Bald wieder auf "180"

11. September 2007, 16:22
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Hunderte Mails, ein Termin nach dem ande­ren - Mit der Erholung ist es nach dem Urlaub oft schnell vorbei - Wie sie erhalten werden kann, weiß Christoph Eichhorn im Interview

Erholung bedeutet Zeit für sich selber, Abwechslung vom Alltag und Abschied nehmen von unerreichbaren Zielen, meint der Schweizer Diplom-Psychologe Christoph Eichhorn. Nicht unwesentlich ist freilich der Gemütszustand im Arbeitsleben. Verfolgen einen negative Emotionen bis in den Urlaub, ist der Erholungsfaktor gering. Der Autor verrät derStandard.at/Gesundheit, wie man sich die Erholung aus dem Urlaub im Alltag erhalten kann.

derStandard.at: Wie kann man sich den Erholungseffekt nach dem Urlaub noch einige Zeit erhalten?

Eichhorn: Die Minimalvariante ist, sich ein Bild des Schönen zu machen, auch mental. der Psychologe Martin Seligman hat gesagt: "Wir sind viel mehr unsere Erinnerungen, als die Summe unserer Erfahrungen." Das können wir ein Stück weit selbst beeinflussen, in schlechten Momenten von der schönen Erinnerung zehren.

derStandard.at: Was kann man außerdem tun?

Eichhorn: Die intensive Variante ist, etwas in seinem Leben zu ändern. Laut einer Umfrage schätzen die meisten Menschen zwei Dinge am Urlaub ganz besonders: Erstens, ungeplante Zeit zur eigenen Verfügung haben und zweitens Abwechslung vom Alltag. Ich empfehle feste Zeiten für Dinge, die angenehm sind, bei denen man sich entspannt, loslassen kann, die Zeit vergisst. Das muss man oft auch fix einplanen.

Zweitens: Abwechslung vom Alltag schaffen, denn Glück ist ein Kontrasterlebnis. Das Leben genießen: Kleine Glücksgefühle im Hier und Jetzt: Lächeln des Kollegen, ein Sonnenbad, ein Stück Schokolade, Duft von Rosen, nichts tun. Zufriedene Menschen sagen: "Es sind die kleinen Freuden, die das Leben lebenswert machen".

derStandard.at: Wie verhindert man, dass sich nach dem Urlaub sofort wieder Stress einstellt?

Eichhorn: Das kommt natürlich auf die Tätigkeit und die damit verbundene Belastung an. Aber viele müssen zuerst ihre Mail-Post aufarbeiten – dafür sollte man natürlich etwas Zeit einplanen. Generell ist es wichtig darauf zu schauen, was einen in der Arbeit belastet. Laut einer Studie gibt es fünf Hauptbelastungsfaktoren.

derStandard.at: Welche fünf Faktoren sind das?

Eichhorn: Erstens der Termin- und Zeitdruck: Vor allem dann, wenn man spürt, dass die eigene Arbeit darunter leidet, man die selbst gestellten Qualitätsansprüche nicht einhalten kann. Zweitens geringe Anerkennung und Wertschätzung. Man sollte versuchen seine eigenen Werte im Beruf zu verwirklichen, unabhängig davon, wie viel Anerkennung es dafür gibt, oder sich außerhalb des Berufs Anerkennung suchen.

Ein geringer Entscheidungsspielraum bei der Ausführung der gestellten Anforderungen ist der dritte Belastungsfaktor. Die in der Hierarchie tiefer Stehenden erleben deshalb bei der Arbeit meist mehr Stress, sind häufiger krank und haben eine niedrigere Lebenserwartung.

Der schwierigste Punkt sind aber Konflikte, vor allem mit Vorgesetzten. Nicht zuletzt sollte man dauernde Störungen und Unterbrechungen vermeiden, zum Beispiel nicht immer sofort auf jede E-Mail reagieren.

derStandard.at: Im Urlaub denkt man auch häufig über die Arbeit nach – ist das positiv oder negativ?

Eichhorn: Schlecht ist es, wenn man negativ über die eigene Arbeit denkt. Eine Studie des Gallup Instituts in Deutschland hat ergeben, dass die emotionale Einstellung von über 50 Prozent der Menschen zu ihrer Arbeit negativ ist. Da ist natürlich ein zusätzlicher Stressfaktor und wenn man dann noch im Urlaub darüber nachdenkt, ist das noch einmal ungünstiger.

derStandard.at: Ihr Fazit lautet also: Der ganze Urlaub nützt wenig, wenn man in der Arbeit ganz und gar unzufrieden ist.

