Fahndung nach zehn weiteren Verdächtigen

8. September 2007, 15:39
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Suche im In- und Ausland - Staatssekretär: "Gefahren durch das Internet" - Drei Verdächtige verhaftet

Berlin - Im Zusammenhang mit den jüngsten vereitelten Terror-Anschlägen in Deutschland wird laut Bundesinnenministerium noch nach etwa zehn Verdächtigen gefahndet. Das bestätigte der Staatssekretär im Innenministerium, August Hanning, am Donnerstag im ARD- "Morgenmagazin". Die gesuchten Islamisten befänden sich "in Deutschland, zum Teil auch im Ausland", es handle sich um Deutsche, Türken und andere Nationalitäten.

Nach dem Fahndungserfolg gehe aber "von dieser konkreten Zelle keine Gefahr mehr aus", sagte Hanning. Jedoch sei die Gefahr nicht gebannt. "Es bleibt der Auftrag, in Deutschland Anschläge durchzuführen, und dieser Auftrag beunruhigt uns." Der Staatssekretär betonte, auch der vereitelte Terroranschlag weise auf Gefahren durch das Internet hin. Über das Internet werde in der Islamistenszene "indoktriniert und kommuniziert".

Islamisten-Anschläge vereitelt

Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 hatten die deutschen Sicherheitsbehörden Bombenattentate auf US-Bürger in Deutschland vereitelt.

„Das ist ein guter Tag für die Sicherheit in unserem Lande.“ Als der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Mittwochmittag in Berlin vor die Presse tritt, ist er sichtlich erleichtert. Denn: „Die Dimension der Anschläge wäre erheblich gewesen.“ Näher möchte sich Schäuble gar nicht äußern. Deutlicher wird der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke: „Das Sprengmaterial hätte ausgereicht, um Bomben mit einer höheren Sprengkraft als bei den Anschlägen in Madrid und London zu bauen. Ziel ist eine möglichst hohe Zahl an Opfern in Deutschland gewesen.“ Und Generalbundesanwältin Monika Harms spricht von „massiven Bombenanschlägen“, die man verhindern habe können.

Zu verdanken ist dies einem Einsatz, an dem 300 Polizisten beteiligt waren und dessen Fokus im idyllischen Hochsauerland (Nordrhein-Westfalen) lag. Dort, im Örtchen Oberschledorn mit seinen 8131 Einwohnern, hatten die Verdächtigen am 17. August eine Ferienwohnung gemietet. Zwei Wochen später, am 2. September, begannen sie mit der Herstellung von Sprengstoff – wofür man sich zuvor im Raum Hannover eingedeckt hatte: Mit zwölf Fässern mit insgesamt 730 Kilogramm 35-prozentiger Wasserstoffperoxidlösung.

Für die Bevölkerung hat laut Harms zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden. Denn die Verdächtigen waren seit Ende 2006 im Visier der Ermittler. Auffällig geworden waren die Männer zu Silvester, als sie mit einem Auto um eine US-Kaserne in Hanau herumfuhren. Seither blieben sie nicht mehr unbeobachtet, und der Polizei gelang es zuletzt sogar, den gefährlichen Stoff in den Fässern unbemerkt durch eine verdünnte Lösung zu ersetzen. Am Dienstagnachmittag entschloss sich die Polizei zum Zugriff, wobei eine Panne passierte: Einer der drei Männer konnte einem Polizisten die Pistole entreißen. Ein Schuss löste sich und verletzte den Beamten leicht. Nach den Festnahmen durchsuchte die Polizei noch 41 weitere Objekte in mehreren deutschen Bundesländern.

”Hochprofessionelle” Bombenbauer

Im Gegensatz zu den „Kofferbombern“, die im Vorjahr in Nordrhein-Westfalen Anschläge auf Regionalzüge geplant hatten, waren die jetzt Festgenommenen laut Schäuble hochprofessionell: „Sie wussten, dass sie den Behörden aufgefallen waren und haben trotzdem mit ihren Anschlagsvorbereitungen fortgefahren.“ Mittlerweile sind die drei Männer dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorgeführt worden, er hat gegen alle drei Haftbefehle erlassen. In Ermittlerkreisen heißt es, dass der Zeitpunkt des geplanten Bombenbaus mit dem nahenden sechsten Jahrestags des 11. September 2001 zu tun gehabt haben könnte – aber auch mit der im Herbst anstehenden Verlängerung des Afghanistan-Mandats für die deutsche Bundeswehr durch den Bundestag.

Froh über den Ermittlungserfolg ist man auch im Ausland. US-Präsident George W. Bush lobte die deutschen Behörden und die internationale Zusammenarbeit. EU-Justizkommissar Franco Frattini sprach von einem „fantastischen Ergebnis. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel fordert als Konsequenz umfangreiche Befugnisse für die Sicherheitsbehörden. Man müsse den zuständigen Behörden „auch alle Möglichkeiten“ geben, um Aufklärung zu betreiben. Merkel ist wie Schäuble für Online-Durchsuchungen, bisher widersetzt sich aber die SPD. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2007/APA/dpa)

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    Einer der drei verdächtigen und verhafteten Männer wird von GSG-9-Männern abgeführt. Hunderte Kilogramm Chemikalien, Zünder, elektrische Teile wurden sichergestellt.

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    Einsatz in Oberschledorn: Dorthin hatten sich die Verdächtigen zum Bombenbau zurückgezogen.

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