Geschmacksfrei statt geschmacklos: "Hairspray"

17. September 2007, 12:58
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John Waters' sympa­thische Reminiszenz an Popkultur und Teen-Revolten kommt nun als Hollywood- Hochglanz-Musical auf die Leinwand

John Travolta hat sich dafür Frauenkleider angezogen, aber der Spaß hält sich in Grenzen.


Wien – Im Baltimore der 1960er-Jahre schwärmen tanzbegeisterte Teenager für die Fernsehshow eines Lokalsenders. Höchstes Ziel der hartnäckigsten Fans: ein fixer Platz unter jenen Jugendlichen, die hier live zu den musikalischen Darbietungen die neuesten Modetänze performen. Die freche Tracy Turnblad verliert dabei jedoch nicht die Realität aus den Augen. Der Zugang zu diesem Tanzvergnügen ist nicht für alle gleichermaßen frei. Und so nutzt sie ganz selbstverständlich ihre neu gewonnene Popularität als Teen-Idol und engagiert sich gemeinsam mit ihren Freunden lautstark für die Aufhebung der geltenden Rassentrennung.

John Waters' sympathische Reminiszenz an Popkultur und Teen-Revolte kam 1988 in die Kinos. Seit seiner letzten Regiearbeit, "Polyester", waren sieben Jahre vergangen. Und "Hairspray" knüpfte ohnedies nur bedingt an diese Vergangenheit an. Vielmehr markierte er eine sanfte Hinwendung des Königs der Midnight Movies zu einem etwas breiteren Publikum. Seine Sympathien für Abweichler aller Art blieben dabei ungebrochen. Aber die Schockmomente früherer Filme und die brachiale Komik hatten subtilere Formen angenommen.

Sieht man Waters' Film vor dem Hintergrund von Adam Shankmans aktueller Version von "Hairspray" wieder, dann erkennt man, wie meilenweit weg diese Annäherung an den Mainstream immer noch von einem kalkulierten Starvehikel des Jahres 2007 ist. Zwar wird auch in diesem noch ein politischer Kampf ausgefochten. Viel entscheidender ist allerdings – nicht zuletzt für die Vermarktung des Films – die Frontenbildung, die entlang ästhetischer Normen verläuft.

Erdrückende Last

So war anno 1988 der Umstand, dass die Turnblad-Frauen, Tracy und ihre Mutter Edna, etwas mehr Gewicht auf die Waage bringen als der Durchschnitt, kaum der Rede wert. In Zeiten, in denen man davon ausgeht, dass die Leibesfülle von Teilen der Bevölkerung aufs Bruttosozialprodukt und auf die Budgets der Krankenkassen drückt, fühlt sich aber offensichtlich selbst ein Rückblick auf die 60er-Jahre zu mehr Problembewusstsein verpflichtet. So sorgt sich nun eine von mangelndem Selbstbewusstsein geplagte Mutter Turnblad um das Seelenheil von Tochter Tracy (Nikki Blonsky), die wegen ihres Äußeren angegriffen werden könnte.

Statt des legendären Frauenimpersonators Divine hat man John Travolta publicityträchtig in ein Fatsuit gesteckt. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass hier statt einer grundsätzlich egalitären, antiautoritären und ein wenig anarchischen Lebenseinstellung plötzlich ein eigentümlicher Paternalismus regiert.

Weil der Film sich auch auf das gleichnamige, nach Waters' Film entstandene Broadway-Musical bezieht, sind hier nicht Toussaint McCall, Gene Pitney oder Lesley Gore zu hören, sondern ein durchkomponierter Soundtrack mit neuen Songs, die die Darsteller zum Besten geben. Zweifellos machen Newcomerin Blonsky, Travolta, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken oder Queen Latifah ihre Sache als Profi-Entertainer gut. Allerdings wirkt noch das Dauerlächeln choreografiert und auf Hochglanz poliert.

Das neue "Hairspray" hat also nicht mehr viel mit dem John-Waters-Universum gemein. Der Weg führt vielmehr geradewegs zu jenen Teen-Pics, mit denen schon in den 1950er- und 60er-Jahren eine bereinigte, kommerzielle Version jener (wesentlich schwarzen) Popkultur in die Kinos kam, die für den weißen Mittelstand verstörend wirkte. Und so verhält sich John Travolta zu Divine in etwa so wie Pat Boone oder Eddie Fisher weiland zu Little Richard.

"Hairspray" 1988 – das hatte dann doch auch noch etwas mit der Punk-Attitüde von "Polyester" zu tun. Anno 2007 hat die Synthetik (von Fasern wie von Haarpflegeprodukten) einen ganz anderen Beigeschmack. Oder, was vielleicht noch schwerer wiegt: gar keinen eigenen mehr. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.9.2007)

  • Da freut sich eine(r) über den gesponserten Glitterfummel: Edna Turnblad beziehungsweise John Travolta, gut gepolstert und neu frisiert für Adam Shankmans Musical-Komödie "Hairspray"
    foto: warner

    Da freut sich eine(r) über den gesponserten Glitterfummel: Edna Turnblad beziehungsweise John Travolta, gut gepolstert und neu frisiert für Adam Shankmans Musical-Komödie "Hairspray"

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