Interview: "Eher ein Dienst an der Spaltung"

6. Februar 2008, 20:25
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Der evangelische Theologe Ulrich Körtner erwartet sich vom Papstbesuch nichts - Gespräch mit Klaus Taschwer

Im Gespräch mit Klaus Taschwer kritisiert er das Kirchenverständnis von Benedikt XVI., schätzt aber die Klarheit von dessen Positionen.

STANDARD: Mit welchen Erwartungen sehen Sie als evangelischer Theologe dem Papstbesuch entgegen?

Körtner: Ich hege keinerlei Erwartungen und Interessen und betrachte den Besuch als eine rein katholische Angelegenheit. Denn ökumenischen Charakter hat dieser Besuch bestimmt nicht. Hätte man den haben wollen, dann hätte man diesen Besuch zu einem anderen Zeitpunkt durchführen sollen.

STANDARD: Warum?

Körtner: In diesen Tagen findet nämlich gerade auch die dritte europäische ökumenische Versammlung in Sibiu in Rumänien statt. Die hochrangigen Vertreter der evangelischen Kirchen, aber auch der anderen christlichen Kirchen sind jetzt alle in Sibiu. Zudem ist Mariazell nicht einfach nur ein katholisches Wallfahrtsheiligtum, sondern in seiner heutigen Gestalt auch Ausdruck der Gegenreformation und hat aus evangelischer Sicht einen negativen Beigeschmack. All das sind für mich nur weitere Symptome dafür, dass der Dialog mit den anderen christlichen Kirchen unter Ratzinger bestimmt keine großen Fortschritte zu erwarten hat.

STANDARD: Warum sind Sie so pessimistisch?

Körtner: Es hat in den letzten Monaten einige Irritationen im Bereich des ökumenischen Gesprächs gegeben - um es zurückhaltend zu formulieren. Den evangelischen Kirchen ist vom Vatikan einmal mehr abgesprochen worden, Kirche im vollen Sinne des Wortes zu sein. Was ja schon die Glaubenskongregation im Jahr 2000 getan hat. Das Papstamt sollte ein Dienst an der Einheit sein. Aber so, wie sich Rom zuletzt geäußert hat, ist das eher ein Dienst an der Spaltung. Hart formuliert könnte man sagen, dass dieses Kirchenverständnis durchaus fundamentalistisch sektiererische Züge trägt.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Haltung von Benedikt XVI. gegenüber den anderen Weltreligionen ein?

Körtner: Was ich am Papst durchaus schätze, ist, dass er sich - etwa auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam - um Klarheit in der Formulierung der eigenen katholischen Positionen bemüht. Das ist allemal besser, als wenn man in einem schlechten Dialog Gegensätze verschleiert. Insofern beurteile ich seine bisherige Amtszeit nicht unbedingt als negativ. Nur sind in der Durchführung einige handwerkliche Fehler passiert.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Körtner: Die Regensburger Rede enthielt zweifellos unglückliche Passagen. Immerhin hat der Papst danach versucht, daraus das Beste daraus zu machen, nicht zuletzt bei seinem Türkei-Besuch im Anschluss daran. Bei der Diskussion um diese Rede ist freilich untergegangen, dass ihre eigentliche Stoßrichtung gegen die moderne evangelische Theologie ging. Der Papst vertritt nun einmal eine Version der Synthese von Religion und Vernunft, das im Grunde nur seine eigene Position zulässt. Alles andere wird als irrational abgestempelt. Aber wie gesagt: Die gedankliche Klarheit von Benedikt XVI. kann man schon schätzen, auch wenn ich viele Positionen nicht teilen.

STANDARD: Ist das auch der Grund, warum sich neuerdings auffallend viele, auch linke Intellektuelle mit dem Papst und der Religion befassen?

Körtner: Dass seine Intellektualität auch den Respekt von Andersdenkenden erheischt, ist zweifellos richtig. Und es gibt beim Papst schon auch ein Gespür für Sinndefizite in unserer materialistischen Welt. Doch wenn ein Denker wie Jürgen Habermas, der sich für religiös unmusikalisch hält, meint, dass man dem Thema Religion mehr Aufmerksamkeit widmen sollte, dann sollte man das nicht unbedingt als eine Folge seines Gesprächs mit Ratzingers sehen. Sondern eher als Ausdruck einer der gesellschaftlichen Gesamtlage. Dieser Papst ist zwar ein Intellektueller, doch sein Verständnis von Vernunft halte ich für problematisch.

STANDARD: Inwiefern?

Körtner: Er nimmt zwar für sich in Anspruch, die wahren Impulse der Aufklärung fortzuführen, als eine Art aufgeklärter Aufklärung inklusive einer Synthese von Vernunft und Christentum. Aber hier - und das ist das Problem - wird von einem monolithischen Vernunftbegriff ausgegangen, obwohl es eben nicht nur diese eine Vernunft gibt.

STANDARD: Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Körtner: Das kann man unter anderem an der Debatte um Schöpfung und Evolution festmachen. Da ist bei ihm und nicht zuletzt seinem Schüler, Kardinal Schönborn, ein Rückfall hinter jene kritischen Positionen passiert, die bereits mit der Philosophie Imanuel Kants erreicht worden sind.

STANDARD: Wie erklären Sie sich das?

Körtner: Die Beweggründe dafür liegen zum einen in der persönlichen Theologie von Benedikt XVI., der im Grunde ein Platoniker ist. Zum anderen muss man diese Entwicklungen auch gesellschaftspolitisch einordnen. Diese restaurative Tendenzen, die der französische Soziologe Gilles Kepel als "revanche de dieu" bezeichnet hat, dienen vor allem dazu, verlorenes gesellschaftspolitisches Terrain wieder zurückzugewinnen. (DER STANDARD - Printausgabe, 7. September 2007)

Zur Person
Ulrich Körtner, Jahrgang 1957, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Mitglied der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt. Der Autor zahlreicher Bücher zu theologischen und bioethischen Themen war im Jahr 2001 österreichischer Wissenschafter des Jahres.
  • Der evangelische Theologe Ulrich Körtner kritisiert das Kirchenverständnis von Benedikt XVI.
    foto: standard/robert newald

    Der evangelische Theologe Ulrich Körtner kritisiert das Kirchenverständnis von Benedikt XVI.

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