"Schulpflicht ein Jahr vorziehen"

5. September 2007, 11:52
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Bürgermeister Michael Häupl will die Vorschulpflicht und ist gegen "Wahlkampf-Unsinn" rund um Kopftuch und Minarette

Er sei für die verpflichtende Vorschule, sagt Bürgermeister Michael Häupl im Gespräch mit Petra Stuiber. Er sehe nicht, was daran so "entsetzlich" sein solle. Entsetzlich seien Debatten um Kopftücher und Minarette.

STANDARD: Das Konzept der 25 Schüler pro Klasse konnte heuer nicht in allen weiterführenden Schulen durchgesetzt werden. Was sagen Sie als Wiener Stadtschulratspräsident dazu?

Häupl: Der Bund muss hier Versäumtes nachholen. Die vorige Regierung hat bei den AHS und BHS Schulraum eingespart. Ministerin Schmied wird hier Abhilfe schaffen, aber sie kann nicht zaubern.

STANDARD: Wie sieht es in den Wiener Hauptschulen aus?

Häupl: Da haben wir, was Raum und Lehrer betrifft, kein Problem. Gerade in bürgerlichen Bezirken geht der überwiegende Teil der Kinder in die AHS-Unterstufe, nicht in die Hauptschule. Das ist leider eine Image-Frage. Denn was Pädagogik, Psychologie und Didaktik betrifft, sind Hauptschullehrer wesentlich besser ausgebildet. Die Denunziation der Hauptschulen durch führende ÖVP-Politiker ist fundamentaler Unsinn.

STANDARD: Sie empfehlen den Bürgern, ihre Kinder vermehrt in Hauptschulen zu schicken?

Häupl: Nein, ich empfehle die Einführung der gemeinsamen neuen Mittelschule für die 10- bis 14-Jährigen. Wir werden Modellregionen schaffen, idealerweise ab kommendem Schuljahr. Aber Qualität geht vor, hudeln werden wir nicht.

STANDARD: Warum machen Sie keine Schulversuche?

Häupl: Wir werden das gleich für die gesamte Region vorbereiten. Ich habe hier einen pragmatischen, keinen ideologischen Standpunkt. Und ich rede auch nicht über die Gesamtschule der 60er-Jahre, sondern über eine Schule des 21. Jahrhunderts, wo es selbstverständlich Leistungsdifferenzierungen geben wird – aber vor allem wird es darum gehen, Stärken zu stärken und Schwächen zu schwächen.

STANDARD: Was heißt das?

Häupl: Dass wir schon im letzten Jahr vor der Schule beginnen, den Kindern das Lernen beizubringen. Da sind sie nämlich besonders aufnahmefähig. Ich bin für die Einführung der Vorschule.

STANDARD: Verpflichtend?

Häupl: Ich bin dafür. Was daran so entsetzlich sein soll, weiß ich nicht. Die Schulpflicht ein Jahr vorzuziehen, nützt allen Kindern, das wissen wir aus allen Untersuchungen. Wenn es keine Verpflichtungen gäbe, gäbe es auch die Schulpflicht, die Maria Theresia eingeführt hat, nicht.

STANDARD: Jörg Haider wettert gegen Kopftücher und Minarette. Fürchten Sie, dass in Wien ein Kulturkampf ausbricht?

Häupl: Nur dann, wenn man sich auf diesen Wahlkampf-Unsinn einlässt. Was ich mit Sicherheit nicht vorhabe, das endet nur in Polarisierung und Auseinandersetzung. Wir setzen auf Integration und Verständigung der Religionen. Ob jemand ein Kopftuch trägt, ist egal.

STANDARD: Können Sie sich in Wien noch eine zweite Moschee vorstellen?

Häupl: Ich weiß nicht, ob das notwendig ist, ich bin dafür nicht zuständig. In Wien wurde die erste Moschee gebaut, wir haben über 60 Gebetshäuser. Ich werde in dieser heute sehr säkularen Stadt alles tun, dass die Religionsfreiheit gewahrt und der Religionsfriede erhalten bleibt.

STANDARD: Was sagen Sie zur strikten Ausländerpolitik von ÖVP-Innenminister Platter?

Häupl: Die ÖVP weiß hier nicht genau, was sie will. Es gibt jene, die meinen "Rechts von uns darf es nur mehr die Wand geben", da gehören gelegentlich der Innenminister und Herr Missethon dazu. Andere haben hier eine viel differenziertere Haltung, etwa Leute aus der Wirtschaft. Ich sehe das aber auch als Chance, dass sich die urbanen und fortschrittlichen Kräfte in der ÖVP durchsetzen.

STANDARD: Der Rechnungshof fordert, 2,9 Milliarden im Gesundheitsbereich einzusparen. Die Gesundheitsministerin sagt, in Wiener Spitälern würden zu wenige Schwerpunkte gesetzt. Werden Sie sparen?

Häupl: Wir haben in Wien vier Kinderspitäler integriert und haben bisher nicht unerfolgreich Kosten umgeschichtet. Woher aber 2,9 Milliarden kommen sollen, die der Rechnungshof fordert, ist nicht nur mir ein völliges Rätsel, sondern auch einer Reihe von ÖVP-Landeshauptleuten. Ich bin außerordentlich für die Effizienz des Mitteleinsatzes im Gesundheitswesens. Gleichzeitig müssen wir aber für den Norden Wiens, wo bald 500.000 Menschen wohnen, ein neues Krankenhaus bauen. Und ich will den uneingeschränkten Zugang zur Spitzenmedizin für alle, unabhängig vom Einkommen. Ganz abgesehen vom Ausbau der Pflege, der bei einer älter werdenden Gesellschaft dringend notwendig ist. Wir werden in Zukunft eher mehr Geld ausgeben als bisher.

STANDARD: Ist die Neutralität "nur eingeschränkt" Realität, wie Hannes Swoboda sagt?

Häupl: Die Neutralität steht außer Frage. Ein bisschen komisch finde ich die Diskussion schon. Dass wir mit dem EU-Beitritt unsere Souveränität freiwillig eingeschränkt haben, liegt auf der Hand. Ich sehe darin nichts Besonderes und sehe auch keinen großartigen Klärungsbedarf.

STANDARD: Ministerin Kdolskys Scheidung wird medial ausgebreitet, bei Ihrem Freund Thomas Klestil war es ähnlich. Ihre Trennung verlief dagegen ruhig. Was haben Kdolsky und Klestil falsch gemacht?

Häupl: Jeder soll das halten, wie er glaubt. Ich habe das Private immer privat gehalten, ich mache keine Homestorys. Dabei muss man freilich konsequent bleiben. STANDARD: SPÖ-Geschäftsführer Josef Kalina sagte, Kdolsky habe mit ihrer Trennung zur "Verlugnerung der Politik" beigetragen. Stimmen Sie ihm zu?

Häupl: Das war genauso überflüssig wie andere Kommentare in diesem Zusammenhang. Ich goutiere so etwas überhaupt nicht. Ein Parteisekretär sollte da Zurückhaltung üben. (DER STANDARD Printausgabe, 5.9.2007)

  • Michael Häupl, Präsident des Stadtschulrats und Bürgermeister: "Im letzten Jahr vor der Schule müssen Kinder das Lesen lernen"
    foto: standard/cremer

    Michael Häupl, Präsident des Stadtschulrats und Bürgermeister: "Im letzten Jahr vor der Schule müssen Kinder das Lesen lernen"

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