Michael Köhlmeier im derStandard.at-Interview: "Gnade uns Gott!"

6. Februar 2008, 20:24
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Der Autor Michael Köhlmeier im derStandard.at-Interview über den brachialen Machtanspruch der Kirche und die Attraktivität von religiösem Fanatismus

"Wenn die katholische Kirche nicht für Konfrontation sorgt, dann wird der Islam dafür sorgen." Autor Michael Köhlmeier zeigt sich im derStandard.at-Interview überzeugt davon, dass mit jeder Abgrenzung, zu der die katholische Kirche im Laufe der Geschichte gezwungen wird, deren Zulauf wieder steigt. Er selbst befürchtet deshalb eine Radikalisierung der Kirche und sieht die Errungenschaften der Aufklärung in Gefahr, sollte sie ihren "Fundamentalismus auspacken".

Persönlich sieht Köhlmeier sich als religiösen Menschen, die Kirche interessiert ihn nur in kulturhistorischer Hinsicht. Mit dem Papst würde er sich gerne über die "unfassbar grausame Gnadenlehre des späten Augustinus" unterhalten. Der Werbefeldzug des Papstes in Österreich findet Köhlmeier "läppisch". Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg.

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derStandard.at: Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

Köhlmeier: Ja. Die Kirche interessiert mich aber nur in kulturhistorischer Hinsicht. Der Katholizismus vertritt kaum mehr religiöses Empfinden und Denken. Zwischen Himmel und Mensch steht und stand immer brachialer Machtanspruch.

derStandard.at: Funktionieren heutzutage die Angebote der katholischen Kirche noch als Sinn gebendes System?

Köhlmeier: Bei mir nicht. Meine religiösen Empfindungen werden durch Natur, Kunst, vor allem Musik aufgeweckt. Die Naturfeindlichkeit der Kirche empfand ich immer als gotteslästerlich. Die Natur wird von der Kirche als eine Konkurrentin gesehen. "Der wahre Tempel soll die Natur sein? Dann kommt ja keiner mehr zu uns!" Die Natur ist, was sie ist. In unserer abendländischen Tradition suchen wir den Sinn der Dinge immer außerhalb der Dinge. Der Sinn der Natur liegt in der Natur selbst. Das ist schwer zu akzeptieren, es erscheint uns wenig und schal und schnell erledigt. Man braucht dazu keinen Übersetzer.

derStandard.at: Sie haben mit Ihrem Roman "Abendland" so etwas wie ein Jahrhundertpanorama vorgelegt. Inwiefern mussten Sie sich während der Recherchen auch mit der Rolle der Kirche auseinandersetzen und wie sehen Sie diese Rolle nach Beendigung dieses Romans?

Köhlmeier: Es gibt in diesem Roman eine - historische - Figur, die mir sehr am Herzen liegt: Edith Stein. Sie war Jüdin, Phänomenologin und ist zum Katholizismus konvertiert und in den Karmeliterorden eingetreten. Während der Nazizeit floh sie nach Holland, wurde von Arthur Seyß-Inquart aufgespürt, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Unter Papst Johannes Paul II wurde sie erst selig und dann heilig gesprochen - als katholische Märtyrerin. Papst Pius XII hat sich nicht auffallend heftig für sie eingesetzt. Sie ist auch nicht als katholische Märtyrerin gestorben, sondern weil sie Jüdin war.

derStandard.at: 2004 erschien von Ihnen "Geschichten von der Bibel. Von der Erschaffung der Welt bis Moses". Die Bibel erzählt Geschichten und ist gleichzeitig ein Geschichtsbuch. Was hat sie am Stoff des Alten Testaments interessiert?

Köhlmeier: Die Bibel ist eine ganze Bibliothek, die zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Autoren geschrieben wurde. Sie beinhaltet Mythisches und Historisches, Lehre und Erbauung, aber ebenso Anleitungen zu Viehzucht und Ackerbau, und sie ist ein Gesetzbuch. Ein wunderbares Werk in jeder Hinsicht. Das Alte Testament ist für mich in erster Linie ein Stück hebräischer Mythologie.

derStandard.at: Kann die aktuelle Kirche noch Geschichten in den Geschichtenpool unserer abendländischen Kultur einbringen?

