"Der Angstschrei der Augen"

14. September 2007, 12:50
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Josef Winklers Buch "Roppongi. Requiem für einen Vater" gibt dem verstorbenen Vater ein ruhiges Totenlied mit auf die Reise – Ein STANDARD-Interview, in dem Sprechen zu Literatur wird

Wien – Der Ackermann von Kärnten ist tot. Der Vater Josef Winklers, Urbild jener Figur bäuerlich-familiärer Schreckensherrschaft, die der Kärntner Autor in zahlreichen Büchern beschwört und in den Bannkreis seiner Sprache schlägt, starb 2004 im Alter von 99 Jahren. Josef Winkler selbst war zu dem Zeitpunkt auf Lesereise in Japan und versäumte das väterliche Begräbnis. Nun, drei Jahre später, schickt er dem Ackermann sein Totenlied nach auf die Reise ins Jenseits – Roppongi. Requiem für einen Vater. Ein Buch, das in neuem, ruhigem Ton die Gegenwart des Todes in allem Leben beschwört, eine Gegenwart, die anzunehmen Winkler seine Aufenthalte im indischen Varanasi lehrten, denen in Roppongi gleichfalls Raum gegeben wird.

Kein "Mitteilungsmensch", wie er selbst sagt, interessiert Josef Winkler auch das Interview als Mitteilung, als Medium der Selbstauskunft nur wenig. Und so verwandelt er das Gespräch zunehmend in die spontane Erfindung einer Bildwelt von hoher Sprachkunst: in reinste Winkler’sche Literatur.

STANDARD: Ihr Buch "Roppongi" ist eine Art Totentanz: Rund um den friedvollen Tod Ihres Vaters, der im Zentrum des Buches steht, erscheinen die Toten der Familie und des Dorfes. Am Anfang aber sterben die Geier. Und auf einer Postkarte an Bodo Kirchhoff schreiben Sie den Satz: "Vor den Geiern sterben die Dichter."

Josef Winkler: Es werden immer weniger Dichter. Die ganze Branche spekuliert und fantasiert zur Unterhaltung hin. Und es gibt einige ernst zu nehmende Kritiker, bei denen man das Gefühl hat, dass auch sie sich dort hin neigen, wo die Mehrheit ist ... Das erschreckt mich. Und deswegen nehmen alle die, die sich ernsthaft mit Literatur und Sprachkunst und hochartifizieller Sprache auseinandersetzen, indirekt den Kampf auch gegen die Unterhaltungsliteratur auf. Gegen die Unterliga. Aber in der Literatur kann man in der Unterliga das Geld verdienen. Umgekehrt im Sport, um wieder diesen Vergleich zu gebrauchen, in der Oberliga.

Was wird heute nicht alles zwischen zwei Buchdeckel gequetscht. Manchmal hätte ich indische Kuhfladen lieber zwischen zwei Buchdeckeln. Die haben einen Sinn. Julien Green sagte auch: Die Unterhaltungliteratur wird vom Teufel geschrieben.

Sobald man zu spekulieren beginnt und schon das Blätterrauschen eines Massenpublikums zu Ohren kriegt, werden in einem Möglichkeiten und Stimmen abgetötet. Das sind Eisenwände, die man vor sich aufzieht. Und Eisenwände einreißen, das möchte ich nicht. Dann ist es zu spät, dann ist man Diener. Diener einer Unterhaltungsbranche. Mich hat Unterhaltungsliteratur immer deprimiert. Unglücklich gemacht. Angst gemacht. In der Banalität. Und in der Lüge. Es ist ja jeder Satz eine Lüge.

STANDARD: Lüge? Die Behauptung, die Welt sei verstehbar?

Winkler: Eben. In diesen Sätzen steckt kein Rätsel drin von dieser unserer Welt. Das hat mir Angst gemacht. Und ich bin sowieso mit Angst aufgewachsen. Aufgewacht. Die Augen aufgeschlagen, und es war ein Schrei nach der Geburt. Das war kein Lebensschrei. Das war der Angstschrei der Augen. Und bald danach habe ich die Glocken gehört. Deswegen habe ich vor Glocken so Angst. Und vor den kleinen Glocken vor allem. Das Zügenläuten. Das so genannte. Leichenzüge. Die kleinste Glocke wird geläutet, wenn der Leichenzug sich in Bewegung setzt und wenn bekannt wird, dass ein Mensch gestorben ist in der Dorfgemeinschaft. Dann geht man von Haus zu Haus und schaut und fragt. Wer es wohl ist, der gestorben ist. Der Älteste? Oder hat sich wieder ein 17-Jähriger aufgehängt. Und dann kommt jemand, so wie mein Bruder einmal, zur Tür herein und sagt: Der Hans-Peter hat sich aufgehängt. Aha, für ihn haben die Glocken geläutet ...

