"Lehrer, die Demotivation und Desinteresse auslösen"

25. Jänner 2008, 08:24
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Ein Schüler und eine Lehrerin im derStandard.at- Streitgespräch über Schule, Unterricht und Noten aus zwei verschiedenen Blickwinkeln

"Ich bin eindeutig für die Gesamtschule, weil sie die Chancengleichheit wirklich erhöhen würde." Das findet Igor Mitschka, Schüler und Obmann des Vereins Coole Schule. "Ich habe gegenüber der Gesamtschule sehr starke Bedenken". Das sagt Eva Scholik, AHS- Lehrerin, Vorsitzende der AHS-Lehrer in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst und Gründerin der Plattform zur Beibehaltung des differenzierten Schulsystems "schule-bunt". Im derStandard.at-Streitgespräch trafen zwei Welten aufeinander. Dokumentiert von Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Frau Scholik, wenn Sie sich an Ihre Schulzeit zurückerinnern - sind Sie gerne in die Schule gegangen und wer oder was hat Sie am allermeisten gestört?

Scholik: Grundsätzlich bin ich gerne in die Schule gegangen. Damals haben Prüfungen ohne Vorankündigung stattgefunden. Man hat sozusagen jede Stunde am Anfang das Kribbeln gehabt, erwischt es einen heute oder hat man Glück. Das hat mich gestört.

derStandard.at: Und wie ist das bei dir, Igor?

Mitschka: Manchmal gehe ich gerne in die Schule und manchmal nicht. Das hängt natürlich auch davon ab, welche Lehrer man hat. Es gibt LehrerInnen, die versuchen auf unsere Interessen Rücksicht zu nehmen. Andere versuchen das nicht einmal. Bei ihnen freue ich mich nicht auf die Unterrichtsstunden.

derStandard.at: Oft hat man sich als Schüler vielleicht bei der Notengebung unfair behandelt gefühlt. Sollen die Ziffernnoten abgeschafft werden?

Mitschka: Ergänzend zum jetzigen Ziffernnotensystem sollten LehrerInnen eine schriftliche Beurteilung verfassen. Darin soll auf Stärken und Schwächen hingewiesen werden. Ein Schüler oder eine Schülerin sollte bei einer Fünf nicht den Eindruck haben, "ich bin irgendwie ein Trottel, der nichts leisten kann". Im Begleitbrief könnte dann beispielsweise stehen: "Bei der Aussprache bist du schon recht gut, aber bei der Grammatik gibt es noch Schwächen. Die können wir gemeinsam aufholen, wenn du mehr lernst und im Unterricht aktiver mitarbeitest." Für die Motivation der Schülerinnen und Schüler wäre so ein Feedback sehr wichtig.

Scholik: Prinzipiell finde ich die Ziffernnote als Orientierung gut. Es gibt aber Bestrebungen, Noten zu objektivieren. Ich bin daher der Meinung, dass wir für gewisse Schulstufen auch entsprechend standardisierte Leistungsabfragen brauchen. Die Note kommt für den Schüler nicht unbegründet und unvorbereitet. Die Verbalbeurteilung muss ich nicht per Brief machen, sondern ich erledige das mit jedem Schüler persönlich.

Mitschka: Mit dem Schüler kann das auch per Gespräch stattfinden. Aber auch für Eltern ist es wichtig zu sehen, dass das Kind auch seine Stärken hat.

Scholik: Mein Einwand aus der Praxis: Ich unterrichte Geschichte - das ist ein Zwei-Stunden-Fach. Bei einer vollen Lehrverpflichtung hätte ich zehn Klassen mit je 30 Schülern. Bei einer schriftlichen Verbalbeurteilung würden sehr bald Floskeln einfließen.

Mitschka: Da sind dann eben die Lehrer gefordert, keine Floskeln zu verwenden.

derStandard.at: Ein anderes Thema: Soll das Sitzenbleiben abgeschafft werden?

Scholik: Gänzlich abschaffen kann man das Sitzenbleiben nicht, aber man bemüht sich, die Wiederholungsprüfungen zu reduzieren. Das Frühwarnsystem wurde eingeführt. Das führt zu einer Reduktion der Wiederholungsprüfungen, daran müssen wir weiter arbeiten. Manchmal ist es aber so, dass Wiederholen vernünftiger ist als aufzusteigen, wenn nämlich in sehr vielen Gegenständen schwache Leistungen vorliegen.

Mitschka: Alle Schülerinnen und Schüler sollten so gefördert werden, dass sie die Ziele des Schuljahres erreichen. Ist ein Schüler trotzdem zu schwach, sollte man ihn vor die Wahl stellen, entweder freiwillig zu wiederholen oder über die Sommerferien und dann auch im kommenden Schuljahr zusätzliche Kurse zu besuchen. Sitzenbleiben sollte zur Ausnahme werden.

derStandard.at: Momentan eine der aktuellsten Fragen: Wie stehen Sie zur Gesamtschule?