Eichhorn: Genau. Laut einer israelischen Studie sind viele schon wieder am ersten Tag nach dem Urlaub gestresst, die Stresswerte im Blut sind nach ein paar Tagen schon wieder oben.

derStandard.at: Was sind die wichtigsten Zusammenhänge zwischen Belastung und Erholung?

Eichhorn: Je länger und stärker die Belastung, umso länger dauert die Erholung um wieder fit in die nächste Belastungsphase hineingehen zu können. Belastung addiert sich auch auf: in der Freizeitphase erholen wir uns nicht ausreichend, dann treten wir die nächste Arbeitsphase vorbelastet an und sind schneller am Limit. Dann brauchen wir wieder länger, um uns zu erholen. So entsteht ein riskanter Kreislauf.

derStandard.at: Wie unterscheiden sich körperliche und geistige Anstrengung?

Eichhorn: Unser Organismus reagiert auf die geistig-psychische Be- und Überlastung, die für unser heutiges Berufsleben charakteristisch ist, anders als auf körperliche. Nach einer Bergwanderung sind wir innerlich entspannt und ausgeruht, aber körperlich müde. Nach geistig-psychischer Überlastung fühlen wir uns erstens innerlich überdreht, angespannt und zweitens energie- und lustlos.

Genau deshalb bleiben wir dann am Abend vor dem Fernseher hängen. Man weiß aber, dass solche "low effort" Aktivitäten die Erholung nicht unbedingt fördern. Erholung erfordert auch ein Stück weit Disziplin, man muss herausfinden, welche Aktivitäten für einen selbst passen.

derStandard.at: Wie vermeidet man Alltagsstress?

Eichhorn: Ein Teil ist selbst gemachter Stress, das ist der schädlichste: immer mehr wollen – höher, schneller, weiter mehr, haben, haben, haben, sich vergleichen mit anderen … und wir fühlen uns dabei immer schlechter. Was hilft ist Dankbarkeit im Sinne der positiven Psychologie, sie macht innerlich zufriedener und löst positive Gefühle aus. Nicht günstig ist es Glück an besondere Ereignisse binden, wie Lottogewinn, Traummann finden usw. – über Bord mit unrealistischen Illusionen.

derStandard.at: Wann sollten die Alarmglocken schrillen, wann sollte man einen Schritt zurück machen?

Eichhorn: Extrem gefährlich ist es, wenn schon körperliche Symptome über einen längeren Zeitraum zu beobachten sind. Es gibt aber keine speziellen Symptome, die auf Stressüberlastung zurückzuführen sind. Was es sein kann: Kopfschmerzen, Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen, Magen-Darm-Probleme, Frösteln, Herzstolpern, Atem-, Schlafprobleme über längere Zeit – das sind massive Warnzeichen. Aber es gibt auch schon welche vorher: man kann sich nicht mehr richtig konzentrieren, ist vergesslicher, hat zu nichts mehr Lust.

derStandard.at: Was bedeutet für Sie Erholung, beziehungsweise was ist Erholung?

Eichhorn: Für mich ist das ein interessantes Gespräch mit Freunden, ein spannendes Buch lesen, ein Kurzurlaub, Sport oder ein gemütlicher Kino-Abend. Subjektiv gesehen fühlt man sich entspannt und ausgeglichen – und hat gleichzeitig Energie interessante Dinge und Aufgaben in Angriff zu nehmen. Ist man hingegen überlastet, fühlt man sich innerlich überdreht und angespannt – hat zu nichts Lust und keine Energie. Wissenschaftlich kann man heute mit moderner Technik messen, ob jemand gestresst ist, die entsprechenden Stresswerte im Blut sind dann erhöht. (Marietta Türk, derStandard.at, 5.9.2007)

  • Zur Person
Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe, Supervisor und approbierter Psychologischer Psychotherapeut in der Schweiz. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Gesundheitspsychologie und Erholungsforschung. Er arbeitet auch an der Schul- und Erziehungsberatungsstelle im Kanton Graubünden und als Self-Coaching-Trainer. Von ihm sind mehrere Veröffentlichungen erschienen. 
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    foto: eichhorn

    Zur Person
    Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe, Supervisor und approbierter Psychologischer Psychotherapeut in der Schweiz. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Gesundheitspsychologie und Erholungsforschung. Er arbeitet auch an der Schul- und Erziehungsberatungsstelle im Kanton Graubünden und als Self-Coaching-Trainer. Von ihm sind mehrere Veröffentlichungen erschienen.

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