"Amateure und Gamer ändern die Gesellschaft"

20. September 2007, 10:06
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Japanischer Internet-Pionier Ito: "Das Gute am Internet ist: Man kann Sachen leicht ignorieren"

Die Anfangseuphorie um das Internet als demokratiestiftendes, weltverbesserndes Wunderwerk ist mit der Blase Anfang des Jahrtausends schnell geplatzt. Doch eher unbeobachtet im Hype um das so genannte Web 2.0 (das Schlagwort für eine Sammlung neuer Online-Angebote) entsteht so etwas wie eine Utopie 2.0: "Die Technologie ist nicht mehr so bedeutend. Aber die soziale Veränderung, die die neuen Online-Angebote mit sich bringen, schon", sagte der japanische Internet-Pionier, Unternehmer und "World of Warcraft"-Spieler Joichi Ito bei der Ars Electronica im Gespräch mit der APA. Denn Amateure und Video-Gamer ändern derzeit die Gesellschaft.

Eigenbau

Im so genannten Web 2.0 dreht sich vieles um jene Inhalte, die die Benutzer selber kreieren: Vom verwackelten Kurz-Video auf YouTube über unzählige holprige Songs auf diversen Musikangebots-Seiten bis zum möglichst professionellen Eintrag auf der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Doch diese Inhalte werden von vielen belächelt. Denn hinter den Computern sitzen in den meisten Fällen keine ausgebildeten Profis, sondern Amateure. Und das sieht man dem allergrößten Teil des Web 2.0, insbesondere den gern geschmähten trivialen Blogs, auch an. Da ist das viel gerühmte Web 2.0 dann schnell abgetan als Ansammlung von durchschnittlichen Ideen, Nabelschau und schlechter Kunst.

Unterschätzt

Doch die meisten "unterschätzen den Beitrag, den die Durchschnittsmenschen leisten", betont Joi Ito. Und die immer besser werdenden Online-Angebote, die aus scheinbar unendlich vielen einfältigen Blogs jenen Eintrag herausfiltern, der wirklich brillant ist, oder aus den tausenden unnötigen Videos jenes, das zum Lachen oder Nachdenken anregt, "verwandeln den 'Lärm' des World Wide Web in die Weisheit der Vielen", wie es u. a. der Komplexitätsforscher Scott Page und der Autor James Surowiecki beschrieben haben. Die haben gezeigt, dass es für viele Arten von Problemen besser ist, wenn große Gruppen von Amateuren sich an einer Lösung versuchen als eine kleine Anzahl von hoch spezialisierten Experten.

Eigene Wege

Sie "kübeln die Idee, dass ein hoher Intelligenzquotient wahnsinnig nützlich dafür ist, komplizierte Probleme zu lösen", beschreibt Ito. Denn Experten tendieren dazu, sich auf bekannten Bahnen an Probleme anzunähern. "Aber außerhalb dieser Zirkel hat jeder eine andere Sicht der Dinge, und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, die richtige Antwort zu finden. Wenn 100 Experten dasselbe denken, ist das nicht so hilfreich wie die Vielfalt der Menschen", so Ito, der daher eine "Revolution der Amateure" kommen sieht.

Potenzial

Die Art, wie man sich durch den Dschungel an Unnötigkeiten und Dummheiten kämpfen kann, die diese Amateure dennoch im Web hinterlassen, "muss noch stark verbessert werden", sagt Ito. Aber "das Gute am Internet ist: Man kann Sachen leicht ignorieren." Und dass mittlerweile Online-Communities einander dabei helfen, Musik zu entdecken und neue Ideen zu finden, ist für Ito eine umfassende Veränderung, die sich auch auf die Wirtschaft auswirken wird: Bisher sei "uns per Gehirnwäsche eingeimpft worden, dass 100 Mio. Leute den gleichen Song lieben müssen", so Ito unter Bezugnahme auf jene Zeit, als man "auf drei Fernseh- und ebenso vielen Radiokanälen keine Chance hatte, der Musik zu entkommen, die die Plattenfirmen verkaufen wollten." Doch "das ist verrückt. Es ist eigentlich genau die Definition eines schlechten Songs, dass ihn 100 Mio. Leute mögen".

Hype

Doch Ito schränkt ein: "Das meiste ist derzeit Hype, und wir sind wieder inmitten einer Blase." Die nächsten wirklich wichtigen Entwicklungen werden die flächendeckende Öffnung von drahtlosen Internetverbindungen und, damit verbunden, die Entwicklung von Kleingeräten zur Online-Kommunikation sein, prognostiziert Ito. "Den meisten Kindern sind PCs egal, aber sie lieben ihre Handys. Es wächst eine von Computerspielen und Handys geprägte Generation heran", die die Gesellschaft noch tiefgehender verändern wird, im Guten wie im Schlechten: "Ich verfechte sehr stark die Idee, dass der Cyberspace die Demokratie voranbringen wird. Aber den meisten Kids, mit denen ich rede, ist die Demokratie völlig egal." (apa)

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