Ewig lockt der Lärm: Liars

13. September 2007, 19:40
12 Postings

Das australisch-amerikanische Trio unterstreicht mit seinem vierten Album einmal mehr seine Ausnahmestellung

... im Grenzbereich von Pop, Lärm und verführerischer Subversion.


Das Talent zum Lärm wird dem Menschen schon in die Wiege gelegt. Erzieherisch wird dann bald alles versucht, diverses Geschrei, Gefurze und Gebrabbel in Schönklang und Sprache zu transferieren. Ist diese Notwendigkeit dann erledigt, folgen Blockflötenunterricht, Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Chorgesang, und das subversive Element des Lärms äußert sich bald nur noch in nach Entmündigung schreienden Blödheiten wie "Sportauspuff" am Mittelklassewagenarsch, der doof dröhnend dem Weltuntergang zuarbeitet.

An dieser, zugegeben, nicht ganz allgemein gültigen Lärmexorzisums-Legende nahmen jene drei Herren, die sich seit Beginn der Nullerjahre unter dem Namen Liars zum gemeinsamen verwegenen Musizieren treffen, keinen merkbaren Schaden. Im Gegenteil. Angus Andrew, Aaron Hemphill und Julian Gross sind begnadete Lärmartisten. Ausgehend von einem günstigen Trend, der sie zumindest bei Erscheinen ihres Debütalbums They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top (2002) als Postpunk- Revivalisten schnupfte, etablierten sich die Liars in den letzten Jahren zu einer der aufregendsten neuen Bands, die den eher unmodern gewordenen Avantgarde-Gedanken liebe- und lärmvoll pflegen. Ein Ansatz, der in den 80er-Jahren Bands wie Sonic Youth, Swans, Einstürzende Neubauten und vielen anderen mehr nahezu verpflichtend Ausgangspunkt war und tatsächlich innovative Kunst hervorbrachte. In einer Welt, die Musik nur noch als modisches Accessoire betrachtet, das man sich in der Kaffeepause auf den todschick zum Outfit passenden iPod lädt, hat ein derartiger Ansatz natürlich einen schweren Stand.

Dabei produzieren die Liars etwas, das, nach Neil Diamond, als "Beautiful Noise" einzustufen wäre. Begonnen hat das explosive Trio um den Hünen Angus Andrew mit einer wilden Heimsuchung aus kaltem Funk (Gang Of Four) und heißen Rhythmen (ESG, Liquid Liquid), die live mit albernem Aktionismus dargeboten wurde, mit dem sich schon die Butthole Surfers zum Affen gemacht hatten.

Doch schon mit dem zweiten Werk, dem Konzeptalbum They Were Wrong, So We Drowned, wurde klar, dass die Liars nicht auf den Mainstream schielen, keine Franz Ferdinand als Faschingskasperl verkleidet werden würden. Nach Zusammenarbeiten mit ähnlich geneigten Bands wie etwa TV On The Radio folgte das noch experimentellere Drum's Not Dead, auf dem die Band auf Dimension einer Doppel-CD auf dominant-perkussiver Basis Geisterhaus-Mantras zum wahrlich Besten gab. Das nun erschienene titellose Folgewerk, zeigt die Band auf einer weiteren Entwicklungsstufe. Nachdem man mit dem wüsten Opener, Plaster Casts Of Everything, der zu stur repetitiven Riffs, Schlagzeug-Misshandlung und Tödliche-Dosis-Gefiepse aus dem Synthie gepflegten Hard-Rock-Kastrationsangst-Gesang Jahrgang 1975 bietet, satt Einstieg feiert, folgt mit Houseclouds ein Stück Pop, das auch von einem der letzten Beck-Alben stammen könnte: leicht verfremdete Stimme, Funk-Rhythmen mit zarter HipHop-Affinität - ja sogar der Gesang klingt beckisch.

In Folge dieser großartigen Achterbahnfahrt über alle Genregrenzen tauchen quengelnde Gitarren auf, die man aus dem Frühwerk von Sonic Youth oder den Industrieruinen-Soundtracks von Cop Shoot Cop kennt. Oder man macht, wie in Freak Out, einen räudigen Diener vor The Jesus And The Mary Chain: Phil Spector umarmt die Beach Boys in der Blechpresse am Autofriedhof. Das passiert nicht mit plattem Kopistentum, sondern entsteht aus einer Mischung von Verehrung und subversivem Drang. Und was käme da gelegener als der gute alte, der ewige Lärm. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2007)

  • "Liars" (EMI)
    foto: emi

    "Liars" (EMI)

Share if you care.