Nadia Yassine im Interview: "Der König missbraucht den Islam"

7. September 2007, 11:38
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Mit Nadia Yassine, Sprecherin der Vereinigung für Gerechtigkeit und Spiritualität, im STANDARD-Interview

STANDARD: Frau Yassine, wofür genau kämpfen Sie eigentlich?

Yassine: Wir kämpfen für mehr soziale Gerechtigkeit in Marokko, für eine Neuinterpretation unserer religiösen Texte, die von Extremisten und Islamisten instrumentalisiert werden. Seit dem 11. September hat der Westen ein schlechtes Bild vom Islam. Das wollen wir ändern.

STANDARD: In Gesprächen mit marokkanischen Politikern gewinnt man den Eindruck, die Extremistin seien Sie.

Yassine: Die Machthaber mögen uns nicht, weil wir sie kritisieren.

STANDARD: Warum eigentlich? Die Verfassung sieht vor, dass der König zugleich politisches und religiöses Oberhaupt ist, er setzt den Islam in der Politik um. Das müsste doch in Ihrem Sinne sein – oder?

Yassine: Der König missbraucht den Islam für den eigenen Machterhalt. Er benutzt ihn, um das Volk durch strenge Regeln und Verbote klein zu halten.

STANDARD: Zum Beispiel?

Yassine: Es ist nicht möglich, laut darüber zu diskutieren, dass dieses Gesellschaftssystem nicht gottgegeben ist, sondern ungerecht.

STANDARD: Wie sollte das marokkanische System aussehen?

Yassine: Es gibt ein spirituelles Erbe, auf das wir uns berufen können. Denn schon der Prophet hat mit der Verfassung von Medina im Jahr 623 eine Verfassung gegeben, in der es um Gewaltenteilung und den Schutz von Minderheiten geht. Dazu können wir Teile der westlichen Demokratien importieren. Die Schweiz ist ein interessante Beispiel – dezentral und vielfältig. Aber das ist ein Traum.

STANDARD: Mit welchen politischen Mitteln gehen Sie vor?

Yassine: Wir versuchen, durch Provokation das Volk aus seinem Schweigen herauszuholen, das ihm von den Mächtigen im Lande auferlegt wird. Ich persönlich treibe dies Provokation auf die Spitze: Ich sage, wir sind nicht dazu verdammt, eine elitäre Monarchie zu haben.

STANDARD: Wenn Sie jemals an der Regierung wären, würden Sie dann die Scharia einführen, wie es Ihre Kritiker behaupten?

Yassine: Diese Art von Scharia, wie der Westen immer meint, nein. Aber auf Arabisch bedeutet Scharia, sich einen Weg bahnen – wie es beispielsweise das Wasser tut. Für mich ist die Scharia eine Methode zu denken, die mit der marokkanischen Realität zusammengebracht werden muss. Ich bin keine Masochistin, ich werde keine Scharia einführen, in der die Frau nichts mehr darf.

STANDARD: Sie haben konkrete politische Ziele – warum werden Sie keine politische Partei?

Yassine: Wir wollen politische Macht, natürlich. Man kann den Weg der Revolution wählen. Wir könnten das, denn wir haben großen Einfluss in Marokko – aber wir sind gegen Gewalt. Wir wollen unser Volk erziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2007)

  • Zur PersonNadia Yassine (50) ist die Tochter des Gründers der Bewegung Al Adl Wal Ihsan in Marokko, Katharina Koufen „taz“-Redakteurin.
    foto: standard/nadiayassine.net

    Zur Person
    Nadia Yassine (50) ist die Tochter des Gründers der Bewegung Al Adl Wal Ihsan in Marokko, Katharina Koufen „taz“-Redakteurin.

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