschikischen Gastarbeiter seien doppelt so hoch wie das tadschikische Staatsbudget. "Die Emigration bleibt die vorteilhafteste Investition für die Mehrheit der Bürger aus den schwach entwickelten Ländern der Ex-Sowjetunion", schreibt der Internationale Währungsfond.

Laut FMS überweisen Gastarbeiter 60 bis 70 Prozent ihres Lohns nach Hause. Umar, der Tadschike, schafft monatlich nur 200 "bucks", wie er die Dollars nennt. Der Rest des Lohns geht für das Leben im sündteuren Moskau auf.

Warteschlangen bei den Toiletten

"700 bis 800 Dollar zahlt man auf dem Bau. Anfänger bekommen 400", sagt Umar. Die Firma hat ihre Trupps in Wohnheimen untergebracht, wofür sie monatlich 80 Dollar zahlen. Umar wohnt mit 13 anderen Arbeitern in einem Zimmer. Er findet nichts dabei, dass für 400 Leute in seinem Stockwerk nur vier Toiletten und vier Duschen zur Verfügung stehen. Manchmal würden sich Warteschlangen bilden, aber nicht immer.

Umar fährt einmal im Jahr für zwei Monate zu seiner Familie. Die viertägige Zugreise macht ihm nichts. Wenn ihn etwas stört, dann der Firmenbus in Moskau, der die todmüden Arbeiter täglich eine Stunde auf der Straße warten lässt. Im Arbeiterheim fühlt er sich wohl. Einmal im Monat werde die Bettwäsche gewaschen. "Normalno, so ist das Leben", sagt Umar. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.9.2007)

  • Nach Schätzungen russischer und internationaler Organisationen leben bis zu 16 Millionen Arbeitsimmigranten in Russland, die großteils niedrig entlohnte Arbeiten erledigen.
    foto: steiner

    Nach Schätzungen russischer und internationaler Organisationen leben bis zu 16 Millionen Arbeitsimmigranten in Russland, die großteils niedrig entlohnte Arbeiten erledigen.

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