Alles Plastik - Alles Bio

14. September 2007, 16:30
11 Postings

Kompostierbare Kunststoffverpackungen sind der neueste "Ökohype" - Gerade Bio-Lebensmittel werden immer öfter damit verpackt, zu Recht? Ein Expertengespräch

Pflanzenbecher, die sich am Feld wieder auflösen, Verpackungen für Obst und Gemüse oder Joghurtbecher und Einkaufssackerl aus nachwachsenden Rohstoffen wie Stärke und Glukose.

Sind die sogenannten Biopolymere tatsächlich "DIE" Alternative zu fossilen Plastikprodukten, oder ein guter Marketingschmäh? Andrea Niemann hat bei Reinhard Geßl, zuständig für Forschungskoordination, Innovation und Weiterentwicklung bei Bio-Austria nachgefragt.

derStandard.at: Was versteht man unter "Biopolymere" oder "biologisch abbaubare Polymere"?

Geßl: Da gibt es zwei divergierende Anwendungen. Auf der einen Seite werden als "Biokunststoff" oder "Bioplastik" Kunststoffe bezeichnet, die auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt werden. Auf der anderen Seite wird die Bezeichnung auch für Kunststoffe auf Erdölbasis verwendet, die kompostierbar sind.

derStandard.at: Sind diese Produkte im Sinne der "Biorichtlinien" als biologisch zu bewerten?

Geßl: Wichtig ist zu betonen, dass Bio-Kunststoffe gar nichts mit "Bio" im Sinne von Bio-Landwirtschaft oder Bio-Lebensmitteln zu tun haben. "Bio" ist nur für den Lebensmittelbereich mit der EU-VO 2092/91 detailliert geregelt und sehr gut kontrolliert. Alle weiteren Bezeichnungen, wie Bio-Energie oder Bio-Plastik sind schön klingende, aber nicht definierte Marketingbezeichnungen. Insofern finde ich es sinnvoll, nicht von Bio-Kunststoffen oder Bio-Plastik zu sprechen sondern zum Beispiel von "Agro-Kunststoffen".

derStandard.at: Für viele sind "biologisch abbaubare Verpackungen" Naturprodukte, wie zum Beispiel Komposttüten aus Maisstärke.

Geßl: Naturprodukte sind Agro-Kunststoffe mit Sicherheit keine, schlussendlich hängt die Abbaubarkeit ja nicht von der Rohstoffherkunft ab, sondern nur von der chemischen Struktur. Die meisten Agro-Kunststoffe sind derzeit noch Mischprodukte mit petrochemischen Rohstoffen aber mit nicht biologischen Farbstoffen und anderen Zusatzstoffen.

derStandard.at: Welche natürlichen Stoffe, wie Stärke oder Glucose kommen zur Anwendung?

Geßl: In Wahrheit gäbe es eine Vielzahl an möglichen Rohstoffen für die Agro-Kunststoffherstellung. Zur Zeit sind es vor allem die besonders stärkehältigen Erdäpfel, Mais, Weizen und Zuckerrüben, die auf Grund ihrer Massenproduzierbarkeit der Industrie interessant erscheinen.

Ich bin mir sicher, dass wir mit unserem Wissen um die Schätze der nachwachsenden Rohstoffe nur einen Bruchteil der Möglichkeiten erkennen können. Die bisher als weitgehend unerschöpflich geltenden Erdölvorkommen haben diesbezüglich jedes weitere Nachdenken über Ersatzprodukte als lächerlich erscheinen lassen.

derStandard.at: In der Milchwirtschaft wird immer öfter der Joghurtbecher aus Polymilchsäure verwendet. Welche Vor- und Nachteile bietet dieser?

Geßl: Verpackungen aus Polymilchsäure stammen aus nachwachsenden Rohstoffen und sind auf Grund ihrer Materialeigenschaften unter bestimmten Bedingungen in kurzer Zeit vollständig abbaubar. Das ist ein Vorteil.

Zusätzlich ist ja auch aberwitzig, dass eine Verpackung, die ein nur wenige Tage haltbares Lebensmittel wie Joghurt umhüllt, ewig halten soll. Der niemals verrottende Plastikmüll ist nicht nur optisch ein Problem, sondern im besonderen in der Biologie der Gewässer und Böden. Der einzige Nachteil der Verpackung aus Polymilchsäure ist derzeit noch der höhere Preis. Das spielt eine entscheidende Rolle.

derStandard.at: Sind Biopolymere für die Wirtschaft rentabel?

Geßl: Bei den unvorstellbaren Mengen an jährlich verwendeten Kunststoffen kann der Einsatz von Agro-Kunststoffen nur ein Geschäft für diejenigen sein, die ihn herstellen. Für die Anwender voraussichtlich auch, da Agro-Kunststoffe schon heute besonders günstige Materialeigenschaften aufweisen, wie zum Beispiel bessere Luft- und Wasserdampfdurchlässigkeit bei Obst- und Gemüseverpackungen.