STANDARD: Die Totenglocken für Ihren Vater werden in den elf Kapiteln begleitet und eingeleitet von einem japanischen Todeslied: Den Narayama-Liedern des Fukazawa.

Winkler: Mein Buch ist ja ein Requiem für einen Vater, aber es ist nach wie vor auch eine Novelle. Und indem ich Zitate aus dem Fukazawa eingearbeitet habe, habe ich eine fremde, kleine Novelle in meiner umfangreicheren Novelle drinnen stecken. Wie bei russischen Puppen eine andere Geschichte hineingesteckt, die atmosphärisch mit den einzelnen Kapiteln korrespondieren soll. Und letzten Endes war es ja auch mein diabolisches Ziel, dem Vater, der über dem Großglockner und über dem Fujiyama sein Grab in den Lüften gefunden hat, eine Braut mitzugeben, die Frau aus dem Narayama Bushiko, die von ihrem Sohn, weil sie schon alt ist und weil alle arm sind und man nicht weit über sechzig Jahre alt werden soll, in die Berge getragen worden ist, um dort ausgesetzt zu werden und um dort zu sterben. Diese Frau habe ich dem Vater mitgegeben, indem ich diese kleine Novelle in verkürzter Form dazu gab. Damit er nicht so allein ist ...

STANDARD: Noch einmal zur Angst. Ist das Schreiben eine Antwort auf die Angst?

Winkler: Ich glaube, ich schreibe deswegen, weil mir in der Kirche, speziell in der langen Zeit als Ministrant, wir waren ja ganz nah beim Altar und sind auch hinten herumgegangen, diese Heiligenfiguren und Engel so unheimlich waren. Von der Vorderseite waren sie schön geschmückt und vergoldet. Und ich habe mir die Heiligenfiguren von hinten angeschaut und da waren sie ausgehöhlt. Die Hinterseite war nicht ausgeführt. Die war hohl. Vorne das Gesicht, die Maske, und hinten nicht fertig geschnitzt. Das Gegenteil sogar: Ausgehöhlt, damit die Figur nicht so schwer wird, damit man sie leichter tragen kann ...

Und der Pfarrer hat zu uns gesagt, zu uns Kindern, dass alles, was wir tun, ob in einem Raum ganz allein, im tiefen Wald, dass alles von Engeln aufgeschrieben wird. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Deswegen schreibe ich. Es gibt offenbar schon eine große Schrift von denen über mich. Und das ist das zweite Buch, das ich schreibe, ein dickes, langes ...

STANDARD: Die Antwort an die Engel?

Winkler: Ich reiße den Engeln diese Schrift, die sie über mich angefertigt haben, mit jedem Buch Stück für Stück aus den Händen. Bis die Engel dann eines Tages mit ganz leeren Händen dastehen werden. Irgendwo. In der Nähe meines Vaters. Das ist mein Ziel. Sonst habe ich überhaupt keines.

(Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2007)

Rezension von Leopold Federmair: >>>Der Tod, das Leben und das wilde Kärnten
Josef Winkler findet in seiner gelungenen Novelle "Roppongi" zu einer neuen Gelassenheit

Zur Person:
Josef Winkler wurde 1953 in dem Kärntner Dorf Kamering geboren als jüngstes von sechs Geschwistern einer patriarchalen Bauernfamilie, die im Zentrum vieler seiner Bücher steht.

Werke:
"Menschenkind" (1979), "Der Ackermann aus Kärnten" (1980) und "Muttersprache" (1982). "Der Leibeigene" (1987), "Friedhof der bitteren Orangen" (1990), "Domra. Am Ufer des Ganges" (1996), "Natura morta" (2001), "Leichnam, seine Familie belauernd" (2003).

Am 13. 9., um 19.00 Uhr, präsentiert Josef Winkler "Roppongi" in der Alten Schmiede in Wien, 1., Schönlaterngasse 9.
  • "Es werden immer weniger Dichter. Die ganze Branche spekuliert und fantasiert zur Unterhaltung hin. Das erschreckt mich. Was wird heute nicht alles zwischen zwei Buchdeckel gequetscht. Manchmal hätte ich indische Kuhfladen lieber zwischen zwei Buchdeckeln. Die haben einen Sinn."
    foto: jürgen bauer

    "Es werden immer weniger Dichter. Die ganze Branche spekuliert und fantasiert zur Unterhaltung hin. Das erschreckt mich. Was wird heute nicht alles zwischen zwei Buchdeckel gequetscht. Manchmal hätte ich indische Kuhfladen lieber zwischen zwei Buchdeckeln. Die haben einen Sinn."

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