Maß nehmen mit "Eiweiß-Soziologie"

4. September 2007, 20:35
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Giulio Superti-Furga, Direktor des Zentrums für Molekulare Medizin, plädiert im STANDARD-Interview für eine individuellere Medizin

Giulio Superti-Furga, Direktor des Zentrums für Molekulare Medizin, hält ein Plädoyer für eine individuellere Medizin. Eine Analyse soll zeigen, welches Medikament bei einer bestimmten Krankheit wirkt. Birgit Dalheimer sprach mit ihm.

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STANDARD: Mit der Entzifferung des menschlichen Erbguts im Jahr 2001 wurde uns die bevorstehende medizinische Revolution angekündigt. Noch merkt man davon nicht allzu viel.

Superti-Furga: Ja, allerdings glaube ich, dass das zu einem Gutteil daran liegt, dass man Revolutionen in der Wissenschaft oft nicht als solche wahrnimmt, solange sie im Gang sind. Was in den letzten Jahren möglich geworden ist, ist aber revolutionär.

STANDARD: Was sind die entscheidenden Veränderungen im "postgenomischen Zeitalter" für die Entwicklung von Medikamenten?

Superti-Furga: Bis jetzt nutzen wir für die Therapie nur einen Bruchteil der möglichen Angriffspunkte für Medikamente in der Zelle. Mit modernen Methoden können wir heute aber tatsächlich alle theoretisch möglichen Angriffspunkte - Eiweiße, also Proteine, Gene oder Stoffwechselprodukte wie Fettsäuren oder Zucker - charakterisieren.

So können wir auch viel präziser untersuchen, wie und wo ein Medikament angreift, welche zusätzlichen Reaktionen und damit unerwünschten Nebenwirkungen es auslöst. Solche ganzheitlichen Untersuchungen wären noch vor fünf Jahren völlig unmöglich gewesen.

STANDARD: Wir reden von ungefähr 25.000 Genen im menschlichen Genom und noch viel mehr Proteinen und Stoffwechselprodukten - das kann eine Forscherin oder ein Forscher ja unmöglich überblicken. Was bedeutet das für den Forschungsalltag, wie sieht heute das Verhältnis von Laborarbeit und Computeranalysen aus?

Superti-Furga: Dieses Verhältnis hat sich tatsächlich in den letzten Jahren sehr stark verändert. Früher haben wir uns am Abend im Labor vielleicht eine halbe Stunde vor den Computer gesetzt, um die Ergebnisse des Tages zu protokollieren. Inzwischen dreht sich dieses Verhältnis immer mehr um. In meinem Institut haben die Leute keinen eigenen Laborplatz mehr. Dafür hat jede und jeder einen eigenen Schreibtisch mit Computer - was früher völlig unüblich war - und verbringt dort zumindest die Hälfte der Zeit.

Auch das Bild des Forschers im weißen Mantel stimmt damit immer weniger. Sie können heute bahnbrechende Erkenntnisse erlangen, für die Sie nur einen Computer und eine Internetverbindung brauchen. DNA-Sequenzen, Proteine, Strukturen - all das kann man heute von zu Hause in einer Vielzahl von öffentlich zugänglichen Datenbanken recherchieren, und daraus interessante, wissenschaftlich relevante Erkenntnisse ableiten.

STANDARD: Ihr Team vereint nicht nur beide Arbeitsmethoden, sondern arbeitet auch eng mit der Klinik und medizinischen Universitäten zusammen.

Superti-Furga: Ja, wir leben in all unseren Projekten von dieser Symbiose mit medizinisch und klinisch ausgerichteten Labors. Nur ein Beispiel: Es gibt viele Labors weltweit, die die vielen verschiedenen Faktoren der angeborenen Immunität beforschen. Wir am Zentrum für Molekulare Medizin (CEMM) versuchen nun, Licht in die Vernetzung der verschiedenen beteiligten Proteine zu bringen. Wir sind sozusagen "Eiweiß-Soziologen" - wir wissen, dass für biologische Prozesse nie ein einzelnes Protein, sondern immer ein Netzwerk verantwortlich ist, und die Wechselwirkungen und "Regeln" in diesem Proteinverband schauen wir uns genau an.

STANDARD: Wie kommt man von den Detailanalysen zu einer "individuellen Medizin"?

Superti-Furga: Wir können diese Untersuchungen für die Zelltypen verschiedener Gewebe und verschiedener Patienten machen. Damit lässt sich dann im Idealfall abschätzen, ob ein Medikament bei einer bestimmten Personengruppe wirken kann.

STANDARD: Das klingt zwar alles sehr viel versprechend - auffallend mehr wirksame Medikamente scheint es aber trotz all dieser Bemühungen nicht zu geben.

