Essay: Unanständig gute Literatur

14. September 2007, 12:50
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Die Zeitschrift "Schreibheft" ist die Trüffelsau im Literaturbetrieb: Sie entdeckt Autoren, regt Übersetzungen an - und ist auch nach 30 Jahren noch der Zeit voraus

Herausgeben als Kunstform: Norbert Wehr, der das Heft seit drei Jahrzehnten gemeinsam mit Hermann Wallmann herausgibt. Ganz rechts das Cover der neuesten Nummer. Fotos: Fasthuber

Wenn hier eine kleine Hymne auf das Schreibheft, die beste Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum, gesungen werden soll, kann man diese ruhig mit einer kleinen Dissonanz beginnen. Blättert man sich nämlich durch die Schreibheft-Jahrgänge, etwa durch die im Verlag Zweitausendeins erschienenen, voluminösen Reprintbände der Jahre 1983-1997, so wird einem wieder einmal traurig bewusst, dass viele der darin auftretenden Sprachmagier - oft gerade die besten - "Zauberer ohne Publikum" sind, wie das Schreibheft einmal den US-Romancier William Gaddis (1922-1998) titulierte.

Wobei es Gaddis im Vergleich zu anderen gut ging. Als älterer Herr wurde er noch ein geläufiger Name, konnte vom Schreiben leben. Bezeichnenderweise gelang ihm der Durchbruch mit den kleineren, formal konventionellen Spätwerken Die Erlöser (1985) und Letzte Instanz (1994) deutlich nach seinen beiden postmodernen Großromanen Die Fälschung der Welt (1955) und JR (1975), die erst mit einiger Verspätung breiter entdeckt wurden. Ein anderer Fall von "spät, aber doch": Oskar Pastior, der erst durch die posthume Zuerkennung des Büchnerpreises 2006 bekannt wurde, während er im Schreibheft seit 25 Jahren ein Fixstern war und ist.

Zu früh dran zu sein, das gehört zum Berufsrisiko der Avantgarde. An Beispielen wie Pastior, Gaddis oder Richard Powers, mit dessen frühen Romanen die Zeitschrift sich - Jahre bevor Der Klang der Zeit den Autor populär machte- intensiv auseinandersetzte, zeigt sich, dass das nicht nur für die Autoren gilt, sondern auch für die Zeitschriftenmacher. Das Schreibheft, diese unermüdliche literarische Trüffelsau, feiert in diesen Tagen mit Heft 68 seinen 30. Geburtstag, und es ist immer noch seiner Zeit voraus. "Wenn neue Bücher von Autoren erscheinen, denen wir Dossiers gewidmet haben, liegen die Dossiers mitunter schon so lange zurück, dass sich keiner mehr an sie erinnert", erklärt Herausgeber Norbert Wehr, ohne Koketterie, aber auch ohne Reue. Wie gesagt: Berufsrisiko.

Worin der Unterschied zwischen solcher und solcher, zwischen schwer durchzusetzender und erfolgreicher Literatur besteht, lässt sich schön an einem Schreibheft-Interview mit dem französischen Lyriker Christian Prigent ablesen. "Was ich suche, ist eine lebendige Sprache, die etwas über meine Besonderheit aussagt", sagt dieser, "gegen alle Kollektivierung der Erfahrungen, des Unbewussten, der Stile. Was dagegen Popularität erzeugt, ist der Gebrauch einer toten - akademischen und uniformisierenden - Sprache."

Interessant: Nicht die oft solcherart diskreditierte Avantgarde wird hier als blutleer beschrieben, sondern der Mainstream. Das ist eine Beobachtung, der man sich bei der Lektüre des "Schreibhefts" nur anschließen kann. Hier lässt sich die Erfahrung machen, wie unterhaltsam experimentelle Literatur - ob neue russische Lyrik oder ein vergessenes Highlight der US-amerikanischen Postmoderne - sein kann.

Popularität entstehe in der Literatur, wie Friedrich Schlegel einmal anmerkte, unter anderem durch "mäßige Unanständigkeit". Das meint durchaus nicht nur die Erotik der Schilderungen, es bezieht sich vor allem auch auf Stil und Form. Noch einmal Prigent: "Kleine stilistische Abweichungen, Skandälchen, Paradoxa für Fernsehdiskussionen - das ist heute die ,mäßige Unanständigkeit', ohne die es kein modernistisches Alibi gibt." Allein: "Schreiben ist etwas Anderes: die absolute Unanständigkeit, das, was unangemessen ist und brutale Ex-zentrizität zu einem Gesetz macht [...]."

Prigents Aussagen umreißen den Literaturbetrieb von heute fast perfekt. Die Renaissance des so genannten einfachen Erzählens ohne große formale Überlegungen hat zu einer Uniformisierung der Belletristik geführt. Und dazu, dass, wer sich dieser Uniformität ästhetisch eigensinnig widersetzt, weniger Chancen denn je hat, publiziert zu werden, höchstens unter Ausschluss der Öffentlichkeit als "Book on demand".

Als Pointe sei hinzugefügt: Das Interview mit Christian Prigent, der die Avantgarde-Literatur als notwendigen, "skandalösen Rand der Kultur-Show" begreift, ist nicht gestern geführt worden, es stammt aus dem Jahr 1983. Das Schreibheft ist eben nicht nur seiner Zeit voraus - für eine Zeitschrift verfügen seine Inhalte auch über ein verdammt langes Ablaufdatum.

