Welt aus Granit

10. September 2007, 17:00
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Vom Meer kam immer nur der Feind. Deswegen essen die Künstler in den korsischen Bergen Käse statt Fisch. Von richtigen Weltbürgern und falschen Hinweistafeln

Sant' Antonino, ein Dorf aus Stein und Fels, wie ein Adlernest aus Granit, mit Blick aufs Meer. Sechzig Menschen wohnen hier, vier Kinder, sieben Esel, zwei Kapellen und ein Briefkasten. Die Kirche liegt hundert Höhenmeter tiefer, dort, wo die Autostraße endet, und ist so groß wie ein Fußballplatz.

Um elf Uhr morgens kommt "pain", das Brot, und mit ihm Neuigkeiten zum Thema "plastiqué". Alles andere karren Monika und Artur herbei und legen es uns auf den Tisch. Wir sind Künstler und deshalb hier; eine Handvoll Kunst aus verschiedenen Teilen Europas. Für zwei Wochen leben wir in diesem steinernen Nest und machen das, was wir können: Kunst, mit finalem Showdown, dem "grand spectacle" für die Kunstinteressierten Korsikas, die so karg sind wie die Landschaft.

Die Anreise geht bergauf. Zuerst mit der Fähre, dann über Serpentinen. In den Charts der unnatürlichen Todesarten Korsikas liegt Autounfall mit Abstand an erster Stelle. An zweiter Stelle Krebs, aber das erst seit Tschernobyl und weit über dem europäischen Durchschnitt. Darüber hat man hier schon einen Film gemacht, erzählt mir Florence. Sie ist neben Artur und Monika Mastermind des Festivals "ILeMouvante", um das es hier geht. Diesjähriges Motto: "Au pied de mur" - in die Enge getrieben, zur Entscheidung genötigt als positive Chance. Korsika wird seit Jahrhunderten in die Enge getrieben, in die Berge hinauf, deshalb isst man hier Schweine und Schafe, keine Fische. Vom Meer kam immer nur der Feind. Zuerst die Piraten und dann die Franzosen. Ihre Häuser werden immer noch "plastiqué". Plastiksprengstoff ist zwar unerschwinglich für die Separatisten, trotzdem heißt es "plastiqué". Vor kurzem haben sie im nahen Calvi das falsche Haus "plastiqué". Eine Entschuldigung erfolgte und am Wochenende darauf die richtige Adresse. Gestern Nacht war das alte Kino am Meer an der Reihe. Sein Besitzer lächelt. Entweder "tu mange la soupe de pois chiches", du isst die Kichererbsensuppe oder "tu va dans le fenêtre", du springst aus dem Fenster.

"ILeMouvante" musste sich sein Überleben erarbeiten. Zerschnittene Autoreifen und eingeschlagene Windschutzscheiben als Zeichen, dass das kleine Festival in der Vergangenheit wahrgenommen wurde. Inzwischen herrscht friedliche Koexistenz. Heute schüttelte einer meine Hand. Das war der Chef der örtlichen Nationalisten, sagt mir Artur. Die Tonanlage, die wir für das grand spectacle brauchen, verfrachtet derselbige tags darauf kommentarlos in sein Auto und bringt sie weg. Ich erzähle es Artur. Er nimmt es hin. Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.

