Interview: Papst pflegt "Corporate Identity"

6. Februar 2008, 20:25
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Der suspendierte Priester und Buchautor Adolf Holl sagt Marijana Miljkovic, worüber er mit Benedikt XVI. sprechen würde

STANDARD: Steht Papst Benedikt XVI. für die Zukunft der Katholischen Kirche?

Holl: Was soll er denn noch machen? Ich weiß es nicht. Wir haben natürlich auch in Österreich liberale katholische Kreise, die sich immer wieder zu Wort melden mit den Anliegen, die schon seit 1998 oder etwas früher auf dem Tisch liegen: Das ist die Frage nach der Rolle der Frauen in der Kirche, die Frage nach der Eheschließung oder Priesterschaft etc. Das wurde auch immer wieder unseren Bischöfen unter die Nase gerieben und es ist nichts passiert. Also kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser jetzige Papst in dieser Richtung etwas unternehmen wird.

STANDARD: Steht er also für Stagnation oder Rückschritt?

Holl: Ich würde ihn so einschätzen, dass er die Identität der immerhin noch größten Religionsgemeinschaft auf der Welt möglichst klar, deutlich und auch in abgrenzender Weise pflegt, also die "Corporate Identity".

STANDARD: Der Vorwurf an den Papst war, dass er mit seinem Wienbesuch nicht für die Ökumene steht. Er trifft sich aber mit Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde. Wie sehen sie die Ökumene?

Holl: Also mein Eindruck vom jetzigen Papst ist, dass er angesichts der - sagen wir - Rückläufigkeit oder der Bedrohungen oder der Konkurrenzierungen weltweit die Wagenburg enger macht. Jetzt kann man natürlich sagen, er setzt ein paar Gesten in Richtung Osten, an die Orthodoxie. Aber er setzt auch Gesten, wie jetzt eben in der letzten Zeit, gegenüber der evangelischen und reformierten Formation. Das sind natürlich sehr grobe Sachen gewesen, die dementsprechend kommentiert wurden. Insgesamt seh' ich keine Öffnungen in Richtung christlicher Brüderlichkeit.

STANDARD: Weil Sie es ansprechen: Sind die Aussagen über den Islam und die Evangelische Kirche arrogant?

Holl: Die Regensburger Rede ist meiner Wahrnehmung nach eine sehr pfiffige Sache gewesen und zwar in Richtung Islam. Die hat mir recht gut gefallen. Er hat sich da natürlich schon ein bisserl einen Schiefer eingezogen, aber das wurde dann bereinigt und der Türkeibesuch anschließend hat das auch ein bisserl geglättet. Aber da hat er als Hochgebildeter eine gewisse Stammbucheintragung von sich gegeben für die muslimischen Leute. Auch ist in Erinnerung zu behalten, wie er mit dem Herrn Prof. Habermas ins Gespräch gekommen ist - auf Augenhöhe - das war auch besonders für die linken Intellektuellen verwunderlich. Arrogant ist der nicht. Wenn wir jetzt schon ein bisschen Charakterkunde betreiben wollen, der ist schüchtern als Person, so was ich über ihn höre. Der ist keine durch und durch politisch versierte und politisch kampferprobte Gestalt wie der Karol Woytila.

STANDARD: Worin unterscheidet sich Ihr Jesusbuch zu jenem von Kardinal Ratzinger?

Holl: Mein Jesusbuch wurde auf Umwegen zu einem der Grundwerke der so genannten Befreiungstheologie in den 70er-Jahren in Südamerika. Diese Befreiungstheologie ist vom jetzigen Papst unter dem Pontifikat des Johannes Paul II. in den Boden gestampft worden. Das heißt, dieser Papst will von Befreiungstheologie nichts hören. Das ist der Unterschied zwischen meinem Jesusbuch und dem Jesusbuch vom Papst. Das Buch schildert Jesus als einen sozialen Außenseiter - und zwar den realen, historischen Jesus. Und was der Heilige Vater gemacht hat, ist in meiner Wahrnehmung ein sehr langweiliges Buch.

STANDARD: Viele Menschen sagen: "Ich glaube an Gott, aber nicht an die Institution Kirche." Gehören Sie zu ihnen?

Holl: Nein, weil ich das für eine kindliche Einstellung halte, die sich den Realismus nicht leisten kann, dass Gott allein bislang in der Menschheitsgeschichte nicht vorgekommen ist. Der ist immer in sozialen Kontexten vorgekommen. Dass man einfach sagt: Jesus ja, Kirche nein, das ist ein Slogan, hinter dem natürlich ein Wunsch nach Unschuld vorhanden ist, den kann ich auch respektieren.

STANDARD: Und dennoch zieht er, beispielsweise beim Weltjugendtag oder der Jugendwallfahrt, die Gläubigen an. Hat Benedikt XVI. den Draht zu den Jugendlichen gefunden?

Holl: Nein, das sehe ich nicht so. Die Großereignisse, da haben wir Phänomene vor uns, die für mich rätselhaft sind. Elvis Presley ist in antiker Sprache gesprochen längst ein Gott. Oder schauen Sie sich an, was bei Lady Di passiert ist. Wenn in Rom Millionen Jugendliche zusammenkommen und "Vive el Papa" schreien, und am nächsten Morgen werden die gebrauchten Präservative zusammengekehrt, dann denkt man nach: Was ist da los gewesen? Ich weiß nicht, warum sie es tun, und ich habe durchaus Respekt davor, aber mir einreden zu lassen, da ist was im Gange, eine Neubelebung, da lache ich nur.

STANDARD: Worüber würden Sie sich mit dem Papst unterhalten, wenn es dazu käme?

Holl: Ich würde mich mit ihm über den Hl. Bonaventura unterhalten. Das war ein unglaublich gemeiner, heiliggesprochener Franziskaner, der manche ins Grab gebracht hat. Über den schrieb der Hl. Vater seine Habilitationsarbeit. (DER STANDARD - Printausgabe, 7. September 2007)

Zur Person
Adolf Holl, Jahrgang 1930, ist Theologe, Religionssoziologe und Autor. 1954 wurde er zum Priester geweiht, nach seinem Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft" (1971) wurde ihm die Lehrberechtigung entzogen, 1976 wurde er vom Priesteramt suspendiert. Es folgten zahlreiche weitere Bücher.
  • Das Großereignis Papstbesuch steht für den suspendierten Priester und Buchautor Adolf Holl nicht für eine Neuerung der Kirche.
    foto: standard/heribert corn

    Das Großereignis Papstbesuch steht für den suspendierten Priester und Buchautor Adolf Holl nicht für eine Neuerung der Kirche.

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