Mitschka: Ich bin eindeutig für die Gesamtschule, weil sie die Chancengleichheit wirklich erhöhen würde. Für die Schaffung von Chancengleichheit muss man zwei Dinge tun: Man muss massiv in Frühförderung investieren und man muss eben diese gemeinsame Schule der 10 bis 14-Jährigen einführen.

Die Trennung mit zehn Jahren passiert nicht auf Basis der Begabungen oder den beruflichen Vorstellungen. Im Alter von zehn Jahren ist das oft noch gar nicht feststellbar. Die Trennung passiert aufgrund des sozialen Hintergrunds. So ein Schulsystem finde ich einfach schlimm.

Scholik: Ich habe gegenüber der Gesamtschule sehr starke Bedenken, deshalb habe ich die Plattform "schule-bunt" gegründet. Wir haben lange Zeit eine Bildungsdiskussion geführt, in der man sich nur auf die 10- bis 14-Jährigen konzentriert hat. Wenn man einen Menschen wirklich grundlegend fördern will, muss man bei der frühkindlichen Förderung ansetzen. Es wäre die Aufgabe eines gut geführten Kindergartens, die sprachlichen Voraussetzungen, aber auch die sozialen und motorischen Voraussetzungen für die Schule zu schaffen. Und man muss sich bewusst machen: die Eltern sind die erste wirklich ganz wichtige Anlaufstelle für ein Kind. Was man in den ersten zwei, drei Jahren bei der Kindererziehung versäumt hat, ist später sehr schwer aufzuholen.

Ich habe auch meine massiven Bedenken gegen eine Gesamtschule, weil ich sehe, dass das System Volksschule nicht so funktioniert, wie man es gerne schönredet. In der Volksschule wird sehr individuell gearbeitet und wir haben dort die geringsten Schülerzahlen. Und trotzdem funktioniert das System nicht. Manche Kinder verlassen die Volksschule ohne lesen, schreiben und rechnen zu können. Nicht weil die LehrerInnen schlechte Arbeit leisten, sondern weil sich die Begabungen sehr auseinander entwickeln.

Mitschka: Ich kenne Volksschulen, in denen 20, 25 , teilweise auch 28 Kinder in der Klasse sitzen. Da ist eine innere Differenzierung einfach kaum möglich, auch, weil die LehrerInnen nicht ausreichend ausgebildet sind. Mit den entsprechenden Rahmenbedingungen kann die gemeinsame Schule zu einem wirklich tollen Schulsystem werden, ähnlich wie in Finnland. In Finnland werden die Schwächeren und Stärkeren gefördert. Als ich in die Volksschule ging, gab es einige Kinder, die nicht so gut Deutsch konnten. Ich habe versucht, ihnen die Dinge zu erklären. Davon habe auch ich profitiert.

Scholik: Das finnische Schulsystem hat eine andere Struktur: es hat sehr viele Kleinschulen, die sind bei uns ein Problem, weil sie sehr viel kosten. Ich hätte auch gern, dass man erkennt, dass eine Entscheidung mit zehn Jahren nur eine Entscheidung über den momentanen Leistungsstand des Kindes ist, das ist keine endgültige Entscheidung. Wir haben ein durchlässiges Schulsystem, wir haben die Möglichkeit, dass jeder Hauptschüler sowie jeder AHS-Schüler nach der vierten Klasse die Schulform wechselt. Die große Wahlmöglichkei wurde sogar extra im OECD-Bericht hervorgehoben.

Mitschka: Ich kenne den neuesten OECD-Bericht. Der sagt ganz eindeutig, dass eine frühe Selektion zu Chancenungleichheit führt. Wenn ein Kind in die AHS-Unterstufe geht, stehen ihm nach vier Jahren alle Tore für die weitere Schullaufbahn offen. Wenn ein Kind in die Hauptschule geht, ist das in der Theorie so, aber nicht in der Praxis. Gerade Kindern aus sozial schwächeren Familien wird hiermit die Möglichkeit auf eine höhere Bildung verwehrt.

Scholik: Dass die Hauptschule in Wien nicht so gut funktioniert wie an anderen Standorten, ist ein Problem, das wir erkannt haben. Daran muss man zweifellos etwas ändern. Das grundsätzliche Problem ist, dass wir bildungsnahe und bildungsferne Eltern und Familien haben. Wenn man merkt, dass die Eltern ein Kind nicht entsprechend beraten können, muss das jemand anderer übernehmen. Etwa ein Bildungscoach, also ein Pädagoge, der das Kind individuell in Hinblick auf seine Schullaufbahn berät. Es macht für mich wenig Sinn, alle Kinder in eine Klasse zu stecken und dann wieder auseinanderzuklauben.