Superti-Furga: Das stimmt, und das steht natürlich im krassen Widerspruch zu dem vielen Geld, das sowohl von öffentlicher Hand als auch von den Pharmafirmen für die Forschung ausgegeben wird. Ich glaube aber, das ist nur eine Frage der Zeit - wir werden die Effekte dieser Revolution in etwa zehn Jahren sehen. Bis dahin, denke ich, haben wir die Mehrheit der möglichen Angriffspunkte für Medikamente identifiziert und auch die entsprechenden Mittel entwickelt.

STANDARD: Das heißt also, eines Tages werden wir zum Arzt gehen, der analysiert unser genetisches Profil und kann auch gleich sagen, welches von vielen verschiedenen Medikamenten für eine Krankheit bei uns wirkt und mit welchen Nebenwirkungen wir zu rechnen haben?

Superti-Furga: Ja, vielleicht sind diese zehn Jahre ja ein bisschen optimistisch, aber ich denke, bis dahin werden wir die Information, die uns zur Verfügung steht, nämlich die unseres Genoms, schon nützen. Natürlich ist das mit vielen gesellschaftlichen Fragen verbunden, wie zum Beispiel, wer Zugang zu den Daten hat, wie Menschen ohne entsprechende Bildung entscheiden, welche Informationen aus ihrer DNA gelesen werden sollen, ... aber ich halte es für undenkbar, dass wir prinzipiell darauf verzichten, diese Information zu nutzen, weil wir in der DNA nicht nur lesen werden, ob es bestimmte Medikamente gibt, die uns nützen können, sondern auch, ob wir durch bestimmte Lebensstiländerungen unser Risiko zu erkranken eindämmen können.

STANDARD: Es liegt in der Natur der Sache, dass maßgeschneiderte Medikamente selbstverständlich nicht mehr bei allen Menschen, die an einer bestimmten Krankheit leiden, wirken werden. Müssten die Regeln zur Zulassung und Verschreibung neuer Medikamente nicht diesem Umstand angepasst werden?

Superti-Furga: Teilweise ist das schon mit den bestehenden Regelungen möglich: Würde ich heute herausfinden, dass alle Patienten mit einer bestimmtem genetischen Konstellation für ein Medikament empfänglich sind, dann kann ich diese Patienten auch gezielt für klinische Studien aussuchen. Dann ist das Medikament eben nur für diese Zielgruppe, die man günstig und einfach anhand eines Tests identifizieren können muss, zugelassen. Das ist heute schon möglich - ist aber wirtschaftlich natürlich nicht so interessant.

STANDARD: Sehen Sie daher eine Notwendigkeit für Gesetzesänderungen bei der Medikamentenzulassung?

Superti-Furga: Ich denke, darüber sollte man beim Thema Sicherheit von Medikamenten sprechen. Wenn ich ein Medikament schlucken will, das einmal in 1000 Fällen unerwünschte Nebenwirkungen hat, dann ist das heute nicht zugelassen. Das hat natürlich viele gute Gründe - aber ließen sich andere Regelungen finden, wenn sich zeigt, dass diese Medikamente für manche Menschen doch deutliche Heilung bringen könnten? Ich würde behaupten, dass es jetzt in den Pharmafirmen hunderte solcher Medikamente gibt, die aber nicht weiterentwickelt werden, weil sie nicht allgemein wirksam wären.

Diese Mittel könnten jedoch ein wichtiger Beitrag zu einer individuellen Medizin sein. Die große Frage der Zukunft lautet für mich allerdings: Wie werden wir die medizinische Revolution, die bereits im Gange ist, wirtschaftlich so umsetzen können, dass sie für wirklich alle Menschen zugänglich ist? (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2007)

Zur Person

Giulio Superti-Furga (45) ist seit Jänner 2005 Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Bisherige Stationen der wissenschaftlichen Laufbahn des gebürtigen Italieners: Studium an der Universität Zürich, am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien und bei der Firma Genentech.

Danach 14 Jahre Forschung am European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg; 2000 gründete er in Heidelberg das Biotech-Unternehmen Cellzome, dessen Geschäftsführer er bis 2005 war. Seit 2005 lebt er mit seiner Familie in Wien. (bd)

Birgit Dalheimer ist Wissenschaftsredakteurin des Radiosenders Ö1.

Link
www.cemm.oeaw.ac.at

  • Der Wissenschafter Giulio Superti-Furga blickt in eine hoffnungsvolle medizinische Zukunft. Die große Frage sei nur, wie man die Errungenschaften der Forschung wirklich allen Menschen zugänglich machen kann.
    foto: der standard/corn

    Der Wissenschafter Giulio Superti-Furga blickt in eine hoffnungsvolle medizinische Zukunft. Die große Frage sei nur, wie man die Errungenschaften der Forschung wirklich allen Menschen zugänglich machen kann.

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