Wir essen Käse. Jeden Tag von elf bis eins. Und besprechen die Kunst des Tages. Le Chef du spectacle heißt Franz Josef, kommt aus Köln und ist eigentlich Udo Kier, wäre er nicht mehr in Köln. Dort inszeniert er Opern, hier trägt er Verantwortung. Am ersten Tag ist er noch blind, doch das wird Routine: am Tag Sieben erblindet unsere Tänzerin, am Tag Dreizehn ich selbst - ein unerforschtes Virus begleitet unser Dasein. Udo Kier spricht von John Cage und wünscht sich Fisches Nachtgesang, a cappella probiert. Wir sind singende Fische und jede unserer Luftblasen ein verzweifelter Ausdruck zum Zustand der Welt. Udo Kier sieht die Welt anders, aber übt Geduld. Nicht so Uta, knapp 70-jährige Schauspielerin mit zahlreichen Anekdoten vom Bühnenleben zwischen Weimar und Wien. Sie hat Poeme gesammelt, von Goethe bis Trakl, und auch die wollen geprobt sein. Sie hallen jetzt durch das granitene Dorf. Die deutsche Sprache als unbekanntes Flugobjekt, die alten Boulespieler am Hauptplatz gehen in Deckung. Schon jetzt wird mir klar, dass ich hier falsch bin. Nicht Kunst, sondern ein Festhalten dieses Moments wäre meine Aufgabe: Ein Polaroid dieser vierzehn Tage, über uns KünstlerInnen, ein M*A*S*H* des arts im Höhenlager der Kunst auf Kollisionskurs mit der korsischen Mentalität.

Stille kehrt ein, ein UFO stirbt ab und wird abgelöst von der 25-jährigen Josephine aus Vienne. Sie tanzt klassisch wie modern und ist auch dabei äußerst attraktiv. Sind wir Männer nicht seriös, wird's ein Desaster.

Allein der Tscheche Jaroslav ist verheiratet und, wie ich vermute, vor allem deshalb hier, um zu erfahren, wie viel Nahrung wie Alkohol ein Körper in zwei Wochen verträgt. In den Verdauungsphasen spielt er famos Schlagzeug, seine Band heißt "Forgotten orchestra of dreamers" und er ist eindeutig ihr Leader. Als er mich bei unserer Anreise, nach einer langen Nacht im Hafen von Nizza, in aller Herrgottsfrüh mit den Worten "It's very soon!" weckt und ich mich dem Ende gegenüber auch so fühle, sind wir verwandt. Nicht so Fabien, der ist Bretone und kommt aus dem Meer. Ehrenamtlich schwimmt er mit jungen Delphinen, kennt jeden Wal zwischen Ajaccio und Marseille. Hauptberuflich lebt er am Land und dreht dort Filme. So auch Dragana. Sie kommt aus Serbien und machte Kunstkarriere in Paris. Hier schmettert sie im Auftrag Udo Kiers tagelang italienische Arien mit Blick aufs Meer. Und dann noch ich, verwirrt mit Sonnenstich in steinernen Gassen, im babylonischen Sprachgewirr unserer kuriosen Gemeinschaft. In Korsika, sagt man, "tragen Glocken Kühe". Mich trägt niemand, und als ich dem örtlichen Poeten zum zweiten Mal begegne, fragt er, ob sich unsere Hände schon berührt haben. Ich danke, doch schon schüttelt er meine, "par mesure de précaution".

Le monde est un village. Mais lequel? Die Welt ist ein Dorf, aber welches? ... Ich spreche mit den Einheimischen, als sie auf das Brot warten. Ich kündige meinen kreativen Beitrag an und ersuche um Verständnis. Ich interpretiere vorab, was bald in allen Gassen hängen wird, um sich in Sant' Antonino zurecht zu finden: Wegweiser aus St. Anton, dem Bergdorf am Arlberg.

St. Anton gesucht in Sant´ Antonino. Eine Irritation artistique, die jeden Fremden in die Irre leitet. Weil sich verirren muss, wer die Welt als Dorf begreift. Denn Dörfer gibt es viele. Mitgebracht habe ich auch ein fünfzehn Meter langes Panorama von den Bergen Tirols, das ich dort am Bahnhof fand und das sich wegen seiner Transparenz so schön eignet, die Berge von hier und dort in einem zu sehen, vom Hauptplatz aus. Wären sie, die Citoyens, damit einverstanden? Ist das okay? "Ça va?", frage ich. Stille. Der Korse schweigt prinzipiell, auch heute. Ich denke an das alte Kino am Meer und versuche nun auch eine politische Dimension in der Hoffnung, nicht plastiqué zu werden: Ist diese inszenierte Verlorenheit nicht auch ein Plädoyer für eine identité culturelle? - Da kommt das Brot, der Vorhang fällt. Ich murmle, mein Projekt sei eh "stupide", also teppat, und das finden die Korsen wohl auch und finden sich damit ab. Allein der Bürgermeister berührt meine Hand und kennt sich jetzt aus. Nicht so die Touristen. Zu Hunderten kommen sie täglich, um Sant' Antonino, die älteste Siedlung Korsikas, zu begehen. Dann stolpern sie durch das steinerne Labyrinth und wirken zuweilen etwas verwirrt. Spätestens beim Orientierungsplan für die Schilifte hört man von Zeit zu Zeit ein "Nous sommes pas ici", wir sind nicht hier. Da lächeln auch Korsen, und die Boulespieler vor den Alpen Tirols zwinkern mir zu.

