Krimischiene: Taxifahrt und Todeszelle

14. September 2007, 12:50
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Ein zweites leben ist möglich - Aus schweinischer Perspektive erzählt - Aufsteiger im politischen Establishment

Todeszelle

Ein Geisteskranker aus Oklahoma landet in der Todeszelle, aus der er nach elf Jahren entlassen wird. Ron Williamson saß im Todestrakt, weil die Polizei den Mörder einer Frau suchte, jahrelang keine Spuren fand, und Rons "Geständnis" - er hatte einen Traum erzählt - zum Anlass nahm, ihn als Verdächtigen zu präsentieren. John Grishams neues Buch Der Gefangene (Deutsch: B. Liesen, B. Reiter, K. Ruhl, I. Walsh-Araya, € 20,60, Heyne) ist die bedrückende Dokumentation eines Justizirrtums; sorgfältig recherchierte er die Lebensumstände aller Betroffenen, zitiert aus Verhörprotokollen und zeigt, wie tendenziös mit "Beweismitteln" umgegangen wurde. Das Innocence Project, in dem Jusstudenten sich für zum Tode Verurteilte einsetzen, konnte bislang 180 Gefangenen zur Freiheit verhelfen, einer von ihnen war Ron Williamson. Pflichtlek-türe, nicht nur für Juristen.

Taxifahrt

Ein Mann mietet am Frankfurter Hauptbahnhof ein Taxi für eine Überlandfahrt. Unterwegs will er den Fahrer auf einen Parkplatz lotsen und ihn erschießen. Jahrelang hat der Mann auf diesen Augenblick der Rache gewartet: Denn der Taxifahrer, noch nicht lange aus dem Gefängnis entlassen, hatte einst seine Frau ermordet. Der Mann hat sein zukünftiges Opfer lange observiert. Er weiß, dass der Mörder gerade in ein bürgerliches Leben mit Job und Freundin zurückfindet. Ihm ist ein zweites Leben möglich, der Ermordeten nicht mehr. Dann läuft etwas schief mit dem Plan, und die beiden Männer beginnen, miteinander zu sprechen. Bruno Preisendörfers feines Kammerspiel Die Vergeltung (€ 19,50, Liebeskind) scheint auf ein vorhersehbares Ende zuzusteuern, aber der Autor bringt am Ende doch noch einen überraschenden Dreh in das ungewöhnliche Psychodrama.

Trüffelsuche

Aus schweinischer Perspektive erzählt W. Zdral in Tartufo (€ 17,50, Pendo) eine Bauerngeschichte aus dem Piemont. Leonardo ist ein verhätscheltes Schwein, das seinem Besitzer durch erfolgreiche Trüffel- suche ein Vermögen eingebracht hat. Leider wird der Gute eines Nachts einen Abhang hinuntergestoßen. Der Sohn und Erbe Paolo mag Schweine nicht und schafft sich einen Trüffelsuchhund an, worauf Leonardo Gegenmaßnahmen ergreift. Indessen wollen Nachbarn die legendäre Trüffelstandortkarte des Verblichenen finden, bloß, wo ist sie versteckt? Wird der Plan Paolos, aus dem alten Bauernhaus ein schickes Hotel für "Agritourismus" zu machen, aufgehen? Der Trick, einen Krimi aus der Sicht von Tieren zu entwickeln, ist nicht neu. Schlaue Schweine mit ihrer Menschenähnlichkeit scheinen sich besonders gut als Akteure ländlicher Tragödien zu eignen.

Täuschungen

Das Titelbild mit nackter Frau und Rosen wirkt albern, doch keine Angst: Der Text ist komplexer. Lügen, verdammte Lügen (Deutsch: Susanne Aeckerle, € 9,20, dtv) von Cynthia Harrod-Eagles schildert das fatale Dreiecksverhältnis zwischen einem Mann und zwei Frauen, die seit der Studienzeit miteinander befreundet sind. Die schöne und politisch umtriebige Journalistin Phoebe wird ermordet, ihr angeblich bester Kumpel Josh, Aufsteiger im politischen Establishment, ist schwer verdächtig, und die blasse, erfolglose Schauspielerin, mit der er verheiratet ist, hat auch allerlei zu verbergen. Phoebe hat an ein einem geheimen Buchprojekt gearbeitet, vielleicht wollte da jemand etwas vertuschen? Die Londoner Autorin versieht ihren Krimi mit ausführlich gezeichneten Nebenfiguren und viel Atmosphäre. Damit kann man einen verregneten Herbsttag bestens herumbringen.

(Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2007)

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    cover: pendo verlag
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