Mitschka: Ein Bildungscoach kann bei einem Kind im Alter von zehn Jahren auch keine richtige Entscheidung treffen, weil die Begabungen und die beruflichen Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt kaum feststehen.

derStandard.at: Kommen wir zum Thema Schulpartnerschaft - Sollen SchülerInnen mehr mitbestimmen dürfen?

Mitschka: Ja, etwa was die Unterrichtsmethoden und die Inhalte des Erweiterungsstoffs betrifft.

Scholik: Beim Erweiterungsstoff kann man Schülerinteressen in den Unterricht einfließen lassen. Für eine Mitbestimmung bin ich nur sehr eingeschränkt. Es kann nicht jemand etwas bestimmen, der dann keine Verantwortung dafür trägt. Ich bin offen dafür, dass man darüber spricht, wo Schwerpunkte gesetzt werden, aber letztendlich muss die Entscheidung beim Lehrer liegen.

Mitschka: Mitbestimmung heißt ja nicht Alleinbestimmung. Aber es gibt immer noch viele Lehrer, die z.B. im Unterricht vom Buch ablesen und mit der Art ihres Unterrichts Demotivation und Desinteresse auslösen.

derStandard.at: Die Unterrichtsministerin möchte sich unter anderem dafür einsetzen, das Image der Lehrer zu verbessern. Ist das Image der Lehrer wirklich so schlecht?

Mitschka: Einerseits wird schon gesehen, dass es Lehrer gibt, die versuchen die Kinder zu fördern und sich bemühen. Andererseits wird auch wahrgenommen, dass es Lehrer gibt, die das eben nicht einmal versuchen. Daher finde ich: Man kann nicht so eindeutig sagen, ob das Image der Lehrerinnen und Lehrer gut oder schlecht ist.

Scholik: Das kann ich bestätigen. Umfrageergebnisse zeigen, dass die Lehrer bei den Imagewerten durchaus gute Positionen haben. Natürlich gibt es einige wenige, die diesen Vorstellungen nicht entsprechen, wie in jedem Beruf. Ich habe leider die Erfahrung machen müssen, dass das Negative viel stärker in der Erinnerung hängen bleibt, als die positiven Ereignisse. In Summe glaube ich, sind wir auf einem guten Weg. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 11.9.2007)

Zur Person

Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Lehrer in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst ist Initiatorin der Plattform "schule-bunt". Außerdem unterrichtet sie Geschichte an einer AHS.

Igor Mitschka ist Obmann des Vereins Coole Schule. Außerdem ist er Schüler einer AHS.

  • Eva Scholik, AHS-Lehrerin und Igor Mitschka, AHS-Schüler im derStandard.at-Streitgespräch.
    foto: derstandard.at/weber

    Eva Scholik, AHS-Lehrerin und Igor Mitschka, AHS-Schüler im derStandard.at-Streitgespräch.

  • "Die Trennung passiert aufgrund des sozialen Hintergrunds.
So ein Schulsystem finde ich einfach schlimm", argumentiert Igor Mitschka für die Gesamtschule. Geht es nach Mitschka, sollen SchülerInnen mehr Mitspracherechte haben, das Sitzenbleiben sollte zur Ausnahme werden.
    foto: derstandard.at/weber

    "Die Trennung passiert aufgrund des sozialen Hintergrunds. So ein Schulsystem finde ich einfach schlimm", argumentiert Igor Mitschka für die Gesamtschule. Geht es nach Mitschka, sollen SchülerInnen mehr Mitspracherechte haben, das Sitzenbleiben sollte zur Ausnahme werden.

  • "Lehrer empfinden die Arbeit in sehr heterogenen Klassen als 
sehr belastend. Man muss auf die  Belastungen der Lehrer Rücksicht nehmen", sagt Eva Scholik. Im Streitgespräch äußert sie "massive Bedenken gegen eine Gesamtschule". "Wir haben ein durchlässiges Schulsystem", jeder Hauptschüler könne nach der vierten Klasse die Schulform wechseln, ist Scholik überzeugt.
    foto: derstandard.at/weber

    "Lehrer empfinden die Arbeit in sehr heterogenen Klassen als sehr belastend. Man muss auf die Belastungen der Lehrer Rücksicht nehmen", sagt Eva Scholik. Im Streitgespräch äußert sie "massive Bedenken gegen eine Gesamtschule". "Wir haben ein durchlässiges Schulsystem", jeder Hauptschüler könne nach der vierten Klasse die Schulform wechseln, ist Scholik überzeugt.

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