"Das gesamte Ausland lacht darüber"

9. Oktober 2007, 13:14
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Aufschrei der Emittenten und Finanzmarkt-Experten: Die Vorgänge rund um MEL haben die Reputation des Kapitalmarktes geschädigt

Wien – Der Kurssturz bei Meinl European Land (MEL) nach dem verspätet gemeldeten Aktienrückkauf bringt die Lenker großer börsennotierter Konzerne sowie Finanz- und Rechtsexperten in Rage. Tenor: Der Kapitalmarkt sei durch die Vorfälle massiv geschädigt worden. "Die ganze Welt lacht über uns", meint etwa KTM-Chef Stefan Pierer, und Wienerberger-General direktor Wolfgang Reithofer spricht von negativen Auswirkungen auf die Wiener Börse. Der Finanz- und Steuerexperte Friedrich Rödler ist der Ansicht, dass die Affäre für den Kapitalmarkt "schlimmer als die Bawag" sei. Immer mehr in die Kritik gerät neben Meinl die Wiener Börse. "Sie lässt Emissionen zu, bei denen man sich nur wundern kann", ärgert sich der Industrielle Hannes Androsch, und für Sparkassen-Generalsekretär Michael Ikrath ist die Aufnahme von Meinl European Land in den ATX Prime "unverständlich". Die Manager und Experten sprechen sich nun deutlich für gesetzliche Maßnahmen aus, um derartige Vorkommnisse künftig zu unterbinden. Meinl European Land_wurde am Donnerstag von der Ratingagentur Fitch auf Junkbond-Status zurückgestuft. Die Aktie stürzte um rund neun Prozent unter den Ausgabekurs ab.

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Der Niedergang von Meinl European Land (MEL) reißt die Wiener Börse mit. Führende Manager börsenotierter Unternehmen und Kapitalmarkt-Experten sind der Ansicht, dass die Affäre rund um den erst nachträglich gemeldeten Aktienrückkauf des Immobilienkonzerns den ganzen österreichischen Kapitalmarkt in Verruf bringt. "Deutschland, das gesamte Ausland lacht bereits darüber. Es ist wirklich peinlich", sagt Stefan Pierer, Vorstand von KTM und Cross Industries. Er spricht von einem echten Imageschaden. Konzerne, die an der Börse Wien notierten, hätten sich auch an die österreichischen Gesetze zu halten, "wo auch immer sie ihren Sitz haben", sagt Pierer. Eine Verschärfung der Regeln hält er nicht für notwendig. Es reiche, wenn die bestehenden respektiert würden.

Scharfe Kritik an Wiener Börse

Die Aktion rund um Meinl "entspricht keiner transparenten und fairen Vorgehensweise", urteilt Wienerberger-Chef Wolfgang Reithofer. "Es ist nachteilig für die Wiener Börse." Auch der Industrielle Hannes Androsch spart im Gespräch mit dem Standard nicht mit scharfen Worten. "Die Börse lässt Emissionen zu, bei denen man sich nur wundern kann." Die Vorgänge rund um Meinl European Land seien jedoch keine Einzelfälle. Österreich benötige eine bessere Börsenaufsicht, ohne strangulierende Maßnahmen. "Wir brauchen mehr Transparenz. Die Zugangsregeln für Emissionen gehören verschärft." Mit Meinl sei jetzt hoffentlich das Ende der Fahnenstange erreicht, sagt Androsch. "Hier wurden Millionen bei Emissionen eingesammelt, und dahinter war heiße Luft."

Nicht glücklich

Dass die Wiener Börse nicht gerade glücklich agierte, meint auch Michael Ikrath, Generalsekretär des Sparkassenverbands und VP-Abgeordneter. "Einen Wert wie Meinl European Land in den ATX Prime aufzunehmen, ist für mich unverständlich", meint er auf Anfrage. Allerdings betont er, dass Meinl als "Emittent Hauptadressat der Kritik" sei. Für Ikrath ist es "sehr, sehr ärgerlich, wie der über Jahr aufgebaute gute Ruf der Börse teilweise in Frage gestellt wird". Es sei nun höchste Zeit, das Börsengesetz in Einklang mit der EU-Transparenzrichtlinie zu bringen. Vor einer Novelle will er freilich noch die Prüfung der Finanzmarktaufsicht abwarten, die Ende des Monats abgeschlossen sein soll.

"Schlimmer als die Bawag-Affäre"

Für den Finanzexperten Friedrich Rödler von der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgruppe PwC ist die Angelegenheit sogar "noch schlimmer als die Bawag-Affäre". Bei der Bawag-Beinahepleite sei nur der ÖGB geschädigt worden, nun schauten aber die Anleger durch die Finger. Die Börse habe sich in der Sache "sehr ungeschickt verhalten" und hätte sich vorher überlegen müssen, dass für Emittenten außerhalb der EU österreichisches Recht nicht zur Anwendung gelange. Auch der Chef der Übernahmekommission, Peter Doralt, plädiert nun dafür, "die Defizite bei der Notierung ausländischer Gesellschaften in Wien auszumerzen". Die Angelegenheit sei für den Kapitalmarkt "sicherlich nicht förderlich". (Verena Kainrath, Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2007)

  • Konzerne, die an der Börse Wien notierten, hätten sich auch an die österreichischen Gesetze zu halten, heißt es.
    montage: derstandard/at/schüller

    Konzerne, die an der Börse Wien notierten, hätten sich auch an die österreichischen Gesetze zu halten, heißt es.

  • Androsch: "Die Börse lässt Emissionen zu, da kann man sich nur wundern."
    foto: standard/urban

    Androsch: "Die Börse lässt Emissionen zu, da kann man sich nur wundern."

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    Pierer: "Es bedeutet einen massiven Imageschaden. Es ist wirklich peinlich."

  • Rödler: "Schaden größer als bei der Bawag, weil Anleger betroffen sind."
    foto: standard/hendrich

    Rödler: "Schaden größer als bei der Bawag, weil Anleger betroffen sind."

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    Reithofer: "Die Aktion entspricht keiner fairen Vorgehensweise."

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    Doralt: "Defizite bei der Notierung ausländischer Gesellschaften ausmerzen."

  • Ikrath: "Wie man MEL in den ATX Prime aufnehmen kann, ist unverständlich."
    foto: standard/corn

    Ikrath: "Wie man MEL in den ATX Prime aufnehmen kann, ist unverständlich."

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