Malen nach Musen

14. September 2007, 12:50
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Der in Berlin lebende Lyriker Durs Grünbein vermisst in seinen Aufsätzen das Gewicht der antiken Welt - Notate aus der Schatzkammer eines ewigen Musenlieblings

Normalerweise muss man den Selbstauskünften auch solcher Dichter, die die Betriebsgeheimnisse ihres randständigen Tuns scheinbar bereitwillig offen legen, mit gesunder Skepsis begegnen. Die Dichtkunst - worunter zunächst bloß allgemein das Verfassen von Versen verstanden sei - unterliegt, so sie die Entwicklungen der Moderne seit Baudelaire und Mallarmé nicht absichtsvoll verschlafen hat, einer Pflicht zur Rechenschaft. Dass ein bestimmtes Gedicht "so" und nicht anders ausschaut, hat recht wenig mit landläufigen Vorstellungen von "Inspiration", sehr viel aber mit der Anwendung von Techniken und - den Musen sei's geklagt - Kalkülen zu tun.

Was wiederum nicht ausschließt, dass Lyrik-Stars wie der gebürtige Dresdner Durs Grünbein (45) nicht doch in der Gunst von Mnemosynes Kindern stehen. Der Büchner-Preisträger von 1995, ehemals Protegé des sibyllinischen Dramenmeißlers Heiner Müller, hat über die Jahre im Dichten (wie im Nachdenken über eben dieses Dichten) einen Stil kultiviert, dessen souveräne Altklugheit die Bedürfnisse gestandener Altphilologen leichthin befriedigt. Dieser mit allen archäologischen Grubenwassern gewaschene Stil leistet aber auch, woran die Masse der ausübenden Poeten zwangsläufig scheitert: Abendländer mit dem ganz kleinen Latinum im Bildungsgepäck dürfen sich in die Sphären der Antike kostengünstig emporgezogen fühlen!

Grünbeins Aufsätze zur Poesie ähneln daher Kabinen in einem Paternoster. Seine Essays geben sich mit Anklangsnervenkunst ab. Sie plündern das Sezierbesteck von Doktor Gottfried Benn und Georg Büchner, um relativ dunkle Sachverhalte triumphal aufzuhellen: Welche "physiologischen" Voraussetzungen bedingen die Gestimmtheit für Poesie? Grünbein schürft für seine Erklärungszwecke in tief abgelegenen Hirnarealen. Nichts Genaues weiß man nicht. Insofern liege "in Neurologie" - also in der Wissenschaft von den Gehirnzellen und deren komplizierten Verschaltungen - "die Poetik der Zukunft versteckt".

Doch abgesehen von der Frage, was eine Lokalisierung der sprachkreativen Zellen überhaupt erklären helfen könnte, dient der entschlossen naturwissenschaftliche Gestus unseres gelehrten Dichters der eigenen Absicherung. Gewohnt, mit Gestalten wie dem römischen Stoiker Seneca im kollegialen Tone zu verkehren, betont Grünbein die Kontinuität abendländischer Poesieentwicklung. Der Traum von den Wissenschaften, gleich ob der archäologischen oder den naturkundlichen, ist aber auch nichts anderes - als eben bloß ein Sprachspiel. Denn wenn Grünbein von den Verschüttungen in Pompeji erzählt, meint er die bergende Kraft des (eigenen) Versbaus. Grünbein, der Deutsch so schreibt, als ob er tatsächlich Lateinisch dächte, nennt sein antikes Lieblingsidiom "das perfekte Gehäuse, in dem die Affekte sich austoben konnten, ein Gedanken-Panzer, den Ideen fest angegossen", oder eben: "ein Medium wie geschaffen für Jurisdiktion und Verskunst".

Grünbein, der Musenliebling, spricht sich selbst, ob bewusst, ob unbewusst, das erhebende Urteil: Dächte man nur hinreichend oft genug an die römischen Alten, man dichtete unweigerlich wie er! Fast schon rührend sein Eifer, mit dem er die Marginalisierung der Dichtkunst beklagt: Die Philosophen, ehedem bloß Auslegungsspezialisten von Epen, sie seien es gewesen, die die Poeten enteignet, die ehemals schwingende-klingende Sprache aber in das Prokrustesbett der Begrifflichkeit gepfercht hätten. Mitunter erinnern Grünbeins Affekte gegen die moderne Lebenswelt an einen hellenistisch gewendeten Adorno: flammende Kritik an der Kulturindustrie, allerdings in bröckeligen Gips gemeißelt.

Vorliegendes Taschenbuch, eine konzentrierte Auswahl aus dem essayistischen Werk, lohnt freilich die Lektüre: Wie sonst wäre man berufen, den Sterblichen zu zürnen, den Göttern aber nach dem Mund zu reden? Hat ja auch der düstere Priesterdichter Stefan George zumindest im deutschen Feuilleton wieder Hochkonjunktur. (Ronald Pohl)

Durs Grünbein, "Gedicht und Geheimnis. Aufsätze 1990-2006." € 8,-/192 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch 3890 - Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007.
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    cover: suhrkamp
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