Samstag abends haben wir Ausgang und bringen die Alpen ans Meer. Ein Ausflug der Narren in die Welt des Sonnenöls. Kunst macht Urlaub. Zwei ÖsterreicherInnen organisieren dieses Kunstfestival jährlich und leben vor Ort: Der Tiroler Artur, der als Mann für Spezialeffekte im österreichischen Film irgendwann das Weite suchte, und die Journalistin Monika. Sie arbeitet acht Monate daran und sucht uns, die KünstlerInnen, aus. Wir arbeiten zwei Wochen daran und werden zunehmend trés panoptiques, seelisch wie auch dynamisch. Am zehnten Tag frage ich die Kellnerin Pauline, ob sie uns für fou hält, und sie bricht ihr Schweigen: positivement. Uta unterteilt uns und die restliche Menschheit inzwischen in Solare und Lunare. Ich bin mittlerweile eindeutig lunar, bald auch blind. Am zwölften Tag beschimpfe ich Udo Kier, am dreizehnten Tag saufe ich mich an, am letzten Abend bin ich glücklich und will bleiben. Morgens, auf der Fähre nach Nizza, kotzen andere und Jaroslav untersucht meine Iris. "ILeMouvante" heißt das jährliche Festival in den Bergen Korsikas und ist schwer zu empfehlen. Die Welt ist ein Dorf. Aus Granit. (Florian Flicker/Der Standard/RONDO/7.9.2007)

Florian Flicker ist Filmemacher ("Halbe Welt", "Suzie Washington", "Der Überfall" und zuletzt der Dokumentarfilm "No Name City"). Er lebt in Wien.

Sant' Antonino liegt an der Westküste Korsikas, 11 km südlich von Ile Rousse, 21 km nordwestlich von Calvi.
Anreise: mit der Fähre von Italien oder Frankreich aus (nach Calvi oder Ile Rousse), oder mit Flugzeug (Calvi), weiter mit Auto, Fahrrad oder Autostop.

Unterkunft: Nächtigungsmöglichkeiten in Sant' Antonino nur in sogenannten "Gites", privaten Frühstückspensionen oder Apartments, meist für eine Woche zu mieten. Das nächste Hotel liegt im Nachbarort Cateri.

ILeMouvante findet jährlich Anfang Juni statt.
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  • Sant' Antonino darf St. Anton werden, dachten sich die Korsen und ließen den Filmemacher Florian Flicker im Rahmen des Festivals "ILeMouvante" im gleichnamigen Bergdorf unter anderem sein Foto-Panorama vom Arlberg aufstellen.
    foto: florian flicker

    Sant' Antonino darf St. Anton werden, dachten sich die Korsen und ließen den Filmemacher Florian Flicker im Rahmen des Festivals "ILeMouvante" im gleichnamigen Bergdorf unter anderem sein Foto-Panorama vom Arlberg aufstellen.

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  • "Die Welt ist ein Dorf, aber welches?",  fragten sich in den Bergen Korsikas  der Künstler selbst, der Besucher sowie der Boulespieler angesichts Florian Flickers künstlerischer Wegweisung.
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    "Die Welt ist ein Dorf, aber welches?", fragten sich in den Bergen Korsikas der Künstler selbst, der Besucher sowie der Boulespieler angesichts Florian Flickers künstlerischer Wegweisung.

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