Gasspeicher im Treibhaus

4. September 2007, 20:15
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Obwohl Bäume allein sicher nicht die Treibhausgase reduzieren können, tragen sie einen Teil dazu bei - Wieviel genau, darüber wird noch diskutiert

Wälder sind Kohlenstoffsenken. Obwohl Bäume allein sicher nicht die Treibhausgase reduzieren können, tragen sie einen Teil dazu bei. Welche Ausmaße der hat, darüber ist man sich derzeit noch nicht einig. In einigen Großprojekten werden Daten gesammelt, die darüber Aufschluss geben sollen.

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Was seine Darstellung in den Medien betrifft, ist der Wald ein arg gebeutelter Lebensraum: Nachdem er zwanzig Jahre lang offiziell im Sterben lag, hoffen wir jetzt, dass er unsere Klimasünden ausgleicht: Er ist nämlich imstande, das Treibhausgas Kohlendioxid zu binden und damit für eine Weile unschädlich zu machen. Als solch potenzielle "Kohlenstoffsenke" ist er in letzter Zeit stark in den Mittelpunkt klimapolitischer Überlegungen gerückt. Was er auf dem Sektor wirklich kann, hängt jedoch stark von seiner Bewirtschaftung ab.

Das zugrunde liegende Prinzip ist simpel: Mithilfe von Lichtenergie bauen Pflanzen aus Wasser und dem in der Luft enthaltenen CO2 organische Substanz auf, das heißt während des Wachstums entziehen sie der Atmosphäre Kohlenstoff. Wenn sie ausgewachsen sind, bleibt dieser in ihnen gebunden und trägt nicht zur Klimaerwärmung bei. Wenn sie jedoch absterben - und das tun auch Bäume irgendwann -, geben sie bei ihrer Zersetzung das gespeicherte CO2 wieder ab.

In unseren Wäldern sterben Bäume allerdings kaum eines natürlichen Todes, sondern werden geerntet. In Österreich wie in den meisten Industriestaaten erfolgt das im Rahmen einer nachhaltigen Bewirtschaftung, anstelle der gefällten Bäume wachsen neue nach, sodass die CO2-Speicherfunktion des Waldes erhalten bleibt.

In den tropischen Breiten der Erde hingegen fallen nach wie vor große Waldflächen Rodungen für Agrarland, Staudämme und Infrastruktur zum Opfer, wobei der bislang gebundene Kohlenstoff freigesetzt wird.

Der österreichische Wald schluckt rund 15 Prozent dessen, was wir Österreicher an Treibhausgasen durch die Verbrennung fossiler Energieträger in die Luft pulvern. Da er dabei die Hälfte des Bundesgebietes bedeckt, ist schon rein rechnerisch klar, dass wir unser Kioto-Versprechen (Reduktion der Treibhausgase bis 2012 um fünf Prozent gegenüber dem Stand von 1990) nicht erfüllen können, indem wir einfach mehr Bäume pflanzen. Wenn man in Österreich den Klimawandel verlangsamen will, führt also kein Weg an einer echten Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes vorbei.

Kohlenstoffsenken wie Wälder können die Problematik jedoch entschärfen, das Ausmaß ist aber weit gehend ungeklärt und wird derzeit heftig beforscht. So sammeln im Rahmen der Initiative "CarboEurope" mehr als 100 Forschungsinstitutionen (darunter auch das Institut für Digitale Bildverarbeitung des Grazer Joanneums) unter Federführung des Max-Planck-Institutes für Biogeochemie in Jena seit drei Jahren Daten, die nicht nur die Berechnung der Kohlenstoffbilanz von ganz Europa erlauben sollen, sondern auch die Erfassung der europäischen Kohlenstoffquellen und -senken.

Mehr ins lokale Detail geht ein vom Lebensministerium finanziertes und von Eduard Hochbichler koordiniertes Projekt der Universität für Bodenkultur, das in Kooperation mit der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Gerhard Glatzel und Viktor Bruckman) und dem Verband der Land- und Forstbetriebe Niederösterreichs (Hans Grieshofer) durchgeführt wird. Hier will man herausfinden, wie sich verschiedene Bewirtschaftungsformen auf die Biomasse- und Kohlenstoffvorräte von Wäldern auswirken. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei die Wälder Ostösterreichs, die bis heute vielfach als Niederwald genutzt werden.

Stockausschlag

Der Niederwald ist eine Waldform, die vorwiegend aus Baumarten wie Eiche, Esche, Hainbuche, Feldahorn oder Elsbeere besteht. Diese verfügen nämlich über eine Besonderheit: Sie können sich nicht nur über Samen vermehren, was lange dauert und sehr anfällig für Fressfeinde ist, sondern auch über den so genannten Stockausschlag: Werden solche Bäume gefällt, wachsen sehr bald wieder neue Triebe direkt aus den Stümpfen.

Auf diese Weise produziert man keine langen, schönen Bretter wie im Mittel- oder Hochwald, sehr wohl aber energetisch nutzbare Biomasse, also Brennholz, das man alle 15 bis 30 Jahre ernten kann. (Zum Vergleich: Für die Bauholzerzeugung müssen Bäume 100 bis 120 Jahre alt werden, ehe man sie verwenden kann.)

Ganz so einfach ist die Sache aber doch nicht, denn diese Art der Bewirtschaftung hat Folgen für den Nährstoff-Haushalt: "Holz enthält kaum Nährstoffe", wie Glatzel ausführt, "die stecken alle in der Rinde und in den Blättern. Über das Falllaub und tote Äste gelangen diese Nährstoffe wieder in den Boden, wo sie die Nahrungsgrundlage der Bodenorganismen bilden. Ohne die verarmt der Boden und die Fruchtbarkeit des Waldes leidet."

Werden bei der Brennholz-Nutzung auch tote Äste und viel Rinde aus dem Wald entfernt, ist die Produktivität des Standortes auf längere Sicht gefährdet.

Will man den Wald so bewirtschaften, dass er seine klimaschützenden Eigenschaften voll ausspielen kann, braucht man also eine Menge sehr spezifischen Fachwissens, zu dem das Projekt einen wichtigen Beitrag liefert. Die Ergebnisse bilden die Basis für waldbauliche Entscheidungskonzepte, die Forstleuten nicht nur in Veranstaltungen und Schulungen vermittelt, sondern auch über ein Web-basiertes Decision Support System direkt zugänglich gemacht werden sollen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2007)

  • Immerhin 15 Prozent der Treibhausgase schluckt der österreichische Wald.
    fotocollage: der standard/lux

    Immerhin 15 Prozent der Treibhausgase schluckt der österreichische Wald.

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