Kunde, König, Chefentwickler

4. September 2007, 21:14
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User-driven Innovation: Hinter dieser Wortkreation steckt nichts anderes als die Verwirklichung eines alten Usertraums

Routinierten Fachkräften wird die Sache vielleicht seltsam erscheinen. In hermetisch von der Konkurrenz abgeriegelten Labors brüten sie an neuen Entwicklungen, die sich im Geschäft als Cashcow bewähren sollen. Dann schlägt ganz plötzlich die Stunde der ganz normalen Käufers. Der sonst nur als Umsatzankurbler betrachtete Verbraucher wird jetzt zum Mitgestalter zündender Ideen - das Konzept dahinter trägt die eindrucksvolle Bezeichnung User-driven Innovation.

Was sich grundsätzlich vernünftig anhört: Die Schreibtischstrategen des jeweiligen Herstellers von Waren und Services rücken ein wenig in den Hintergrund, neue Ansätze, Einfälle oder Lösungen liefert die praxisnahe Basis. "Benutzer wissen aufgrund des Gebrauchs meist mehr über ein Produkt als der Hersteller selbst", meint Markus Murtinger, Senior Consultant des Beratungsunternehmens Usecon. "Viele Waren werden anders verwendet, als es die Firma vorgesehen hat. Kunden setzen sich mit Produkten mehr auseinander, es entstehen neue Ideen."

Damit erhält der Kunde ungeahnte Möglichkeiten: Wer sich früher nur aufregen konnte, dass er vor dem Öffnen des Joghurts einen kleinen Geschicklichkeitskurs absolvieren musste oder bei der Installation der Software psychiatrische Hilfe benötigte, kann den Machern vorbeugend auf die Finger klopfen. Denn die nutzergetriebene Glückseligkeit sieht im Idealfall vor, dass die Zielgruppe in jeder Entwicklungsphase etwas zu sagen hat: von der Idee über Gestaltung bis hin zur Markteinführung.

Das so genannte User-centred Design macht also Kunden offenbar endgültig zum König. Die Usecon-Experten bieten in der Analysephase jenes benutzerzentrierten Designs ihren Idea-Generation-Workshop zur Erhebung von Anforderungen künftiger Käufer an. Dabei können besonders smarte Menschen in Kleingruppen sämtliche Gehirnzellen strapazieren. Sie müssen zu den Aufgaben Skizzen, Konzepte oder Beschreibungen erstellen, gedacht als Fundament für weitere Schritte.

Bei der Entwicklung des Best-Gaming-Technology-Wettautomaten stellte Usecon im Workshop die Frage "Was will die Zielgruppe und wie sollten die Funktionen aussehen?". In Zusammenarbeit mit Experten aus ähnlichen Bereichen kristallisierten sich Anforderungen, Serviceideen und Szenarien heraus. Das Ergebnis lautete BGT.live, das weltweit erste Sportwettterminal mit integriertem TV-Bild von Live-Events und Zwei-Bildschirm-Lösung, bei der beide Screens vom User klickbar sind. Eine weitere Möglichkeit, um den IQ-Tank markterprobter Personen anzuzapfen: Fragebögen in Form von Ideenwettbewerben.

Zusätzlich können schlaue Köpfe auch online nach dem großen Coup suchen. Mitteilungsfreudige Charaktere hinterlassen in Foren oder Communitys immer wieder Anregungen sowie Inspirationen oder versuchen sich als Amateur-Trendsetter. Murtinger: "Bei all diesen Möglichkeiten darf man nicht auf das Expertenwissen vergessen. Jede Benutzeridee ist ein Rohdiamant, der mittels Know-how erst einmal geschliffen werden muss."

Allmächtig ist der Konsument also doch nicht in seiner Rolle als Teilzeitentwickler, der Betrieben vielleicht Geld spart für das Engagement eines Profis oder für Marktforschung. Denn manche Themen sind durchaus knifflig und kaum im Konferenzraum zu lösen. Eine Telekom-Firma wollte wissen, was und wie der Kunde im trauten Heim elektronisch lenken will. Resultat: Neben Komfortleistungen wie Rollläden-Steuerung stehen Sicherheitsaspekte an erster Stelle - am liebsten gesteuert mit einem zentralen Element über den Fernseher, die Hardware außer Sichtweite im Keller versteckt und als Zusatz noch eine mobile Lösung.

Knallhartes geschäftliches Kalkül

Mit solchen Erkenntnissen gerüstet schlafen manche Produktmanager vor der Jahresbilanz oft besser. Sofern sie die Sache nicht als nette Spielwiese für ein paar Freaks abtun. Denn User-driven Innovation ist sicher keine Einrichtung leutseliger Konzernlenker, sondern knallhartes geschäftliches Kalkül. "Die Gefahr, am Markt vorbei zu entwickeln, wird reduziert, die Floprate bei Neueinführungen sinkt drastisch, was Kosten

spart. Weiters erhält jedes Unternehmen konkrete Impulse, die intern vielleicht nie aufgetaucht wären. Somit können bestehende Produkte verbessert oder völlig neue Güter generiert werden", erläutert Murtinger.

Web 2.0 kommt da gerade richtig, denn im Mitmach-Internet finden sich jede Menge Surfer, die jede Menge Infos verbreiten wollen. Sofern die Chefetage nicht schläft, finden sich in Blogs und Co Diskussionen über Probleme oder Lösungen für Produkte, von denen manche Hersteller gar nicht zu träumen wagen. So sollen schon Produktverantwortliche wirksame neue Funktionen für ihre Software auf einer Site gefunden haben - es war aber keineswegs die Homepage der eigenen Firma. (Christian Prenger/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2007)

  • Statt sich zu ärgern, darf der User nun bei der Produktentwicklung mitgestalten.
    fotos: der standard/cuhaj; bildbearbeitung: beigelbeck

    Statt sich zu ärgern, darf der User nun bei der Produktentwicklung mitgestalten.

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