Um die redaktionellen Belange des halbjährlich erscheinenden Druckwerks kümmern sich Norbert Wehr und Hermann Wallmann. Letzterer von Anfang an, Wehr stieg ein Jahr später ein. Er erinnert sich an "unbekümmerte Anfänge". Die Zeitschrift war zunächst eine unter vielen in der damals boomenden Alternativpresse und diente als "Selbstveröffentlichungsorgan des Essener Schriftstellernachwuchses". Anfang der Achtzigerjahre hatte sich das Heft dann zu dem entwickelt, was es heute ist: ein Mix aus Autoren-Dossiers, Originalbeiträgen, Übersetzungsproben, Gesprächen, Rezensionen - durchwegs mit Gewinn zu lesen und im Ganzen mehr als die Summe der einzelnen Teile. "Keine Potpourris sollen entstehen", so Wehr. "Anspruch ist vielmehr, nach dem Vorbild des täglichen Dialogs zwischen Hermann Wallmann und mir, ein Gespräch zwischen Schriftstellern, ihren Büchern und Konzepten zu inszenieren sowie geistesverwandtschaftliche Echo-Räume und kommunizierende Röhrensysteme herzustellen - und das sowohl innerhalb einzelner Hefte wie auch in der Folge der Hefte. Wir versuchen, könnte man sagen, das Herausgeben als Kunst-Form zu betreiben."

Das Schreibheft betrachtet Literatur nicht isoliert. Es zeigt Querverbindungen auf und sucht nach Entwicklungslinien, die von der Moderne - und ihren Vorvätern - zur Literatur der Gegenwart führen. Immer wieder erstaunlich ist daran das untrügliche Gespür der Herausgeber für Qualität.

Wahllos ein Heft herausgegriffen (Nummer 22, 1983), findet sich ein Text von Louis-Ferdinand Céline in Erstübersetzung, ein Aufsatz über "Die erotischen Weltuntergangsphantasien des Thomas Pynchon", ein Beitrag mit Daten und Fußnoten zum damals noch auf Lolita reduzierten "Sonnensystem Vladimir Nabokov" sowie kurze Texte u. a. von Friederike Mayröcker, Jürg Laederach, Wilhelm Genazino, Hubert Fichte, Einar Schleef.

Man blättert weiter. Trifft immer wieder auf Herman Melville, mit einer Neuübersetzung des Moby Dick, aber auch wenig bekannten Texten. Überhaupt, Übersetzungen: Probleme beim Transfer von Literatur von einer Sprache in eine andere werden im Schreibheft nicht verschwiegen, sie werden thematisiert. Nikolaus Stingl oder Ulrich Blumenbach veröffentlichten hier Beiträge über ihre ambitionierten Großprojekte, Thomas Pynchons Mason & Dixon bzw. David Foster Wallaces Infinite Jest adäquat ins Deutsche zu übertragen.

Wieder ein anderes Heft aufgeschlagen. Ein Dossier über Oulipo. Daniil Charms. Peter Waterhouse. Alban Nikolai Herbst. Helmut Heißenbüttel. Literatur und andere Medien. Literatur und Quantenphysik, Gentechnologie.

Inzwischen ist man bei Heft 68 angelangt. "Literatur und Comics", und das nicht zum ersten Mal, bereits 1998 widmete sich eine Ausgabe dem Thema. Der Comic wird nicht als ästhetische Provokation der Literatur begriffen, man interessiert sich wirklich dafür, wie in Comics Geschichten erzählt werden, und entwirft gleich eine "Poetik des Comic" - flankiert von praktischen Beispielen, so einem Comic nach Marcel Beyers Roman Flughunde.

Norbert Wehr: "Von Anfang an hat unser Herz für eine Literatur geschlagen, die weiß, was sie tut, für handwerkliches Selbstbewußtsein, handwerkliche Reflexivität. Eine Literatur, die (meist) in nicht-narrativer Weise die Errungenschaften der Moderne weiterschreibt. Unsere Leidenschaft gilt dabei Autoren, deren Identität brüchig, deren Werk auch anfechtbar ist."

Meist aber sind die abgedruckten Texte einfach nur: unanständig gut. Schreibheft, das meint Lektüreanregungen für mehr als ein Lese-Leben, und eine Zeitschrift, die sich obendrein spannender liest als so mancher Roman. (Sebastian Fasthuber, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2007)

"Schreibheft. Zeitschrift für Literatur." Erscheint zweimal jährlich im Rigodon Verlag Essen. Im gut sortierten Buch-handel sowie direkt zu bestellen unter www.schreibheft.de

  • Herausgeben als Kunstform: Norbert Wehr, der das Heft seit drei Jahrzehnten gemeinsam mit Hermann Wallmann herausgibt. Ganz rechts das Cover der neuesten Nummer.
    fotos: fasthuber

    Herausgeben als Kunstform: Norbert Wehr, der das Heft seit drei Jahrzehnten gemeinsam mit Hermann Wallmann herausgibt. Ganz rechts das Cover der neuesten Nummer.

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