Die rohstoffliefernden Bauern werden sich meines Erachtens eine neue Form der Kooperation überlegen müssen um nicht als "Rohstofflieferanten" ökonomisch und ökologisch auf der Strecke zu bleiben.

derStandard.at: Gibt es Studien dazu, welche Belastungen auf die Natur zukämen, wenn man im großen Stil auf Biopolymere umsteigen würde?

Geßl: Agro-Kunststoffe machen derzeit erst einen Bruchteil der weltweiten Plastikproduktion aus. Ich denke, dass mit der derzeitigen Einengung der verwendeten Rohstoffe auf monokulturell und großflächig anbaubare Rohstoffe in Zukunft auch eine Sackgasse befahren wird.

Ohne die Details zu kennen spricht für mich vieles dafür, sich vor allem auf die bisher als Abfall entsorgten Bio-Reststoffe zu konzentrieren. Als Beispiel fällt mir dazu die Sonnenblume ein, wo wir bisher nur an den Kernen und da wieder nur am Öl Interesse finden.

derStandard.at: Es gibt auch sogenannte "Blendsysteme" - Mischungen aus fossilen und nachwachsenden (pflanzlich oder tierisch) Rohstoffen, die kompostierbar sind. Haben diese ökologisches Zukunftspotenzial?

Geßl: Naturprodukte sind Agro-Kunststoffe so oder so nicht. Erfolgt der Anbau der nachwachsenden Rohstoffe unter einer nachhaltigen – im optimalen Fall unter Bedingungen der Biologischen Landwirtschaft, dann kann man eine Ausweitung befürworten.

Die ökologisch-nachhaltige Ausrichtung des aktuellen und ganz im Besonderen des zukünftigen Rohstoffanbaus für die Agro-Kunststoffherstellung bezweifele ich allerdings massiv.

derStandard.at: Interspar bietet neuerdings Konsumenten "Bioplastiksackerl" als Alternative zum petrochemischen Produkt an. Welche Vorteile hat das Biosackerl?

Geßl: Wie schon gesagt: Spar und andere Anwender weisen dem Agro-Kunststoff gute Materialeigenschaften aus. Agro-kunststoffeingepacktes Bio-Gemüse und Bio-Obst bleibt augenscheinlich länger frisch und verkaufbar, ein Vorteil für die KundInnen wie auch für den Supermarkt. Bei den klassischen Tragetaschen bleibt als hauptsächliches Argument, dass das Sackerl nicht ewig in der Gegend herumliegen oder –fliegen kann, sondern auch bei nicht genormten Bedingungen sich relativ rasch ohne Rückstände abbaut.

derStandard.at: Thema Nachhaltigkeit: Gibt es den Vergleich zum Ernergieaufwand in der Herstellung zwischen herkömmlichen Plastiksackerl und Biopolymerprodukt?

Geßl: Ich bin kein Chemiker und kann dazu keine verlässlichen Aussagen treffen. Fakt ist aber, dass die CO2-Bilanz des Agrokunststoffs sicherlich besser ist.

derStandard.at: Soll die Wegwerfgesellschaft ihrer Meinung nach überhaupt unterstützt werden - auch wenn die Produkte "biologisch abbbaubar" sind. Oder sollte nicht eher in den Gedanken der "Langfristigkeit" investiert werden. Wie zum Beispiel Einkaufskorb statt Plastiksackerl?

Geßl: Agro-Kunststoffe hindern mich keineswegs daran mit dem Einkaufskorb zu Fuß zum nächst gelegenen Markt oder Geschäft zu gehen und dort unverpackte Lebensmittel aus regionaler, biologischer Landwirtschaft zu kaufen. Plastikmüll vermeiden wird immer ökologisch sinnvoller sein als zuerst herzustellen und dann verrotten lassen.

  • DI Reinhard Geßl:
 "Wichtig ist zu betonen, dass Bio-Kunststoffe gar nichts mit "Bio" im Sinne von Bio-Landwirtschaft oder Bio-Lebensmitteln zu tun haben."
    foto: bio-austria

    DI Reinhard Geßl:
    "Wichtig ist zu betonen, dass Bio-Kunststoffe gar nichts mit "Bio" im Sinne von Bio-Landwirtschaft oder Bio-Lebensmitteln zu tun haben."

  • Seit Juni 2007 haben Kundinnen und Kunden bei Interspar die Wahl zwischen konventionellen Plastiksackerl und Bio-Sackerln aus nachwachsenden Rohstoffen.
    foto: spar

    Seit Juni 2007 haben Kundinnen und Kunden bei Interspar die Wahl zwischen konventionellen Plastiksackerl und Bio-Sackerln aus nachwachsenden Rohstoffen.

Share if you care.