Köhlmeier: Natürlich. Das wird sie auch wieder tun. Der große Irrtum ist, dass seit dem Konzil unter Papst Johannes XXIII die Kirche meint, dass, wenn sie auf die Leute zugeht, sie diese besser erreicht. Und gerade das ist das Merkwürdige: Je heftiger sie sich den Leuten zuwendet, desto mehr weichen die Leute zurück. Wenn sich eine Religion nicht als Menschen- sondern als Gottesreligion gibt, hat sie eine größere Anziehungskraft. Der Islam führt uns das vor. Wenn der Katholizismus seinen Fundamentalismus auspackt, dann wird er große Attraktivität gewinnen. Das würde natürlich ein Angriff auf alle Errungenschaften der Aufklärung sein. Gnade uns Gott!

derStandard.at: Ist der Papst radikal?

Köhlmeier: Ich kenne ihn nicht, aber ein fortschrittlicher Papst ist er wohl nicht. Aber was soll das sein – ein fortschrittlicher Papst? Er hat ein freundliches Gesicht. Das ist schon einmal sehr viel. Er hat, wenn ich mich recht erinnere, über Augustinus promoviert oder sich zu diesem Thema habilitiert. Über die so unfassbar grausame Gnadenlehre des späten Augustinus würde ich mich gern mit ihm unterhalten.

derStandard.at: Sie interessieren sich also eher nicht für die "Geschichte der Päpste"?

Köhlmeier: Aber natürlich tu ich das. Wenn man eine gewisse Distanz zu einem Thema hat, kann man vernünftiger damit umgehen, als wenn man mitten drin steckt. Die Religion wird vielleicht das Thema meines nächsten, sich langsam am Horizont abzeichnenden Buches werden. Religion wird auch das Thema der nächsten dreißig Jahre in Europa sein.

derStandard.at: In der Abgrenzung zum Islam?

Köhlmeier: Ja. Die katholische Kirche hat immer dann einen Push bekommen, wenn sie sich abgrenzen musste. Gegen das Judentum, gegen den Islam – siehe Kreuzzüge – oder gegen die Reformation. Wenn die katholische Kirche nicht für die Konfrontation sorgt, dann wird der Islam dafür sorgen. Der neue Papst steht für einen konservativen Kurs, ich glaube, dass es ein erfolgreicher Kurs sein wird. Ein religiöser Mensch, der kirchlich orientiert ist, will nicht die Messe feiern, als ob er bei einem Handballclub wäre.

Je offener und toleranter die Kirche wird, umso mehr tritt sie in Konkurrenz mit anderen offenen und toleranten Erscheinungen in der Gesellschaft, und da kann sie nicht mithalten, ohne ihr Eigenstes über Bord zu werfen. Wenn die Kirche aufklärerisch daherkommt, bleibe ich doch gleich bei der Kantschen Aufklärung. Oder ich sage: Katholizismus hab ich probiert, jetzt versuch ich’s mit dem Hinduismus, und zu guter Letzt komme ich wieder zum Biertrinken und zur Kleidermode zurück, jedes halbe Jahr etwas anderes aus dem Selbstbedienungsladen.

Wenn aber die Kirche den Leuten die Doktrin vor die Stirn haut, dann wird sie attraktiv. Verstehen Sie mich nicht falsch: Religiöser Fundamentalismus ist mir ein Greuel. Aber er ist attraktiv. Die Bergpredigt ist von den kirchlichen Machthabern immer unter den Tisch gekehrt worden oder so lange uminterpretiert worden, bis das Gegenteil von dem herauskam, was darin tatsächlich gesagt wird.

derStandard.at: Der Papst kommt nach Österreich – auch in Form einer großen Marketingkampagne. Man kann ihm ein SMS schicken, sieht Werbung an den Straßenrändern, Merchandising überall. Was halten Sie davon?

Köhlmeier: Da kriege ich einen roten Kopf, das ist läppisch. Es soll hier doch um Frohbotschaft gehen und nicht um eine neue Automarke. (derStandard.at/7.9.2007)

Zur Person: Michael Köhlmeier ist einer der erfolgreichsten österreichischen Autoren. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet. Zu seinen "Bestsellern" gehört "Das große Sagenbuch des klassischen Altertums". Sein aktuelles Buch "Abendland", erschien im Carl Hanser Verlag.
  • Michael Köhlmeier: "Die Naturfeindlichkeit der Kirche empfand ich immer als gotteslästerlich. Die Natur wird von der Kirche als eine Konkurrentin gesehen."
    foto: standard/corn

    Michael Köhlmeier: "Die Naturfeindlichkeit der Kirche empfand ich immer als gotteslästerlich. Die Natur wird von der Kirche als eine Konkurrentin gesehen."

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